Ludwigshafen
Hochstraßenabriss bedeutet das Aus für den Würfelbunker: Ende mit Kaltsprengungen
So ziemlich jeder Autofahrer in Ludwigshafen dürfte im Laufe der Zeit am Würfelbunker vorbeigefahren sein. Der Betonkoloss liegt inmitten der Auf- und Abfahrten der Hochstraße Nord zur Kurt-Schumacher-Brücke. Besonders auffällig ist die aufgesetzte Dachkonstruktion aus Stahl, in deren Mitte seit 1992 ein Würfel den Ludwigshafener Anker und das stilisierte LU-Logo mit dem Anker in Rot-Gelb zeigt.
Der quadratische Klotz steht beim Abriss der Hochstraße Nord und dem Neubau einer Auffahrt von der Helmut-Kohl-Allee auf die Kurt-Schumacher-Brücke im Weg. Die Planer hatten ursprünglich überlegt, die Kurven für die Auffahrt zur neuen Stadtstraße am Bunker vorbeizuleiten, sich dann aber dagegen entschieden, weil die Kurvenführung sehr eng geworden wäre. Schon vor zehn Jahren wurde daher der Abriss des Bunkers beschlossen. Zwar änderten sich die Pläne für das Mega-Projekt zwischenzeitlich, doch der Betonkoloss bleibt ein Hindernis, das beseitigt werden muss. Jetzt im April geht’s los. Der Rückbau des siebenstöckigen Bunkers am Nordbrückenkopf wird das erste sichtbare Zeichen des Hochstraßenabrisses.
Drei Meter dicke Decke
Beim Abriss des Bunkers stellt vor allem die drei Meter dicke Decke eine Herausforderung dar. Die mit den Hochstraßen betraute Bauprojektgesellschaft (BPG) hat eine Spezialfirma mit dem Rückbau beauftragt. Das Abbruchunternehmen hat laut BPG freie Hand, wie es dem Koloss zu Leibe rückt. Zur Wahl stehen dabei verschiedene Methoden: Bagger mit Meißeln werden aller Voraussicht nach zum Einsatz kommen, aber auch Betonsägen oder explosionsfreie Kaltsprengungen könnten zum Einsatz kommen. Bei letzterem Verfahren wird ein spezielles Pulver mit Wasser gemischt und in Löcher gefüllt. Das Gemisch dehnt sich aus und sprengt das Material von innen heraus – lautlos, vibrationsfrei und ohne Splitter. Eine Aufgabe für Profis.
„Wir machen der Firma da keine Vorgaben – nur die Lärm- und Staubemissionsgrenzen müssen eingehalten werden“, sagt Eberhard Küssner von der BPG. Heißt: Die Anwohner im nahen Hemshof sollen möglichst wenig von dem Abriss mitbekommen. Küssner zeigt sich auf entsprechende Nachfragen von Politikern aus dem Ortsbeirat Nord zuversichtlich, dass dies klappen wird. Die Abrissarbeiten sollten möglichst bis Jahresende abgeschlossen sein. Der Würfel mit dem Stadtwappen soll erhalten werden, hat Oberbürgermeister Klaus Blettner (CDU) angekündigt. Im Gespräch als neuer Standort seien die „Ludwigstürme“. Das ehemalige Postbankgebäude am Hauptbahnhof wird gerade umgebaut und soll neues Domizil von großen Teilen der Stadtverwaltung werden. Die Kosten für den Abriss werden auf über eine Million Euro geschätzt.
Bahn-Bunker
Der Bunker wurde in den 1940er-Jahren gebaut. Der Betonbau bot im Zweiten Weltkrieg den Mitarbeitern der Deutschen Reichsbahn und deren Fahrgästen Schutz. Denn damals lag der Ludwigshafener Bahnhof noch in der Nähe und war mit dem Bunker über Fluchttunnel verbunden. Nach dem Krieg wurde die zerstörte Innenstadt neu geplant: Der alte Bahnhof sollte einem Neubau weichen, der 1969 als Europas modernster Intercitybahnhof eröffnet wurde und heute ein Schattendasein am Rande der Innenstadt fristet. In den 1960er Jahren war im Gespräch, den Würfelbunker abzureißen. Hintergrund war der Bau der neuen Kurt-Schumacher-Brücke, die an die Hochstraße Nord angebunden werden sollte.
Schon damals war der Bunker den Planern im Wege. Doch 1963 fiel die Entscheidung, die Straßenplanung zu ändern und den Koloss einfach stehenzulassen – vermutlich wurden die Kosten und der Aufwand für einen Rückbau gescheut. Eine Verwendung für den Bunker hatte damals niemand mehr. Wegen seines relativ niedrigen Fassungsvermögens von 790 Personen kam eine Nutzung als Schutzraum nicht mehr infrage, wurde 1971 entschieden. Eine Weile schoben sich Bund und Stadt die Verantwortung für die Instandhaltung zu – bis 1975 das Bundesvermögensamt den Bunker der Stadt zusprach, der das Grundstück gehört, auf dem er steht.
Viele Pläne gescheitert
Es folgten Wettbewerbe für eine künstlerische Gestaltung oder Begrünung des grauen Betongiganten, die ausgeschrieben, aber nie umgesetzt wurden. Musiker fragten wegen Proberäumen im schalldichten Bunker nach. Künstler wollen dort Ausstellungen zeigen. Eine Nutzung als Jugendcafé oder gar als Spielort für das Prinzregententheater wurde ebenfalls erwogen, wie dem Zeitungsarchiv weiter zu entnehmen ist. Doch sämtliche Pläne zur zivilen Nutzung scheiterten letztlich. Aus Sicherheitsgründen oder weil der Umbau des Kolosses zu teuer gewesen wäre, hieß es.
Ab 2005 gab es im sechsten Geschoss des Bunkers einen städtischen Taubenschlag: Die Vögel wurden zum Brüten angelockt, um dann die Gelege gegen Gips-Eier auszutauschen und so die Vermehrung zu kontrollieren. Im ersten Stock wurden zeitweise rote Theater- oder Kinosessel gelagert. Mittlerweile steht der Würfelbunker leer. Mit dem Abriss verschwindet ein Relikt des Luftkrieges, in dem 1700 Menschen bei insgesamt 124 Luftangriffen auf Ludwigshafen starben. Ohne die Bunker im Stadtgebiet wären es wesentlich mehr gewesen.