Rödersheim-Gronau RHEINPFALZ Plus Artikel Hinter der Bühne: So gelingt die Akrobatikshow „Feuer und Flamme“ (mit Bildergalerie)

Vier Stunden Akrobatik bekommen Zuschauer zu sehen. Dahinter steckt jedoch noch deutlich mehr Arbeit.
Vier Stunden Akrobatik bekommen Zuschauer zu sehen. Dahinter steckt jedoch noch deutlich mehr Arbeit.

Vier Abende, 70 Akrobaten, hunderte Kostüme: Der TuS Gronau entführt mit seiner Akrobatikshow ins Reich der Toten. Dahinter steckt eine Menge Arbeit.

Im kleinen Raum hinter der Bühne ist es warm. Ein einzelnes weißes Licht leuchtet an der Wand, auf dem roten Sofa liegt eine Dose Haarspray, auf dem Boden sind Dutzende Schlappen kreuz und quer verteilt. Noch ist niemand da. Durch die offene Tür dringt kalte Luft herein, hinter dem schwarzen Vorhang auf der anderen Seite dröhnt Musik, ab und zu hört man das Krächzen des Bühnenbodens. Dann öffnet sich der Vorhang, Jungen und Mädchen in bunten Kostümen strömen in den kleinen Raum. Ein weiterer Auftritt ist geschafft.

Hier, wo sonst nur Sportgeräte lagern, warten die Akrobaten auf ihren Einsatz. Zum zwölften Mal findet „Feuer und Flamme“ in Rödersheim-Gronau statt, eine Akrobatikshow der TuS Gronau. Dieses Jahr ist das Motto der „Día de los Muertos“, der mexikanische Tag der Toten. „Die Verstorbenen sind weiterhin Teil der Gemeinschaft“, erklären die beiden Moderatoren. Und bei diesem Fest kommen sie wieder in die Welt der Lebenden. „Wie würde man diesen Tag wohl in anderen Ländern feiern?“ Darum soll es an diesem Abend gehen. Zusammen mit den Zuschauern machen die Darsteller eine Weltreise in Länder wie Brasilien, Bayern oder Ägypten und zu sagenumwobenen Orten wie den Olymp, Atlantis oder das Feenland.

70 Akrobaten

Über der Bühne hängt ein großer bunter Totenkopf. Die weißen Zähne leuchten im Scheinwerferlicht. 70 Akrobaten wechseln mindestens dreimal ihre Kostüme, tragen mexikanische Trachten, Lederhosen, Feenkostüme oder ägyptische Gewänder, um die verschiedenen Länder darstellen zu können. Viele Kostüme stammen aus dem eigenen Fundus, den die Gruppe über Jahre aufgebaut hat, berichtet Trainerin Patricia Bindner. Andere wurden selbst genäht, von anderen Vereinen gekauft oder neu angeschafft.

Thema ist der mexikanische Tag der Toten – deshalb beginnt der Abend auch in Mexiko. Zuerst wird getanzt...
Thema ist der mexikanische Tag der Toten – deshalb beginnt der Abend auch in Mexiko. Zuerst wird getanzt...
...aber schnell gibt es die ersten Hebefiguren...
...aber schnell gibt es die ersten Hebefiguren...
...die immer anspruchsvoller werden.
...die immer anspruchsvoller werden.
Das verlangt den Akrobaten einiges ab.
Das verlangt den Akrobaten einiges ab.
Auch nach Atlantis führen die Akrobaten ihre Gäste an diesem Abend.
Auch nach Atlantis führen die Akrobaten ihre Gäste an diesem Abend.
170 Gäste sind am dritten Abend gekommen.
170 Gäste sind am dritten Abend gekommen.
Zwischen den Auftritten wird die Bühne von den Helfern umgebaut.
Zwischen den Auftritten wird die Bühne von den Helfern umgebaut.
Durch diesen schwarzen Vorhang schlüpfen die Akrobaten.
Durch diesen schwarzen Vorhang schlüpfen die Akrobaten.
Es geht weit weg nach Ägypten...
Es geht weit weg nach Ägypten...
...und weniger weit weg nach Bayern.
...und weniger weit weg nach Bayern.
Eineinhalb Jahre haben die kleinen und großen Akrobaten trainiert.
Eineinhalb Jahre haben die kleinen und großen Akrobaten trainiert.
Nach der letzten Vorstellung gibt es erstmal drei Wochen Pause. Aber dann beginnen die Vorbereitung für die nächste Ausgabe von
Nach der letzten Vorstellung gibt es erstmal drei Wochen Pause. Aber dann beginnen die Vorbereitung für die nächste Ausgabe von Feuer und Flamme.

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In einem anderen Saal, im Obergeschoss des Vereinsheims, haben sich alle 70 noch einmal aufgestellt. Bindner stellt sich vor die Gruppe und ruft: „Geht es allen gut?“ Ein lautes „Ja!“ hallt zurück. Doch nicht laut genug. Sie versucht es nochmal: „Seid ihr gut drauf?“ Nun ein lauteres „Ja!“. Diesmal ist sie zufrieden. „Dann Lächeln nicht vergessen! Wir machen Stimmung für die 170 Gäste!“

Gäste kommen aus vielen Orten

An diesem dritten Abend sind es etwas weniger Besucher als an den anderen, aber das merkt man kaum. Das Publikum jubelt, klatscht, ruft hinein. Die Moderatoren fragen die Gäste, woher sie kommen. Viele natürlich aus Gronau. Aber auch aus Ludwigshafen, Mutterstadt, Neustadt oder sogar Pirmasens sind Zuschauer gekommen. Einige zum ersten Mal, aber viele sind Wiederholungstäter.

Hinter der Bühne warten die Akrobaten im Alter zwischen acht und 48 Jahren auf ihren Einsatz. Sie lachen, tanzen, üben letzte Schritte. Manche gehen die Choreografie noch einmal im Kopf durch. Andere hüpfen auf der Stelle, um warm zu bleiben. Die zwölfjährige Mira und die elfjährige Lina waren schon mehrmals dabei, erzählen sie. Sie tragen bunte Kleider, ihre Haare sind zu zwei kleinen Dutten hochgesteckt. Sie warten auf ihren Einsatz in „Candyworld“.

Viele Stunden Training

Seit viereinhalb und fünf Jahren sind die beiden dabei. Trainiert wurde in verschiedenen Gruppen, je nach Alter – Mira und Lina haben immer dienstags zwei Stunden lang geübt. Und an manchen Wochenenden gab es ganze Trainingstage, zuletzt auch mit allen zusammen. In den letzten acht bis zehn Wochen vor den Auftritten wurde fast jedes Wochenende trainiert, erzählt Bindner. „Aber das geht schnell rum“, sagt Lina. Der Zusammenhalt ist groß, sagen die beiden. Auch die Älteren hätten ihnen geholfen. Und Mira schwärmt von der Trainerin: „Patricia nimmt sehr viel Rücksicht. Ob wir bauchfrei tragen wollen, kurze Ärmel oder lange.“

Auch Trainerin Patricia Bindner ist Teil des Ensembles. Sie geht mit zwei anderen Akrobaten noch einmal eine Armbewegung durch. Eine Kombination bereitet ihr Probleme. Sie treten kurz hinaus in die kalte Abendluft vor der Halle, atmen durch, üben die Bewegung noch einmal. Der Himmel ist wolkenverhangen. Das Licht von Straßenlaternen fällt auf den Weg. Dann fühlt sie sich sicherer, sie betreten wieder den warmen Raum. Gleich müssen sie auf die Bühne.

Vier Stunden Akrobatik

Dort werden vier Stunden Programm geboten: Purzelbäume, Radschläge, Hebefiguren, Pyramiden, die manchmal so hoch werden, dass sie fast die Decke berühren. Wenn die Akrobaten sich im Mittelgang stapeln, kommen vorher Helfer durch den Seiteneingang und rollen Matten aus – ein eingespielter Ablauf.

Zwischen Bühne und Umkleiden gibt es zwei Wege: durch den Zuschauerraum oder außen um das Vereinsheim herum. Beides wird genutzt. Während des ägyptischen Teils ziehen dutzende Akrobaten mit schwarzen Perücken und weißen Kleopatra-Gewändern durch den Mittelgang. Andere Male rennen sie außen herum, um durch den schwarzen Vorhang zu schlüpfen und plötzlich auf der Bühne auftauchen zu können.

Anspruch erhöht

Draußen beginnt es zu nieseln, die Luft wird kälter. Drinnen aber bleibt es warm, beinahe stickig. Wenn die Akrobaten von der Bühne kommen, suchen sie hastig ihre Schlappen, rennen zurück zu den Umkleiden, werden neu geschminkt, ziehen sich um. Acht Leute arbeiten allein in der Maske, dazu Kasse, Technik, die Fotografin, ein Physiotherapeut. Rund 15 Helfer halten den Abend am Laufen, sagt Bindner.

Vier Stunden Programm – anstrengend sei das eher für die Erwachsenen, sagt die Trainerin. „Die Kinder könnten noch viel mehr.“ Vor Corona waren die Auftritte jährlich, aber danach haben sie sich neu ausgerichtet, wollten den Anspruch an sich selbst erhöhen, sagt sie. Jetzt reicht das eine Jahr nicht mehr aus und sie haben eineinhalb daraus gemacht. Vier Abende sind es diesmal, vier Auftritte – so viele wie noch nie. Und auch wenn dieser eine nicht ausverkauft ist, ist Bindner zufrieden: „So bekommt jeder einen Platz, der an den anderen Abenden keinen bekommen hat.“

Feiern bis in den Morgen

Es regnet inzwischen etwas stärker. „Wir gehen durch den Zuschauerraum zurück“, sagt Bindner in der Pause. Also sammeln alle ihre Schlappen ein, schlüpfen hinein und verschwinden im Gewusel. Dann geht es ein letztes Mal auf die Bühne: zum großen Finale auf dem Olymp.

Nach der letzten Vorstellung – alle sind ohne Verletzungen durchgekommen – wird gefeiert. Auf der Bühne wird getanzt, es wird gegessen, geredet – Familien, Zuschauer und Akrobaten zusammen. Bis in den frühen Morgen hinein. Jetzt, sagt Bindner, gibt es erstmal drei Wochen Pause. „Darauf freue ich mich auch mal.“ Der nächste Auftritt ist dann wieder in eineinhalb Jahren. Auch dann sollen es wieder vier Abende werden. Und vielleicht, sagt Patricia Bindner, sind dann alle ausverkauft.

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