Ludwigshafen
Heinrich-Pesch-Haus: Themenabend „Sie spielt wie ein Mann“
„Sie spielt wie ein Mann.“ So heißt ein musikalischer Themenabend im Ludwigshafener Heinrich-Pesch-Haus zum Internationalen Frauentag. Das Lob stammte aus einem Brief Carl Friedrich Zelters an Johann Wolfgang von Goethe aus dem Jahr 1820 und bezog sich auf die Begabung seiner 14-jährigen Schülerin Fanny Zippora Mendelssohn – und es war wohl die höchste Anerkennung, die für eine Frau damals denkbar war. Mendelssohn, die wenige Jahre später Wilhelm Hensel heiraten und bis zu ihrem Tod 1847 den Namen Fanny Hensel tragen sollte, war eine herausragende Komponistin und Pianistin.
So herausragend, dass sie über 500 Kompositionen geschaffen hat, Lieder, Klavierwerke, ein Oratorium, Kantaten, ein Streichquartett, ein Klavierquartett. Vieles ist gar nicht veröffentlicht worden und manches unter dem Namen ihres Bruders Felix Mendelssohn. „Es war wohl beiden klar, dass sie nur dann ein Publikum erreichen würden“, sagt die Komponistin Charlotte Seither. „Und das kam gar nicht so selten vor.“ Fanny Hensel, sagt die 60-Jährige, die in Landau in der Pfalz geboren wurde und schon lange in Berlin lebt, sei das prominenteste, aber nicht das einzige Beispiel in der Musikgeschichte, in der die Leistung einer Frau verleugnet und einem Mann zugeschrieben wurde.
Francesca Caccini, Emilie Mayer, Alma Mahler
„Es ist unfassbar, was Frauen geleistet haben, ohne den Lohn dafür zu bekommen“, sagt die mit vielen Preisen ausgezeichnete Komponistin und nennt beispielhaft Emilie Mayer und Francesca Caccini. Emilie Mayer (1812-1883) wird gerne der „weibliche Beethoven“ genannt (von einem „männlichen Mayer“ ist nichts bekannt) und gilt als eine der größten europäischen Komponistinnen des 19. Jahrhunderts. Sie komponierte Sinfonien, Kammermusik und Chorwerke, wurde gefeiert und bewundert – und ist heute fast vergessen. Francesca Caccini (1587-1640) war die wahrscheinlich größte Musikerin ihrer Zeit und die erste Frau, die eine Oper komponierte – die dann für Jahrhunderte in der Versenkung verschwinden sollte. Oder Alma Mahler. „Sie hatte ein tolles Potenzial und war eine sehr begabte Persönlichkeit“, sagt Charlotte Seither über die Komponistin, die das Komponieren aufgeben musste, als sie 1902 die Ehe mit Gustav Mahler einging (später sollte sie den Architekten Walter Gropius und schließlich den Schriftsteller Franz Werfel heiraten). „Was wohl passiert wäre, wenn sie ihr Potenzial hätte entfalten können?“
Frauen in der Komposition sichtbar zu machen – Initiativen, die sich darum bemühen, gebe es seit 100 Jahren, sagt Seither und nennt Wellen in den 1920er-, 1970er- und 1980er-Jahren und auch in der Gegenwart und jüngsten Vergangenheit. Es gebe aber noch sehr viele Schätze zu heben. Dass eine Frau ihre Kunst nicht unter eigenem Namen veröffentlichen darf – diese Zeiten seien zum Glück lange vorbei. Seither, die in der Neuen Musik zu Hause ist, hat in ihrer langen Laufbahn noch nie von einer Frau gehört, die sich selbst verleugnen und den Namen eines Mannes angeben musste, damit ihr Werk veröffentlicht oder aufgeführt wird. Allerdings kenne sie Kollegen, die, um Geld zu verdienen, auch Popmusik oder Musik für einfache Kirchenchöre komponierten und unter Pseudonym arbeiteten, um sich ihren guten Ruf in der Klassik nicht zu verderben.
„Es gibt immer wieder Rückschritte“
Das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin spielt kein Konzert ohne mindestens ein Werk einer Komponistin. Keine Jury ist mehr allein männlich besetzt. Der Frauenanteil bei Professuren an Hochschulen hat sich erhöht. Aber: „Trotz aller Fortschritte sind wir aber noch lange nicht da, wo wir hinwollen“, sagt Charlotte Seither. „Und es gibt immer wieder Rückschritte.“ So liege der Frauenanteil im Deutschen Komponist:innenverband bei gerade einmal 14 Prozent. Es waren schon mal 18 Prozent – da war allerdings die Fachgruppe Singer-Songwriter mit einem hohen Anteil an Künstlerinnen noch im Verband. Und: „Je höher das Honorar für eine Stelle ist, desto eher wird sie tendenziell mit einem Mann besetzt“, hat Seither beobachtet. Auch (männliche) Dirigenten in Elternzeit oder in Teilzeit arbeitende Intendanten seien ihr unbekannt.
Mädchen und junge Frauen seien unglaublich kreativ, sagt Charlotte Seither. Aber wichtig sei, dass sie Role Models erleben, Lehrerinnen oder Musikerinnen auf der Bühne sehen. „Das Ziel ist“, sagt die Komponistin, „dass wir die Frauenquote irgendwann nicht mehr brauchen.“
Termin
Charlotte Seither gibt beim musikalischen Themenabend am Donnerstag, 12. März, 18.30 Uhr, im Heinrich-Pesch-Haus in Ludwigshafen einen Impuls. Der Eintritt ist frei, um Anmeldung per E-Mail an anmeldung@hph.kirche.org wird gebeten.