Dannstadt-Schauernheim
„Hatte einen Nervenzusammenbruch“: Junge Frau spricht über ihren Tollwut-Hund
„Man merkt, dass die Leute immer weniger Empathie haben“, sagt die junge Frau. Sie möchte aufgrund der Kommentare, die derzeit in den sozialen Netzwerken über sie kursieren, anonym bleiben: „Vor allem auf Facebook ist es schlimm.“ Ende Januar war ihr Hund an Tollwut gestorben – der erste Fall in Deutschland seit einigen Jahren. In den Kommentaren dazu seien immer wieder falsche Behauptungen aufgetaucht, sagt sie. Aber nicht nur das: Auch sie selbst werde teilweise heftig beleidigt. „Ein Nutzer schrieb, dass er mir das gleiche Schicksal wünscht wie meinem Hund. Das sind Personen, die kennen mich gar nicht. Und sie wünschen mir den Tod?“
Doch zurück an den Anfang: Vergangenes Jahr entschied sich die junge Frau, einen Hund zu adoptieren. „Ich habe mit meinem letzten Hund vom Züchter schlechte Erfahrungen gemacht“, erklärt sie. Das Tier sei nach nur einem Jahr an Leukämie erkrankt und verstorben. Nun habe sie einem Hund aus dem Tierschutz eine Chance geben wollen. „Ich habe es bei mehreren Heimen in der Gegend versucht.“ Ein Ausschlusskriterium sei für viele der Tierheime gewesen, dass sie keinen eigenen Garten hat. „Dass ich den Hund mit zur Arbeit genommen hätte und mehrmals täglich mit ihm rausgegangen wäre, hat wohl nicht gezählt. Ein Garten ist doch was für Faule“, erläutert sie. Für einen Hund wolle sie sich aktiv Zeit nehmen und ihn nicht einfach im Garten herumlaufen lassen.
Fahrer spricht kein Deutsch
Im Oktober 2025 stieß sie bei einer Internetrecherche auf eine Seite, die Hunde aus Russland vermittelt – und fand Manja. Eine Mischlingshündin, die im Juli 2025 bei Moskau geboren, als Welpe ausgesetzt und von den Tierschützern gerettet worden sein soll. Standort dieser Organisation laut Webseite: Berlin. „Ich dachte mir: Toll, ich mache einen kleinen Trip daraus. Ein Wochenende in Berlin, und am Ende nehme ich den Hund mit nach Hause.“ Doch es kam anders. Bei einem Telefongespräch mit der Vermittlerin auf der deutschen Seite der Organisation stellte sich heraus, dass Manja noch in Russland sei. „Da habe ich kurz gestutzt. Aber nachdem das der einzige Verein war, der sich gemeldet hat, habe ich zugestimmt.“ Die junge Frau betont: „Hätte auf der Webseite gestanden, dass sie noch in Russland ist, hätte ich gar nicht erst angerufen.“
Der Transport, der eigentlich Anfang November hätte stattfinden sollen, sei dann verschoben worden – wegen der Tollwut-Impfung. „Ein paar Tage hätten wohl noch gefehlt, bis die Impfung wirksam ist – so hat es mir die Vermittlerin gesagt. Ich habe das nicht angezweifelt“, erzählt die Frau. Man vertraue der Organisation ja auch. „Im Nachhinein ist man immer schlauer.“ Letztendlich wurde Manja am 23. November bis vor die Haustür geliefert. Ein Lieferwagen sei vorgefahren, der Fahrer, der kein Deutsch sprach, sei ausgestiegen und habe den kleinen Hund aus dem Auto geholt. Er habe ihn samt Papieren überreicht und sei direkt weitergefahren.
Hunde für Deutschland, Österreich und Frankreich
Die anderen Hunde habe sie nicht gesehen, da er die Tür sofort hinter sich geschlossen habe, erzählt sie. „Aber durch eine Whatsapp-Gruppe wusste ich, dass da wohl fünf andere Hunde im Wagen sein mussten.“ Diese seien nach Österreich und Frankreich vermittelt worden – zu der Zeit seien sie aber schon fünf Tage unterwegs gewesen. „Im Nachhinein habe ich auch gedacht: Wieso macht man sowas?“ Die Organisation wirbt auf der Webseite mit einem sicheren und stressfreien Transport.
Die nächsten zwei Monate mit Manja seien schön gewesen. „Sie war menschenbezogen, verkuschelt – der liebste Hund der Welt. Ich bin bei jedem Wehwechen mit ihr zum Tierarzt gegangen, aber sie war ein gesunder, junger Hund.“ Auf einem Handyvideo sieht man die junge Hündin, wie sie sich schwanzwedelnd auf ein Leckerli freut. Im Hintergrund liegt der Kater der Familie auf der Couch.
Auf einmal wie ausgewechselt
Doch Ende Januar habe sie auf einmal aufgehört zu fressen und zu trinken. Ein Besuch in der Tierklinik zeigte, dass sie einen Fremdkörper verschluckt hatte, der operativ entfernt werden musste. „Der Weg zum Krankenhaus war schlimm“, erinnert sich Manjas Besitzerin. Sie habe sich große Sorgen gemacht. Die OP sei gut verlaufen, doch schon im Krankenhaus habe sich die junge Hündin verhaltensauffällig gezeigt. Sie habe sich einen Zugang zum Tropf herausgezogen und sich an einem Gitterstab Milchzähne ausgebissen.
Auch bei der Abholung sei sie wie ausgewechselt gewesen, habe plötzlich nicht mehr auf ihren Namen reagiert. Die junge Frau erzählt: „Wir haben sie streicheln können, aber sie war völlig weggetreten. Ich dachte, vielleicht kommt das noch von der Narkose. Oder sie ist sauer auf uns und braucht ein paar Tage, um wieder anzukommen.“ Doch die Situation habe sich mit jeder Minute verschlechtert. Als sie versucht habe, ihrer Hündin den Verband für die Kanüle abzunehmen, habe sie sie gebissen. „Nicht im ersten, nicht im zweiten und auch nicht im dritten Moment denkt man an Tollwut“, sagt die junge Frau. „Ich bin davon ausgegangen, dass ihr der Stress mit dem Krankenhaus einfach zu viel war. Dass ich sie überfordert habe.“
Noch an diesem Abend habe Manja angefangen, das Mobiliar auseinanderzunehmen und nach allem zu beißen, was sich bewegt. „Sie war nicht mehr erreichbar. Zu unserem und ihrem Schutz haben wir sie im Wohnzimmer allein gelassen“, berichtet ihre Besitzerin. Auch das sei auf Facebook kritisiert worden. „Wie kann man den Hund in einen Raum einsperren?“, kritisierte jemand. Die junge Frau schüttelt den Kopf über solche Kommentare. „Es gibt immer Leute, die alles besser wissen. Sie waren aber nicht dabei und wissen nicht, in was für einer Situation wir waren. Man kann doch nicht jeden direkt angreifen, wenn man die Hintergründe nicht kennt.“
„Ich hatte einen Nervenzusammenbruch“
Erst nachdem ihr Partner darauf bestanden habe, hätten sie die Berufstierrettung angerufen. Sie erzählt: „Kurz darauf kamen Michael Sehr und zwei Mitarbeitende vom Tierheim Ludwigshafen. Man hat ihnen angesehen, dass sie zuerst dachten, wir hätten angerufen, weil wir mit einem normalen jungen Hund überfordert seien. Doch als sie die Tür einen Spalt öffneten, ist Manja ihnen direkt entgegengesprungen.“ Die nachfolgenden Ereignisse beschreibt die Frau als routiniert und kontrolliert. „Herr Sehr hat in dem ganzen Chaos eine unglaubliche Ruhe ausgestrahlt. Bis heute steht er mit uns in Kontakt. Er hat mit uns geweint. Wir sind ihm sehr dankbar.“
Selbst nachdem Manja ins Tierheim in Quarantäne gebracht worden war, hätte sich die junge Frau nicht vorstellen können, welches Ende diese Situation nehmen würde. „Ich dachte, ich muss mir einen Hundetrainer holen. Dass durch den Krankenhausaufenthalt unsere Beziehung irgendwie zerbrochen ist und wir daran arbeiten müssen, sie wieder aufzubauen.“ Auf den Anruf am Folgetag, dass Manja im Tierheim in der Nacht verstorben sei, war sie demnach nicht vorbereitet. „Ich hatte einen Nervenzusammenbruch und musste von der Arbeit nach Hause fahren“, berichtet die Halterin. Die Situation habe sich für sie nicht real angefühlt.
Der Verlust von gleich zwei Haustieren war hart
Nach dem positiven Tollwut-Test hätten sie und ihr Partner sich impfen lassen müssen. Doch damit nicht genug. „Mein Kater war nicht gegen Tollwut geimpft. Er war kein Freigänger. Und deshalb, so hat mir mein Tierarzt gesagt, brauche er die Impfung auch nicht“, erzählt sie. Sie habe sich also an die Empfehlung ihres Arztes gehalten. Dann kam der Schock: „Da mein Kater und Manja im gleichen Haushalt gewohnt haben, musste er eingeschläfert werden. Das war unglaublich hart für mich.“
Erst nach dem Tod von Manja hätten Diskrepanzen in den Papieren langsam einen Sinn ergeben. So sei ihr Geburtsdatum im Internet mit Ende Juli angegeben worden. In Impfpass und Kaufvertrag habe aber April gestanden. Außerdem seien die Tollwutimpfung Anfang Juli und eine Tollwut-Titerbestimmung von Anfang September vermerkt gewesen – ein Titertest weist Antikörper eines Impfstoffs im Blut nach. Jedoch sei bei der Obduktion der Hündin nachgewiesen worden, dass sie Ende Juli geboren wurde und somit nicht Anfang Juli gechipt und geimpft hätte werden können. Auf Nachfrage habe die Tierschutzorganisation den Geburtstermin Ende Juli bestätigt. Gegen diese Organisation wird nun kriminalpolizeilich wegen Verdachts des Verstoßes gegen das Tiergesundheitsgesetz ermittelt.
Das Veterinäramt des Rhein-Pfalz-Kreises warnt vor Tierschutzorganisationen, die Tiere direkt aus dem Ausland importieren. Um sicherzugehen, dass man die richtige Entscheidung trifft, sollte man den Hund immer vorher persönlich kennenlernen. Weiterhin benötigen Organisationen eine offizielle Erlaubnis nach Paragraph 11 des Tierschutzgesetzes, um Tiere nach Deutschland einführen zu dürfen. Auch das Alter der eingeführten Tiere ist ein wichtiger Faktor. Erst im Alter von 15 Wochen dürfen sie legal aus dem Ausland eingeführt werden, während sie mit frühestens zwölf Wochen gegen Tollwut geimpft werden können.
„Ich wünsche mir mehr Aufklärung zu dem Thema“
Für die Besitzerin aus der Vorderpfalz kehrt nur langsam wieder Normalität ein. Zusätzlich zu den beiden Verlusten ihrer Haustiere, hätten sie auch die Berichterstattung und die Kommentare in den sozialen Medien betroffen. „Das geht mir alles sehr nah“, sagt sie. „Man darf nicht vergessen, im Normalfall lebt man für seine Tiere. Man entscheidet sich bewusst für sie, und dann verliert man sie und die Leute schreiben auf einmal sowas.“ Anfangs habe sie noch versucht, Falschinformationen in Kommentarspalten richtigzustellen. „Das hat aber nicht funktioniert. Den Leuten war das egal.“ Es habe aber auch Menschen gegeben, die sich verständnisvoll geäußert und ihr Beileid ausgesprochen hätten. Sie versuche, sich auf diese zu konzentrieren.
Die Frau wünscht sich, dass Tollwut wieder stärker thematisiert wird. „Deutschland ist zwar offiziell seit 2008 tollwutfrei, aber ich habe am eigenen Leib erfahren, wie schnell es gehen kann und man selbst von einem Einzelfall betroffen ist. Ich wünsche mir, dass Tierärzte mehr aufklären und die Tollwutimpfung wieder für alle Haustiere empfohlen wird – Freigänger oder nicht.“ Hätte es die Empfehlung gegeben, sagt sie, dann hätte sie zumindest ihren Kater noch.
Die junge Frau möchte erstmal Abstand gewinnen und die Geschehnisse verarbeiten, bevor sie sich wieder gedanklich mit der Anschaffung eines Haustiers beschäftigt. „Man holt ein Tier zu sich und denkt, dem schenke ich jetzt das beste Leben“, sagt sie. „Ich tröste mich damit, dass Manja hier zwei sehr schöne Monate hatte. Sie durfte alles. Sie war auf der Couch, im Bett, hat viel gespielt. Und sie durfte lernen, dass es Menschen gibt, die sie lieb haben.“