Mannheim
„hart & direkt“: Ausstellung in der Kunsthalle
Grafik also als Vorreiterin und anspruchsvolles Appetithäppchen zur ab 22. November laufenden großen Jubiläumsausstellung. Und zugleich Auftakt einer gewaltigen Reihe von Kooperationen und Parallelveranstaltungen, allein deren Vorstellung den Rahmen jeder Berichterstattung sprengen würde – weshalb hier auf die Broschüre „Mannheim feiert!“ und das Onlineportal 1920er.art/de verwiesen sei. Kulturbürgermeister Thorsten Riehle gibt sich euphorisch. Ein alter Traum vom großen (und funktionierenden) Netzwerk scheint in Erfüllung zu gehen. Und wenn kommerziell und imagemäßig etwas für die Stadt abfallen sollte, wäre das ja auch nicht so schlecht.
Der Anstoß kam aus der Kunsthalle, die, wenn es das gäbe, mit Recht Markenschutz für den Begriff „Neue Sachlichkeit“ beanspruchen könnte. Was aber macht die geniale Wortfindung von Gustav Friedrich Hartlaub (1884-1963), Direktor des Museums von 1923 bis 1933, so treffend? Nun, sie beschreibt schlagwortartig das nicht nur für die Künste eminent wichtige Jahrzehnt zwischen 1919 und 1929, also vom Ende des Ersten Weltkrieges bis zur Weltwirtschaftskrise, dem Aufstieg des Nationalsozialismus und dem beginnenden Ende der Weimarer Republik. Es wäre seltsam gewesen, wenn die Künste darauf nicht reagiert hätten.
Zeit für was Neues
Sie taten das nüchtern, direkt, mit kühlem Blick. Das illusionistische Pathos des Expressionismus hatte ausgedient, Neues musste her. Denn so golden, wie später oft behauptet wurde, waren die „Goldenen Zwanziger“ nie, eher das Phänomen einer kleinen Oberschicht, die sich das großstädtische Vergnügungsleben leisten konnte. Mit der selbstständigen und selbstbewussten „Neuen Frau“ mit Beruf, Bubikopf und Zigarette zwischen den Fingern verhielt es sich ähnlich. Glanz für die einen, Armut, Arbeitslosigkeit und wenige oder keine Perspektiven für die anderen. Die Anzahl der Femizide stieg drastisch an, auch das gehört zur Wahrheit.
Wieder traf Kunsthallendirektor Hartlaub eine kluge Unterscheidung. Er unterteilte in einen linken, veristischen und einen rechten, klassizistischen Flügel der Neuen Sachlichkeit. Letzterer fand das Neue im Rückblick auf die altdeutsche Kunst, auf Nazarener und Deutschrömer. Er war nicht selten deutsch-national orientiert, einige Künstler – Alexander Kanoldt ist da der Vorzeige-Böse-Bube – traten früher oder später in die NSDAP ein. Die „Linken“ hingegen mit politischen Aussagen und auf Massenwirkung bedacht, wofür die Techniken der Reproduzierbarkeit ihnen die Mittel an die Hand gaben. Größen wie Otto Dix und der mit Prozessen überzogene George Grosz sind bei Themen wie Ausbeutung, Kriminalität und Halbwelt hier Goldstandard.
Diesmal mit Frauen
Es gehört zu den großen Vorzügen der vorwiegend aus eigenen Beständen zusammengestellten „hart & direkt“-Ausstellung (wie der kommenden Jahrhundertschau) , nicht nur die bei Hartlaub fehlenden Künstlerinnen mit einzuschließen, das ist heute selbstverständlich, sondern auch sichtbar zu machen, dass die begrifflichen Zuordnungen nicht immer so eindeutig sind. Von Jeanne Mammen, der großartigen Chronistin des Berliner Lebens, sieht man ein liegendes „Modell im Atelier“, das so klassizistisch kühl und windstill komponiert ist, dass man es glatt dem rechten Flügel zuschlagen könnte.
Georg Schrimpf war Anarchist, seine Arbeiten gehören formal oft zum rechten Flügel. Selbst ein Dix hat sich später, nach 1933, auf altdeutsche Traditionen besonnen. Vor einem muss allerdings gewarnt werden. So ganz leicht ist die von präzisen Wandtexten begleitete Ausstellung nicht zu haben, der bald vorliegende Katalog wäre eine weiterführende Handreichung. Ein wenig Mühe und Zeit sollten Interessierte aber aufwenden, Entdeckungen und Aha-Erlebnisse gibt es zuhauf. Fast ein Muss das Ganze, auch und gerade in Hinsicht auf ein vertieftes Verständnis der von Inge Herold kuratierten Hauptausstellung.
Die Ausstellung
„hart & direkt. Zeichnung und Grafik der Neuen Sachlichkeit“, bis 12. Januar 2025 in der Mannheimer Kunsthalle. Öffnungszeiten: Dienstag, Donnerstag bis Sonntag 10-18, Mittwoch 10-20 Uhr.