Meinung
Gute Sache oder zu viel des Guten: Wenn die Überwachung im Freundeskreis ankommt
Wissen Sie, wo genau sich gerade in diesem Moment Ihr bester Freund oder Ihre beste Freundin befindet? Nein? Dann gehen Sie, genau wie ich, anscheinend nicht mit der Zeit. Denn man tauscht wohl untereinander mittlerweile nicht mehr nur Telefonnummern oder Social-Media-Profile aus, wenn man sich mag, sondern teilt gleich den eigenen Standort. Auf den Meter genau und permanent, dank Apples „Wo ist?“-Funktion. Wirklich neu ist das gar nicht, aber neulich im eigenen Freundeskreis zu sehen, wie viele Menschen das tatsächlich nutzen, war für mich ein Schlüsselerlebnis.
„Sie meinte vor einer halben Stunde, dass sie sich auf den Weg macht. Sie ist aber immer noch zu Hause“, sagte ein Freund zu mir und deutete auf sein Display. „Findest du das nicht gruselig?“, war meine erstaunte Nachfrage. „Nö, wieso? Ist doch praktisch. Dann muss man nicht schreiben oder antworten, wenn es darum geht. Und ich habe ja nichts zu verbergen“, antwortete er wiederum.
Überwachung ist in
Dieses Argument hört man immer wieder bei Debatten um solche Phänomene wie Datensammeln und Überwachung. Aber taugt das denn? Sollte jeder alles von mir wissen können, nur weil es nicht problematisch ist? Ich finde, etwas Privatsphäre darf, ja, muss sogar sein. Und sowieso, meinem bescheidenen Dafürhalten nach ist derjenige, der wahrlich nichts zu verbergen hat, bestenfalls ein Langweiler und schlimmstenfalls Sittenpolizist. Meine Freunde ordne ich eigentlich in keine der beiden Kategorien ein. Aber sei’s drum.
Es wundert dementsprechend nicht, dass auch aus dem Lager der vielfach beschworenen „Digital Natives“ kaum Widerstand zu hören ist, wenn beispielsweise die EU-Kommission Überwachungsmechanismen wie die sogenannte Chatkontrolle einrichten möchte. „Prism“ und Edward Snowden, das waren noch Skandale. Heute werden dergleichen Dinge kaum noch wahrgenommen. Dass das US-Unternehmen Palantir deutsche Behörden beliefert, mit Programmen der israelischen Cyberspionage-Firma NSO-Group Journalisten und Aktivisten in Europa ausspioniert werden, oder die Bundesregierung kürzlich die Vorratsdatenspeicherung wiedereingeführt hat – alles entweder unbekannt oder mit den üblichen Phrasen weggewischt.
Natürlich – der Vergleich hinkt etwas. Seinen Standort teilt man freiwillig, und Regierungen und sonstige zwielichtige Akteure fragen natürlich nicht vorher, ob man denn auch okay damit ist, zum gläsernen Menschen zu werden – dass Überwachungspläne wie die IP-Speicherung mutmaßlich, wieder mal, verfassungswidrig sind, geschenkt. Es hat ja auch durchaus etwas Romantisches, wenn man sein Herzblatt, das vielleicht ganz woanders auf der Welt unterwegs ist, auf der Karte anschaut und vielsagend in sich hineinseufzt. Dass das ganze Wissen über die Freunde, ob jetzt permanentes Tracking oder freiwilliges Posten, auch seine Schattenseiten hat, ist hingegen unbestritten.
Weniger ist mehr
In einem Artikel mit der vielsagenden Überschrift „We should all know less about each other“ (Deutsch: „Wir sollten alle weniger voneinander wissen“) legte die New-York-Times-Kolumnistin Michelle Goldberg schon 2021 genau das dar. Sie bezieht sich auf eine Studie, in der das berüchtigte Phänomen der Echokammern erforscht werden sollte – also die These, dass Menschen in den Sozialen Medien nur das mitbekommen, was ihrer Meinung entspricht, und eben dieser Mangel an anderen Perspektiven zu politischer Radikalisierung führt. Doch die Wissenschaftler stellten fest: Das Gegenteil ist der Fall. Die Teilnehmer, die gezielt Inhalte politisch Andersdenkender zu sehen bekamen, wurden nicht etwa gemäßigter, sondern nur noch überzeugter davon, dass sie selbst im Recht sind – und alle anderen Idioten.
Was hat das jetzt mit dem persönlichen Tracking seiner Freunde zu tun? Na ja, vielleicht, dass es unter Umständen einfach auch für einen selbst nicht gut ist, ständig alles wissen zu können, weil man selbst und andere so gläsern sind. Auch wenn wir in einer Zeit leben, in der man zu allem Stellung beziehen kann und gefühlt muss, ist es durchaus vertretbar, zumindest im Privatleben ein wenig der Ignoranz zu frönen. Weder Wächter noch Häftling im Privat-Panoptikon sein, frei nach dem Motto: „Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß.“
Die Kolumne
Fünf Redakteure berichten für die RHEINPFALZ über Ludwigshafen. Ihre Erlebnisse aus dem (Arbeits-)Alltag nehmen die Redakteure in der Kolumne „Quintessenz“ wöchentlich aufs Korn.