Ludwigshafen Gummischweine im Garten Eden
Erwin Ditzner und Lömsch Lehmann sind in vielen Musikprojekten anzutreffen, gemeinsam betreiben sie ein ziemlich schräges Duo, das Jazz auf eine nur scheinbar leichte Weise serviert. Im vergangenen Jahr haben sie ihr zweites Album veröffentlicht, im Cinema Paradiso & Arte in Ludwigshafen konnte man die beiden nun auch live erleben.
In Neukölln würde man solch einen Ort erwarten, in Ludwigshafen eher nicht. Im Mulitkulti-Stadtteil Hemshof, auf halbem Weg zwischen BASF und Goerdelerplatz, befindet sich das Cinema Paradiso & Arte. Ein Schild oder sonst einen Hinweis gibt es nicht, man muss durch den dunklen Hausdurchgang in den Hinterhof und dort eine geheimnisvoll leuchtende Tür öffnen. Drinnen tut sich ein gänzlich unerwarteter Raum auf, zwei Etagen hoch, vorn eine kleine Bühne, über dem Eingang eine Galerie. Der Raum ist vollgestellt mit alten Möbeln, Sesseln, Sofas, Stühlen, Tischchen, dazu Stehlampen mit Stoffschirmen, Kerzenständer. Das Ganze wirkt wie eine Mischung aus Wohnzimmer und Möbellager. An den Wänden hängen großformatige Bilder, jemand klimpert Beethoven, und über allem schwebt ein Hauch von überbackenem Käse. Der Ort hat eine für Ludwigshafener Verhältnisse lange Geschichte, wurde zu Zeiten der BASF-Gründung im 19. Jahrhundert als Notkirche gebaut, gehörte später einem katholischen Krankenpflegeverein, war italienisches Kulturzentrum, Kino, Antiquitätenlager. Dann haben Domenico D’Angelo und seine Frau Beatrice das Haus gekauft und sind nun dabei, daraus einen Ort für Konzerte, Ausstellungen, Partys und sonstige Events zu machen. Eine Schar Unterstützer gibt es auch und einen Verein, aber die Informationen hierüber sind vielfältig und etwas verwirrend. Auch eine Gruppe russischer Künstler hat hier einen kreativen Treffpunkt gefunden. Die haben sich beim Konzert auf der Empore versammelt, wo es deutlich wärmer ist als unten und Filmplakate und ein alter Projektor daran erinnern, dass der Name „Cinema Paradiso“ von einem italienischen Film aus den 1980er Jahren entlehnt ist. Filme werden hier allerdings fast nie gezeigt, dafür hat sich der Filmemacher Alexander Borodynja unten vor der Bühne postiert, um den Auftritt der beiden Jazzmusiker mit Digitalkameras aufzunehmen. Das Publikum erträgt es mit großer Gelassenheit, minutenlang auf den kräftigen Rücken des Filmkünstlers zu blicken. Vielleicht wird daraus ja ein Meilenstein in der Geschichte des Musikfilms. Ditzner und Lehmann kann ebenfalls nichts aus ihrer tiefenentspannten Ruhe bringen. Vor acht Jahren haben der Schlagzeuger aus Ludwigshafen und der Saxophonist aus Speyer ihr erstes gemeinsames Album aufgenommen, im vergangenen Jahr folgte der Nachfolger „Ditzner Lömsch Duo II“. Die Musik des neuen Albums bildet auch den Kern des Konzerts, die beiden spielen unter anderem Stücke von Charlie Parker, Yusef Lateef und Miles Davis, machen aus Standards der Jazzgeschichte puristische Miniaturen. Lehmanns verhangene Saxophonlinien schweben regengrau über Ditzners sparsamer Trommelei, irgendwann werden die Rhythmen komplexer, und der Saxophonton klart auf zu rauchiger Größe. Zum Einsatz kommen auch allerlei Zusatzgeräte wie eine elektronische Miniorgel, ein Tonbandgerät oder eine elektrische Zither, die Ditzner wie eine E-Gitarre aufjaulen lässt. Auch die quiekenden Gummischweinchen, die schon auf dem Erstling „Schwoine“ für viel Spaß gesorgt hatten, wurden erneut von Ditzners Trommelstöcken malträtiert. „Up from the Skies“ von Jimi Hendrix bekam damit eine völlig neue Interpretation. Freie Improvisationen haben sich Ditzner und Lehmann auf der neuen Platte wie beim Konzert verkniffen, eine Ausnahme machten sie bei „Human Being“, gespielt in Erinnerung an den großen Jazzer Ornette Coleman. Hier zelebrierte Lehmann die Melodie des Stücks erst ganz zärtlich wie einen Trauergesang, und Ditzner beließ es bei Beckengequietsche und Trommelgegrummel, bis die beiden doch ordentlich Hitze entfachten und freejazzig loslegten. Ditzner und Lömsch haben zum ersten Mal im Cinema Paradiso & Arte gespielt, auch sie fanden den Ort ziemlich unglaublich.