Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel Gespräche über Corona: Immer noch in Schockstarre

Tief besorgt: Klaus Kufeld (hier 2020 im „Franz & Lissy“).
Tief besorgt: Klaus Kufeld (hier 2020 im »Franz & Lissy«).

Vor einem Jahr trafen sie sich in der Reihe „Auf der Couch“ im Ludwigshafener Kulturcafé „Franz & Lissy“, um über die Pandemie und ihre Folgen zu sprechen. Jetzt sind Klaus Kufeld, Philosoph, Publizist und langjähriger Leiter des Ernst-Bloch-Zentrums, und sein Gastgeber Hartmut Unger dort erneut zusammengekommen. Wieder ging es um Corona und um die deutlich verdüsterte Stimmung im Lande.

Im Juni 2020 hatten wir den ersten Lockdown gerade überstanden, uns an Hygieneabstand und Masken gewöhnt und füllten fleißig Zettelchen aus, zur etwaigen Nachverfolgung von Infizierten. Das alles haben wir immer noch, dazu Inzidenzwerte auf hohem Niveau, neuer Lockdown, dritte Welle. Veranstaltungen mit Publikum sind genauso untersagt wie private Treffen mit mehr als einer Person. Immerhin wird geimpft und über Öffnungsstrategien diskutiert. Kufeld und Unger saßen diesmal also alleine im Café, ließen auch die Couch unbenutzt, weil sich auf zwei Stühlen mehr Abstand halten ließ. Wer das Gespräch miterleben wollte, musste sich zu einem Livestream auf Facebook einladen lassen. Live im Café wäre natürlich schöner gewesen, nicht nur wegen der nervigen Nebengeräusche der Übertragung.

Aber vieles ist ja nervig in diesen Zeiten. Das spürte man auch an der Stimmung der beiden Gesprächsteilnehmer, auch wenn diese weniger die Unannehmlichkeiten des Alltags als die Verwerfungen der Gesamtgesellschaft im Blick hatten. Vor einem Jahr hatte Kufeld von einem „Schockerlebnis“ durch Corona und vom „Virus als Bedrohungsmodell“ gesprochen. Inzwischen diagnostiziert er die „Schockstarre“ als Dauerzustand, spricht von einer „Lähmung der Gesellschaft“, in der alles stillstehe und das politische System „hilflos“ reagiere.

Krise verwalten reicht nicht

Kufeld hat zwar gerade ein neues Buch mit dem hoffnungsvollen Titel „Rückkehr zur Utopie“ veröffentlicht, sein Urteil über eine Gesellschaft zwischen Lockdown und Impfangebot fällt allerdings eher tief besorgt aus. Es reiche nicht aus, die Krise zu verwalten, es müssten „neue Rahmenbedingungen“ geschaffen werden. Die kapitalistische Wirtschaft funktioniere zwar, allerdings auf Kosten von Teilen der Bevölkerung. Nach Ansicht von Kufeld hat die aktuelle Situation durchaus das „Potenzial für Unruhen“. „Man erträgt es, aber es brodelt“, die von der Politik getroffenen Maßnahmen würden nur aus Angst mitgetragen. Unger, der seine Rolle nicht als bloßer Fragesteller, sondern als eloquenter Dialogpartner interpretierte, sprach von „wachsender Gereiztheit“ und einer „Entlegitimation des Protests“.

Auch im Vergleich mit Staaten wie USA, China oder Israel stellte Kufeld Deutschland kein gutes Zeugnis aus. Zu wenig Impfstoff sei bestellt, Ärzte und Pflegekräfte zu spät geimpft worden. Die Skepsis gegenüber dem Modell Europa sei deshalb gewachsen. Kufeld erläuterte allerdings nicht, ob er wirklich glaube, dass in anderen Teilen der Welt besser mit den Folgeschäden von Corona umgegangen werde, auf die er ganz explizit das Augenmerk lenken wollte.

Wunsch nach einer „Gesundheitsutopie“

Da sprach der studierte Erziehungswissenschaftler von „immensen seelischen Schädigungen“, die als Problem nicht wahrgenommen würden. „Die Folgen für Kinder und Jugendliche sind kein Thema in den Talkshows“, so Kufeld. Auch den Umgang mit der Kultur, das ganze Gerede über Systemrelevanz stört ihn gewaltig. Statt „konsequent zuzumachen“ wäre es besser gewesen, „kontrolliert zu öffnen“, Museen und Theater zu schließen, sei ein „Missstand erster Güte“. Dass aus räumlicher Distanz eine soziale Distanz geworden sei, sieht Kufeld gesellschaftspolitisch sehr problematisch.

Vor einem Jahr waren die Besucher der Veranstaltung am Ende aufgefordert worden, auf Zettel ihre Prognosen, Ängste, Hoffnungen zu notieren. Die nahmen sich Kufeld und Unger nun noch einmal vor und kommentierten die damaligen Bemerkungen aus heutiger Sicht. Viele neue Erkenntnisse brachte das nicht. Dass die Digitalisierung von der Pandemie und ihren Beschränkungen für das öffentliche Leben vorangetrieben würde, war auch damals schon absehbar. Und dass die Krise die Geschäftsmodelle von großen Wirtschaftsunternehmen in Frage stellen könnte, war auch vor einem Jahr nur ein frommer Wunsch.

Im Juli wieder mit Zuschauern?

Was Kufeld sich für die Zukunft wünscht, ist eine „Gesundheitsutopie“, bei der im Sinne von Bloch Gesundheit nicht nur als medizinisches, sondern auch als gesellschaftspolitisches Problem gesehen werde. Die Politik müsse den Mut haben, hier stärker vorsorglich zu agieren und nicht wie jetzt in einer Pandemie mit „Panikreaktionen“. Da wünscht sich der Philosoph auch eine stärkere Einbeziehung von bislang wenig gehörten Einrichtungen wie Ethikrat oder Kinderparlament.

Ihren Optimismus nicht verloren haben immerhin die Macher des Kulturcafés. Wenn dort Anfang Juli der Liedermacher Bernd Köhler und der Gitarrist Claus Boesser-Ferrari zu Gast sind, sollen wieder Zuschauer dabei sein.

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