Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel Gerieselte Weltreise: „Queen of Sand“ zeichnet Jules Vernes Roman live in Friedenskirche

Winzige Strich bewirken große Veränderungen, wenn Irina Titova mit Sand zeichnet.
Winzige Strich bewirken große Veränderungen, wenn Irina Titova mit Sand zeichnet.

Eine Wette, ein Gentleman und wilder Ritt um die Welt: Nur mit einer Handvoll Sand und in atemberaubendem Tempo bebildert die „Queen of Sand“ einen Roman.

Ein exzentrischer Gentleman, der mit seinem Diener Passepartout eine ziemlich ungewöhnliche Wette einlöst und sich im Wettlauf gegen die Zeit auf eine Reise um die ganze Welt begibt, das ist Inhalt von Jules Vernes Romans „In 80 Tagen um die Welt“. Den faszinierend dargestellten Szenen können die Zuschauer auf einer Großleinwand vergangenen Donnerstag in der Ludwigshafener Friedenskirche folgen. Mit Fingerspitzengefühl lässt Irina Titova Sand rieseln, wischt Umrisse und zeichnet Linien auf eine Glasplatte, um den Hintergrund ihrer Reiseländer zu erschaffen und den Protagonisten ein Gesicht zu geben. Vor 150 Jahren veröffentlichte Jules Verne seinen spannenden und amüsanten Roman, der zu einem Mythos der Moderne wurde.

Ziemlich abgedreht, die Wette, die am Anfang steht. Die Reise führt Irinas Sandfiguren – aus Sicht des Dieners Passepartout erzählt – von London nach Paris, sie streifen Pisa, grüßen aus Venedig, reiten auf Elefanten in Indien und fliegen über das Dach der Welt. Den Fahrplan hat der englische Gentleman, Phileas Fogg, bei Reiseantritt schon im Kopf. Und genau wie im Roman läuft nicht alles glatt. Da gehen Schiffe unter, dann verliert er seinen Diener.

Aber Pünktlichkeitsfanatiker Fogg findet stets Lösungen, verpasste Transportmöglichkeiten auszugleichen. Das können schon mal Luftschiffe, Elefanten oder Kamele sein. Nach einem Ritt durch die Weiten der Wüste bis zu den Pyramiden Ägyptens mit zahllosen unvorhersehbaren Abenteuern führt die Reise bis zur Skyline nach New York. Außer den beiden Hauptpersonen spielen ein Detektiv und eine gerettete Prinzessin aus Indien eine Rolle. Der französische Diener Passepartout ist angetan von den Damen, die auf der Welt so unterschiedlich sind. Leider hat sein Herr wenig Verständnis für fremde Kulturen, er ist vielmehr auf das Einhalten seines Zeitplanes bedacht. Dennoch retten die beiden eine junge Witwe vor der rituellen Verbrennung in Indien. Sie wird zur Begleiterin für den Rest der Route. Und dann war da noch Detektiv Fix, der Fogg für einen Bankräuber hält und ihm unbemerkt auf den Fersen ist. Immer wieder schlägt er ihnen Schnippchen. Dessen nicht genug stört im Zug nach New York eine Büffelherde im Gleisbett und ein Überfall von Indigenen das Gelingen der Wette. Die Bilder sind mit Musik und der Stimme von Erzähler Joachim Kerzel untermalt. Winzige Striche – gerieselt aus Sand – bewirken große Veränderungen in der Mimik der Figuren, was die Geschichte noch lebendiger macht.

Irina Titova gilt als die „Queen of Sand“. Sie begann 2009 bei ihrer kunstpädagogischen Arbeit mit Kindern mit Sand zu arbeiten. Schon damals sei ihr klar gewesen, dass dies ihr Schöpfungsweg sein würde, und sie diese Kunstform ihr ganzes Leben begleiten werde, schreibt sie auf ihrer Website. Seit 2011 setzt sie Sand bei verschiedenen Projekten als künstlerisches Mittel ein.

Prinzessin als Galionsfigur

Genau wie im Roman baut sich während der Vorstellung nicht nur Spannung auf, es gibt auch humorvolle Momente, die vom Ludwigshafener Publikum mit einem Lachen quittiert werden. Beispielsweise als der spröde Fogg die gerettete Prinzessin in Titanic-Manier als Galionsfigur emporhebt. Oder in der Szene, bei der Passepartout in San Francisco die Bekanntschaft freizügiger Damen macht. Es sind die kleinen Details in den Bildern, die die Vorführung zu einem besonderen Erlebnis machen. Die Geschichte hat Tempo und viel Humor. Genauso facettenreich gelingt der Künstlerin die Umsetzung. Und am Ende gibt es eine Überraschung, genau wie in jedem guten Roman. Die Zuschauer quittierten die Vorstellung in der voll besetzten Friedenskirche mit Standing Ovations. Ein Abend, der nicht nur begeistert, sondern auch berührt hat.

Auf eine Glasplatte zeichnet Irina Titova Szenen aus „In 80 Tagen um die Welt“ – nur aus feinstchen Körnchen.
Auf eine Glasplatte zeichnet Irina Titova Szenen aus »In 80 Tagen um die Welt« – nur aus feinstchen Körnchen.
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