Mannheim RHEINPFALZ Plus Artikel Geplantes Forum Deutsche Sprache soll ein Forschungslabor zum Mitmachen werden

Offene Architektur: Das Gebäude des Forums Deutsche Sprache in der Neckarstadt soll eine Glasfassade bekommen, die als „Klimahül
Offene Architektur: Das Gebäude des Forums Deutsche Sprache in der Neckarstadt soll eine Glasfassade bekommen, die als »Klimahülle« konzipiert ist.

Mit dem Forum Deutsche Sprache (FDS) entsteht in der Mannheimer Neckarstadt das weltweit erste interaktive Sprachmuseum. Das Konzep soll einzigartig und ohne Vorbilder sein.

Die Eröffnung des FDS ist für die zweite Jahreshälfte 2028 geplant. Schon jetzt erforschen die Verantwortlichen nicht nur den Boden, sondern auch die Atmosphäre im Quartier. Denn Sprache lebt von Beständigkeit und Veränderung. Wie dynamisch sie sein kann, hat der Standort zuletzt selbst unter Beweis gestellt. Bis vor ein paar Monaten hätte noch niemand etwas mit einem „Monnem Eye“ anfangen können. Seitdem das Riesenrad jedoch zum echten Blickfang wurde, ist auch der Alte Messplatz Süd vielen Menschen in der Region ein Begriff. Die Attraktion ist inzwischen weitergezogen, die Gondeln drehen jetzt im Londoner Hyde Park ihre Runden. Die Brachfläche unweit der Kurpfalzbrücke dagegen ist mit Bauzäunen umstellt.

Bauantrag in Rekordzeit

„Hey du!“ steht auf einem der einladenden, mit kleinen Gucklöchern versehenen und neugierig machenden Banner. Nachdem das FDS seit 2020 nur als Vorstellung, Konzept und Idee des Instituts für Deutsche Sprache (IDS) umhergeisterte, wird seine Entstehung nun zum ersten Mal öffentlich sichtbar. In Rekordzeit von acht Wochen wurde der Bauantrag genehmigt. Und die Macher dahinter wollen Kontakt mit der Bevölkerung aufnehmen. „Das FDS soll kein Raumschiff sein, das sich im luftleeren Raum bewegt, wir sind fest mit den Menschen vor Ort verankert“, betont der wissenschaftliche Direktor, Henning Lobin, bei einem Informationsabend für Bürger.

Die Brachfläche unweit der Kurpfalzbrücke ist mit Bauzäunen umstellt. „Hey du!“ steht auf einem der Banner.
Die Brachfläche unweit der Kurpfalzbrücke ist mit Bauzäunen umstellt. »Hey du!« steht auf einem der Banner.

Aktuell werden auf dem Areal Bodenuntersuchungen vorgenommen. Sofern es nicht zu Verzögerungen durch Bombenfunde kommt, könnten im Oktober auf dem Gelände der Erdaushub erfolgen und die 17 Meter tiefen Pfeiler gesetzt werden. Im Frühjahr 2026 ist die Grundsteinlegung vorgesehen, über ein Jahr soll sich dann zunächst der Rohbau des von der Klaus-Tschira-Stiftung finanzierten Projektes hinziehen. Die Belastung für die Nachbarschaft durch Staub und Lärm wollen die Verantwortlichen so gering wie möglich halten. Wenn das neue, gläserne Haus mit Fernwärme versorgt wird, könne es zu einer „maximal zweiwöchigen Sperrung“ der Ecke Dammstraße/Alter Messplatz kommen.

Kein Museum im herkömmlichen Sinne, sondern ein interaktives Forschungslabor möchte das FDS sein. Mit Veranstaltungen, Sprachwerkstatt und Mitmachstudios, um Alltagssprache zu dokumentieren und somit einen Forschungsbeitrag zu leisten – mit einer Dauerausstellung namens „Sprachkosmos“, die sich über zwei Stockwerke erstreckt. Dort soll der „eigene phonetische Fingerabdruck“ visualisiert werden. Die Besucher sollen zudem mit Sprachrobotern kommunizieren können.

Das Forum Deutsche Sprache will ein interaktives Forschungslabor sein.
Das Forum Deutsche Sprache will ein interaktives Forschungslabor sein.

„Und wie sprichst du?“ Henning Lobin verwendet bewusst einen sehr persönlichen Slogan, um aufzuzeigen, dass Sprache zwar Regeln und Grammatik folgt, aber auch von Vielfalt lebt. Dabei wolle das FDS später gewiss nicht Sprachpolizei spielen, nicht in „richtig oder falsch“ einteilen, so Lobin. Das Forum sei kein Duden. Man lege nicht fest, wie Sprache funktioniere. Das FDS sei eine wissenschaftliche Einrichtung des IDS, die jetzt schon mit Projekten wie die „Sprachchecker“ bilinguale Sprechrealitäten in der Grundschule der Neckarstadt-West erforscht. „Wir arbeiten mit vielen Schulen zusammen und wollen ein Bewusstsein für die Vielfalt und den Wandel von Sprache aufbauen“, erläutert Lobin.

Sprache erleben

Das betrifft auch die Technologie. Nicht nur Menschen können mittlerweile sprechen, sondern mittels Künstlicher Intelligenz (KI) auch Maschinen. „Das ist ein großer Einschnitt, bei dem wir noch gar nicht wissen, was daraus alles hervorgeht“, stellt der Wissenschaftler klar. Das Forum möchte daher zu einem Ort werden, an dem die Besucher erleben, wie wichtig der mündliche Dialog und der bewusste Umgang mit Sprache für die Gesellschaft ist. „Dieses Anliegen strahlt auch die transparente, sich zum Platz öffnende Architektur des Neubaus aus“, findet Lobin.

Mit einer Glasfassade, die als „Klimahülle“ konzipiert ist, wird das im zweistelligen Millionenbetrag liegende Projekt einmal ausgestattet sein. Und mit einer Dachterrasse, von der die Gäste einen Blick über die Stadt genießen können – fast wie vom „Monnem Eye“ aus. Der gesamte Platz zwischen der Freizeitstätte „Alter“ und dem FDS soll dank eines Grundsatzbeschlusses der Stadt viel grüner und schattiger gestaltet werden. Der Parkplatz hinter dem Lidl-Markt soll wegfallen. Sozioökonomische Effekte, sprich eine Gentrifizierung, werden von manchen Bürgern durch das neue Museum befürchtet. Lobin und seine Mitstreiter rechnen dagegen mit einer Aufwertung des Quartiers, von der gerade die Bewohner vor Ort profitieren könnten.

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