Ludwigshafen Gegen den Hass im Netz
„Die Lehrer sind gleich nicht mit dabei“, sagt Markus Horn, Medienpädagoge bei medien+bildung.com. Ein freudiges, gleichzeitig gespanntes Raunen geht durch die Reihen in der Aula des Geschwister-Scholl-Gymnasiums (GSG). Statt Lehrern werden sich an diesem Vormittag ältere Mitschüler mit den Siebt- und Achtklässlern dem Thema „Hate Speech“ zuwenden. Doch nicht nur das ist ungewöhnlich. Statt Erdkunde oder Physik zu pauken, werden die Schüler später Videos mit ihren Smartphones drehen. Cool? Ja. Aber mit durchaus ernstem Hintergrund. Hate Speech bezeichnet bewusst gegen andere Menschen eingesetzte Worte und Bilder, etwa rassistische oder sexistische Kommentare. Vor allem aus dem Internet, dort speziell aus sozialen Netzwerken, ist dieses Phänomen bekannt – wenn etwa Nutzer im Unmut über ein Youtube-Video wüste Beschimpfungen per Kommentarfunktion hinterlassen. Mit der Initiative „#NichtEgal“ wollen Medienpädagogen, unterstützt von Google-Unternehmenstochter Youtube, junge Leute für das Thema sensibilisieren. So weit, so theoretisch. Ganz praktisch fliegen in einer der siebten Klassen am GSG gerade die Füller und Bleistifte über das Papier, um auf Plakaten Gedanken zu Hate Speech aufzuschreiben. Ganz analog zeigt sich, wie verwurzelt die jungen Menschen im Digitalen sind. „Mit Ausweis anmelden, damit man weiß, wer das geschrieben hat“, schlägt eine Schülerin schriftlich vor, um den Hass-Kommentaren einen Riegel vorzuschieben. „Hate ist in eingeschränktem Bereich auch ein Verbesserungsvorschlag“, setzt ihre Mitschülerin dem entgegen. Schließlich zeige ein negativer Kommentar: Das Video ist nicht gut. Ein anderes Indiz dafür, dass dieses Thema bewegt: Statt die Abwesenheit des Lehrers auszunutzen und etwa nichts zu tun, sind hier fast alle mit dabei. Vor der Klasse stehen Aileen, Katrin, Ian, Josh und Julian. Die Zehnt- und Elftklässler sind geschulte Mentoren, leiten an, diskutieren mit den Jüngeren. Warum sich die fünf für das Thema engagieren? „Hate-Speech ist etwas, was uns heute betrifft“, sagt die 16-jährige Aileen. „Es ist ein Problem, über das man reden sollte“, findet Julian. Sie haben den Hass auf dem Bildschirm noch nicht selbst erfahren. Im Gegensatz zu einigen Schülern. Erst zwölf Jahre alt ist ein Junge und sagt: „Auf Instagram habe ich schon mal Hate bekommen.“ Kurzes Schlucken. Aber er habe sachlich geantwortet, statt zurückzupöbeln. Lob von den Mentoren und damit gleich der erste Tipp. Medienpädagoge Horn geht noch einen Schritt weiter: „Positiv gegenkommentieren hilft.“ Er berichtet, dass es unter Schülern alle Formen der Hate-Speech-Erfahrung gebe. Fast alle haben schon solche Kommentare fremder Nutzer gelesen, einige wurden selber beleidigt, manche haben bereits selbst andere „gehatet“. Am Ende des Vormittags sollen dann noch die Smartphones ins Spiel kommen. In Gruppen drehen die Schüler damit eigene Kurzvideos: Statements gegen den Netz-Hass. Passend zum Aktions-Motto „#NichtEgal“ bleibt die Vermutung: Egal ist Hate Speech nun sicher nicht mehr.