Mannheim RHEINPFALZ Plus Artikel Franz Müntefering und seine Liebe zur Literatur

Wenn man Franz Müntefering ärgern will, sollte man behaupten, er sei im Ruhestand. Das Wort sei für ihn „die größte Provokation“
Wenn man Franz Müntefering ärgern will, sollte man behaupten, er sei im Ruhestand. Das Wort sei für ihn »die größte Provokation«, sagte er in der Alten Feuerwache.

Bei einer denkwürdigen Veranstaltung beim Literaturfestival „Lesen Hören“ in der Alten Feuerwache hat Franz Müntefering über die Bücher seines Lebens gesprochen.

Das Gespräch zwischen Franz Müntefering und Insa Wilke, der Programmleiterin von „Lesen Hören“ – es hatte etwa eine Dreiviertelstunde gedauert, als es jäh unterbrochen wurde. Lauter Alarm ertönte in der Alten Feuerwache, der Saal musste geräumt werden und das Publikum und die Gäste standen eine knappe halbe Stunde im Freien, bis die Feuerwehr (in beeindruckender Stärke) angerückt war und den (Fehl-)Alarm ausgeschaltet hatte. Das konnten die Verantwortlichen der Feuerwache nicht selbst.

Nach dieser Unterbrechung war der Saal fast genauso voll wie vorher. Kaum jemand wollte verpassen, wie das Gespräch mit Franz Müntefering über die „Bücher seines Lebens“ weiterging. Im ersten Teil der Veranstaltung hatte sich der nunmehr 86-jährige ehemalige Politiker geistig topfit, eloquent wie eh und je und im besten Sinne geistreich präsentiert – unweit des Rosengartens, wo er 1995 beim wegen Rudolf Scharpings Sturz legendären Mannheimer Parteitag der SPD zu deren Bundesgeschäftsführer gewählt worden war. Es war eines von vielen Ämtern, die „Münte“ in der Sozialdemokratischen Partei hatte. In den turbulenten Nullerjahren war er sogar zweimal ihr Vorsitzender, von 2004 bis 2005 und von 2008 bis 2009.

„Eine bücherfreie Familie“

Um Politik oder gar Parteipolitik, weder vergangene noch aktuelle, sollte es an diesem Abend in der Feuerwache aber nicht gehen. Sondern allein um Bücher, die Franz Müntefering geprägt haben. Geboren mitten im Zweiten Weltkrieg 1940, wuchs er zunächst nur bei seiner Mutter auf – der Vater kam erst Ende 1946 aus der Kriegsgefangenschaft zurück. Es sei „eine bücherfreie Familie“ gewesen, sagte der 86-Jährige, für den Kauf von Büchern sei einfach kein Geld da gewesen. Und trotzdem habe seine Mutter vieles möglich zu machen versucht. So habe er die umgedrehte Sitzfläche eines Stuhls bemalen dürfen. Einen mittlerweile 100 Jahre alten Stuhl aus seinem Elternhaus habe er „immer mitgeschleppt“, sein Leben lang.

1946 lockte die Schule – sie lockte tatsächlich mit Literatur, denn dem kleinen Franz war versprochen worden: „Wenn du mitgehst, gibt dir die Lehrerin ein Lesebuch. Also bin ich mit.“ Und dann die Enttäuschung: Aus dem Buch waren ein paar Seiten herausgerissen worden. Es waren, wie sich herausstellte, Spuren des Nationalsozialismus gewesen, die man getilgt hatte. Er habe „so viel wie möglich nachgeholt“, erinnerte sich Müntefering, der „acht Jahre und zwei Monate“ die Volksschule besuchte und dann mit 14 Jahren eine Lehre zum Industriekaufmann machte. Seit er Zugang zu Büchern hatte, hat er sie auch gelesen – immer gemeinsam mit seinem Freund Berthold, der mit ihm den Kindergarten und die Schule besucht hatte. Als er vom allzu frühen Tod seines Freundes mit Anfang 30 erzählte, hatte Müntefering mehr als ein halbes Jahrhundert später Tränen in den Augen.

Bertolt Brecht statt Karl May

Zur Unterhaltung habe er nie gelesen, sagte der ehemalige Fraktionsvorsitzende, Arbeitsminister und Vizekanzler. Die „Winnetou“-Bücher von Karl May zum Beispiel – sie waren seine Sache nicht. Er las Albert Camus, Bertolt Brecht, den Soziologen Ulrich Beck, Hannah Arendt oder das „Kursbuch“. Bei der Anblick der ersten Ausgabe von 1965, die er mitgebracht hatte, ging ein Raunen durch die Reihen – das Publikum in der Feuerwache war ein tendenziell älteres.

Im Gespräch mit Insa Wilke schien immer wieder durch, dass Münteferings Welt- und Menschenbild sehr stark von der Beschäftigung mit Literatur geprägt ist. Er warb immer wieder für Humanismus, dafür, den Schwächeren in der Gesellschaft oder auch in anderen Ländern zu helfen, sich für Freiheit, Frieden, Gerechtigkeit und Demokratie einzusetzen: „Demokratie ist die einzige Chance, in eine gute Zukunft zu gehen.“ Er selbst engagiert sich im Ruhestand vor allem für die Belange von älteren Menschen. Ruhestand? „Das Wort ist für mich die größte Provokation.“

Ein schönes Zitat von Hannah Arendt hat Franz Müntefering schon oft verwendet, und es erklang auch an diesem Abend in der Alten Feuerwache: „Politik ist angewandte Liebe zum Leben.“

Unterbrochen wurde der Abend durch einen Feuer(fehl)alarm. Das Publikum musste den Saal verlassen, bis die angerückte Feuerwehr
Unterbrochen wurde der Abend durch einen Feuer(fehl)alarm. Das Publikum musste den Saal verlassen, bis die angerückte Feuerwehr ihn ausgeschaltet hatte.
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