Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel Filmfestival: Weniger Kinos, mehr Rücksicht

Die lauschige Atmosphäre am Rheinufer – ein Garant für viel Publikumsverkehr.
Die lauschige Atmosphäre am Rheinufer – ein Garant für viel Publikumsverkehr.

Die Macher des Festivals des deutschen Films reagieren auf die Debatte der Vorwochen. Das Team um Direktor Michael Kötz verkündet ein Ende des Wachstums, will aber am Standort Parkinsel festhalten. Er sei „unverzichtbar“ für den Erfolg des Kinospektakels.

Auslöser der jüngsten Debatte über Umwelt- und Standortfragen war ein RHEINPFALZ-Interview Mitte Februar mit dem Speyerer Forstwissenschaftler Volker Ziesling. Anwohner hatten ihn um eine Expertise gebeten. Er diagnostizierte nachhaltige Naturschäden, die Gefährdung des Platanenbestands infolge des Festivals und regte eine Verlegung in den Ebertpark an. Das wiederum lehnt die Stadtverwaltung ab, kündigt aber eine ökologische Baubegleitung an, zu der auch Ziesling geraten hatte. Die Stadtratsfraktionen forderten im Nachgang strikte Kontrollen beim Auf- und Abbau der Kino- und Gastronomiezelte.

Die Festival GmbH bringt nun für die 18. Ausgabe des Kinoereignisses – 24. August bis 11. September – nicht nur den Verzicht auf eine weitere Ausdehnung ins Spiel, sondern sogar einen gewissen „Rückbau“ mit nur drei anstatt zuletzt vier Kinos.

Zudem sollen Auf- und Abbauzeiten, soweit dies möglich ist, um eine Woche reduziert werden. Weitere Verkürzungen seien abhängig von der Witterung. Bei anhaltendem Regen müsse zum Schutz der Natur pausiert werden. Wegen der Überschwemmung und des Zeitdrucks beim Aufbau hätten im Vorjahr nicht alle Vorgaben eingehalten werden können, räumt Gabriele Bindert, Leiterin des Grünbereichs, ein. Sie betont aber auch: Das Festival werde seit seiner Premiere 2005 eng begleitet. Vorgaben zum Erhalt des Schutzgebiets und der Bäume würden grundsätzlich eingehalten.

„Kultureller Leuchtturm“

Den Veranstaltern zufolge ist das Festival in den 17 Jahren seines Bestehens „dank der begeisterten Mitwirkung der Ludwigshafener zu einem sehr wichtigen Treffpunkt für Tausende von Bürgern der Stadt und der gesamten Region geworden“. In Zeiten zunehmender sozialer Spaltungen und Spannungen sei das jährliche Stelldichein für ein gemeinsames Kultur- und Naturerlebnis von hoher Bedeutung für die Stadtgesellschaft.

Auch wegen seines fachlich hohen Niveaus habe sich das Festival, nach der Berlinale das zweitgrößte unter 400 Festivals bundesweit, zu einem „kulturellen Leuchtturm“ sowie zu einem Aushängeschild für Ludwigshafen entwickelt. Das nach Ansicht der Frankfurter Allgemeinen schönste Festival Deutschlands sei „eine einzigartige Werbung“ für die Stadt. Damit das so bleibe, sei der Veranstaltungsort Parkinsel eine absolute Voraussetzung.

Das Wesen des Erfolgs

„Wer hier andere Orte vorschlägt, hat nicht verstanden, worin das Wesen des Erfolgs sowohl beim Publikum der Stadt und der Region als auch in der Fachwelt besteht“, betonen Kötz und sein Team.

Hinzu komme: Das Festival werde von einer gemeinnützigen GmbH veranstaltet. Es sei also keine städtische Kultureinrichtung, die öffentlich finanziert werde, sondern ein auf sich selbst gestelltes Unternehmen. Zugleich sei das Festival aber nicht kommerziell, dürfe es doch als gemeinnützige GmbH steuerrechtlich keine Gewinne machen. Sechs Prozent des Etats stemmt die Stadt, drei Prozent das Land Rheinland-Pfalz. 15 Prozent der jährlichen Mittel stammen von Sponsoren, zwei Prozent steuert der Förderverein bei. 74 Prozent muss das Festival aus eigener Kraft erwirtschaften – etwa durch den Ticketverkauf und die Bewirtung. Für den Fortbestand des Festivals sei daher eine gewisse Größe überlebenswichtig, so Kötz.

Mit 120.000 Besuchern im Jahr 2019 – im Vorjahr kamen pandemiebedingt nur halb so viele – habe das Festival indes eine kritische Größe erreicht, die an Grenzen stoße. Deshalb habe die Festival GmbH beschlossen, das Wachstum zu beenden. Dies setze allerdings voraus, dass bestehende Zuschüsse und Sponsorenbeiträge mindestens stabil bleiben.

„Von existenzieller Bedeutung“

„Wer vorschlägt, das Festival könne doch auch weniger Besucher als 2019 haben, muss zugleich zusichern können, dass sich die Zuschüsse vervielfachen werden, wenn das Festival hinsichtlich seiner Bedeutung für die Stadt erhalten bleiben soll“, heißt es in einer Stellungnahme. Die Parkinsel sei geradezu von existenzieller Bedeutung für den großen Erfolg und die Beliebtheit des Events.

Dessen Macher fühlen sich nach eigenen Worten zu einem verstärkten Respekt gegenüber der Natur verpflichtet, auch wenn es sich um die längst von Menschenhand veränderte Natur eines Stadtparks handele, den das Festival auf lediglich fünf Prozent seiner Fläche belege (ein Hektar von 26 Hektar Parkgelände). „Das Festival ist ein Ereignis, bei dem Natur und Kultur, Naturerfahrung und Erlebnis von Kunst auf das Engste verbunden sind. Seit der Gründung des Festivals hat das Grünflächenamt der Stadt alle Maßnahmen intensiv begleitet und beaufsichtigt.“ Die erreichte Größe der Veranstaltung verlange nun aber ein gewisses Nachjustieren, heißt es seitens der Festival GmbH.

So sollen künftig zum Schutz der Platanen die zur Sicherung der Zelte baurechtlich vorgeschriebenen Erdnägel nur unter Aufsicht der Behörde und einer intensiven Prüfung des Erdreichs gesetzt werden, um Wurzelverletzungen auszuschließen. Während der Aufbau- und Abbauzeit soll es eine lückenlose ökologische Baubegleitung geben. Die Kosten für mögliche Schäden übernehme – wie bisher – die GmbH.

Akustikexperte im Boot

Falsch sei der Eindruck, dass man keine Rücksicht auf Anwohner nehme. Für konstruktive Kritik sei die Direktion offen. Im Interesse der Anlieger werde beim Festival künftig werktags ab 22 Uhr verstärkt darauf geachtet, diese nicht durch Lautsprecherdurchsagen oder den Filmton in ihrer Nachtruhe zu stören. Ein Akustikexperte versuche, die Geräuschkulisse weiter einzudämmen. Ein Teil des Küchenbetriebs werde in Bereiche verlegt, die deutlich von Wohnhäusern entfernt liegen, versprechen die Veranstalter.

„Nur die Parkinsel ist für uns und viele andere der einzig richtige Standort für das Festival“, betont Direktor Kötz. Für dessen Erhalt sei ein stattliches Besucheraufkommen notwendig. Ohne die Gewährleistung dieser beiden Aspekte müsste sich das Festival einen Standort außerhalb Ludwigshafens suchen. „Das wäre für beide Seiten eine äußerst traurige Entwicklung“, bilanziert Kötz.

Kommentar: Hollylud – was großes Kino wäre

Keine Frage: Der Erfolg des Filmfestivals hat ursächlich mit dem attraktiven Standort zu tun. Die Kombination Kino und Rheinufer ist einfach unschlagbar und macht aus der Industriestadt für wenige Wochen ein kleines „Hollylud“. Dass Festivaldirektor Kötz und die Verwaltung an der Parkinsel festhalten wollen – wer mag es ihnen verdenken. Andererseits hinterlassen Tausende Gäste, schweres Gerät, Auf- und Abbauarbeiten ihre Spuren auf dem Areal. Auch das ist nun mal ein Fakt. Die entscheidende Frage ist daher: Lassen sich die Schäden und die Belastungen so minimieren, dass man eine solche Veranstaltung in einem sensiblen Schutzgebiet vertreten kann? Verantwortliche der Verwaltung und die Festivalmacher sagen ja, manche Anwohner und Umweltfachleute kategorisch nein. Dieser (fast schon ideologische) Konflikt lässt sich wohl kaum komplett lösen. In solchen Fällen sind Kompromisse angesagt, die beide Seiten ohne Scheuklappen miteinander aushandeln sollten, statt übereinander zu lästern. Das wäre großes Kino. Vorhang auf.

„Nur die Parkinsel ist für uns der einzig richtige Standort“, sagt Michael Kötz (70).
»Nur die Parkinsel ist für uns der einzig richtige Standort«, sagt Michael Kötz (70).
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