Handball Eulen Ludwigshafen: Als die Fans noch im Mannschaftsbus mitfeierten

Eine Medaillentorte und die Goldene Ehrennadel für Olympiasieger Lew Woronin (von links): Marianne Bohnenberger, Günter Keller,
Eine Medaillentorte und die Goldene Ehrennadel für Olympiasieger Lew Woronin (von links): Marianne Bohnenberger, Günter Keller, Günter Braun, Woronin und Herbert Fürst im Jahr 2000.

Die TSG Friesenheim steigt am 30. April 1995 in die 2. Bundesliga auf. Die Serie blickt auf diese Jahre zurück: Als ein Eulen-Anhänger den ersten Fan-Club gründete.

Günter Keller gehörte beim entscheidenden Aufstiegsspiel in Amorbach gegen den TV Kirchzell zu den über 200 mitgereisten Eulen-Fans in Amorbach. Der Jubel des Anhangs kannte nach dem erlösenden 24:23-Siegtreffer Michael Pfeils keine Grenzen mehr. Der Maudacher erinnert sich allzu gerne an das aus Ludwigshafener Sicht sporthistorische Ereignis. „Dieses Spiel, den Tag und die ganze Stimmung vergisst man sein ganzes Leben nicht. Mannschaft, Trainer, Betreuer und Fans bildeten eine große Einheit. Wir haben uns damals zusammen als Sieger und Aufsteiger gefühlt.“ Die rauschende Feier ging weiter in der heimischen TSG-Friesen-Turnhalle zum Empfang des Südwestmeisters und Zweitliga Aufsteiger. Der langjährige Freundeskreis-Vorsitzende Herbert Schuler hatte extra ein großes Meistertransparent gemalt und über 100 Feuerzeuge leuchteten beim Einzug des Job-Teams in der abgedunkelten Halle. Erst lange nach dem Morgengrauen des „Tags der Arbeit“ ermüdeten die letzten Aufsteiger und begaben sich zur Ruhe. So beschrieb der Handball-Freundeskreis-Redakteur Kurt Laufer die Nacht der Nächte in Friesenheim. Noch zu erwähnen bleibt die Tatsache, dass Kreisläufer Klaus „Aggel“ Wetzler kurz darauf seinen ersehnten Philippinen-Urlaub antrat. Ein drittes und entscheidendes Spiel gegen den TV Kirchzell hätte ganz und gar nicht in die Planungen des Globetrotters gepasst.

Inspiriert von der Stimmung rund um die Mannschaft und dem Aufstieg in die Zweite Liga entstand in Friesenheim die Idee, jetzt auch einen Fanclub zu gründen. „Wir waren ein eingeschweißter Haufen von TSG’lern und wollten uns noch besser organisieren, die Mannschaft bei den Spielen unterstützen, Aktionen planen und gemeinsam Siege feiern. Darum ging es uns“, erzählt Keller. Offiziell gegründet wurde der erste Eulen-Fanclub vor knapp 30 Jahren am 21. Mai 1996 im Nebenzimmer der TSG-Gaststätte in der Eschenbachstraße. 13 Frauen und acht Männer erklärten ihren Eintritt.

Legendäre Ausflüge

Es wurden in der nächsten Sitzung per Akklamation der Vorsitzende (Günter Keller), die zweite Vorsitzende (Marianne Bohnenberger), Schriftführer (Horst Weber), Kassenwart (Peter Beck) sowie Vergnügungswart (Jürgen April) gewählt. Außerdem wurden bereits verschiedene Aktionen geplant und umgesetzt. Die erste Aktivität des nicht als eingetragener Verein gegründeten Fanclubs war die Teilnahme am Friesenheimer Kerweumzug für die Handball-Abteilung. Viel Aktionen folgten. Legendär waren die von Jürgen April organisierten Ausflüge mit Fans, Spielern, Freundeskreis und TSG-Vorstand. In kürzester Zeit wuchs die Mitgliederschar auf über 60 Eulen-Sympathisanten. Auch im sozialen Bereich engagierte sich die wachsende Fangemeinde. Mannschaftsarzt Dr. Wolfgang Krause initiierte eine Spendensammlung, um den bei einem Handballspiel verunglückten Nationalspieler Joachim Deckarm zu unterstützen.

Die zahlreichen Fans der damaligen TSG Friesenheim begleiteten zu Beginn ihr Team noch im Mannschaftsbus zu den Auswärtsspielen
Die zahlreichen Fans der damaligen TSG Friesenheim begleiteten zu Beginn ihr Team noch im Mannschaftsbus zu den Auswärtsspielen in der zweiten Bundesliga.

In Erinnerung geblieben sind die Auswärtsfahrten nach Aue, Altenkessel, Suhl, Eisenach, Erlangen, Eitra sowie Oßweil. Teilweise sind diese Mannschaften heute von der Handball-Karte verschwunden. Einige Anekdoten gibt es da zu erzählen. „Bei der Fahrt nach Eitra hat der Fanbus angefangen zu rauchen. Da konnten wir das Spiel nicht sehen. Im Osten wurden wir nicht immer herzlich empfangen. In Suhl hat man uns einmal sogar die Scheibe eingeschlagen. Das war nicht lustig. Auch in Eisenach wurden wir Wessis nicht immer freundlich empfangen“, berichtet der frühere TSG-Handball-Abteilungsleiter und Bundesliga-Obmann Rudolf Heßler. Seine Frau Margot gehörte mit Heidi Laufer und anderen Eulen-Fans zu den eifrigsten Trommlern.

Unterwegs mit Eulen-Team

Heute undenkbar, vor 30 Jahren möglich, waren gemeinsame Auswärtsfahrten im Bus mit der Mannschaft. „In der Anfangszeit der zweiten Liga sind wir Fans mit der Mannschaft unter Trainer Wilfried Job sogar im Bus zu den Spielen mitgefahren. Vorne saßen die Spieler, hinten wir Fans. Für unseren Coach Winne Job hatten wir Fans immer ein kühles Bier dabei. Das war herrlich“, schildert Keller. Auch Job genoss die Fahrten mit den Fans. „Im Bus war immer Stimmung und Leben. Wir hatten kein Problem damit gehabt. Der Bezug war immer intensiv und hat viel Spaß gemacht. Nach dem Spiel wollten wir mitfeiern“, sagte Job.

Der damals junge und vor kurzem zur Eulen-Legende ausgezeichnete Thorsten Laubscher wollte die Zeit vor drei Jahrzehnten nicht missen: „Der Fanclub war auch für uns Spieler sehr wichtig. Günter Keller hat immer alles organisiert. Die lustigen und teilweise feucht-fröhlichen Fahrten vergisst man nicht. Auf der Rückfahrt haben meistens wir Spieler das Kommando übernommen. Zu der Zeit war wir die Professionalisierung noch nicht so fortgeschritten. Alles zu seiner Zeit, und es war gut so“. Eingestellt wurden die gemeinsamen Fahrten unter Trainer Michael Biegler.

Fanclub als Bindeglied

Auch für Markus Penn, langjähriger Torwart in den frühen 2000er-Jahren, besaß der Fanclub einen besonderen Stellenwert: „Der Fanclub war Bindeglied zwischen Verein und Spieler. Der Fanclub hat sich speziell auch um die neuen Spieler gekümmert und versucht deren Integration zu erleichtern. Günter und alle anderen Fanclub-Mitglieder waren mit viel Herzblut dabei, sei es bei den Heim- und Auswärtsspielen, bei Festen und bei Treffen nach dem Training in der Kneipe.“

Legendär und unvergessen bleibt Isolde Müller aus dem Zellertal. Die rüstige Seniorin, die als Bedienung im Blauen Bock in Friesenheim arbeitete, hat vor den Auswärtsfahrten die Brötchen für Mannschaft und Fans geschmiert. Einmal fuhr die Rentnerin allein mit dem Zug zum Pokalspiel nach Stralsund. Isolde Müller war ein Original und stand für den Zusammenhalt sowie die DNA der Eulen in dieser Zeit. Ohne den ehemaligen Spieler und späteren Geschäftsführer Werner Fischer, der 18 Jahre lang die Geschicke des Traditionsvereins führte, wäre so manches in dieser Zeit nicht möglich gewesen. „Der Werner hat einen guten Job gemacht und war für uns Fans immer ansprechbar, hilfsbereit, um neue Idee umzusetzen“, sagte Keller über den 2015 aus dem Amt geschiedenen Fischer. Vorsitzender in dieser Zeit war der viel zu früh verstorbene Günter Braun. 2005 wurde die neue Sporthalle im TSG-Sportzentrum nach ihm benannt.

Südzucker und die Eulen

Eine wichtige Rolle für Verein, Mannschaft und Fans nahm der langjährige Südzucker-Vorstandsvorsitzende Dr. Theo Spettmann als Förderer des Handballs der TSG Friesenheim ein. Unter Spettmanns Leitung wurde die Südzucker AG zum Hauptsponsor. Er galt als derjenige, der dem Verein die notwendige wirtschaftliche Sicherheit für den Spielbetrieb in der 2. Bundesliga und den späteren Aufstieg gab. Der Ludwigshafener war regelmäßig Gast bei den Heimspielen und pflegte eine enge Partnerschaft mit den Vereinsverantwortlichen. „Theo Spettmann war ein toller Mensch, ohne Allüren, der immer geholfen hat und auch mit uns Fans gefeiert hat“, erinnert sich Keller.

Die Verbundenheit der Fans zur Familie Spettmann ist über Sohn Uli, dem „Urgestein“ der TSG Friesenheim auf und neben dem Handballfeld, geblieben. „Der Fanclub hat eine wichtige Rolle zum sportlichen Erfolg der Eulen beigetragen. Es ist schön zu hören, wenn noch so viel Positives über meinen Papa gesagt wird“, sagt Spettmann.

Duelle mit Leutershausen

Einer der sportlichen Lieblinge der Eulen-Fangemeinde in den Bundesliga-Anfangsjahren war der sympathische Russe Lew Woronin. Der Nationalspieler galt als Aushängeschild des Vereins und zählte zu den weltbesten Rechtsaußen in seiner Ludwigshafener Zeit (1998 bis 2008). 2000 feierte der Sympathieträger mit dem Olympiasieg den größten sportlichen Erfolg seiner Karriere. Da ließen es sich die Fans nicht nehmen, ihren Liebling am Flughafen abzuholen und mit der Goldmedaille durch Ludwigshafen zu chauffieren.

Ein historischer Erfolg war der erste Sieg über die jahrelang übermächtige SG Leutershausen. Im zehnten Anlauf gelang am 2. Februar 2000 vor 1620 Zuschauern in der Friedrich-Ebert-Halle ein famoser 20:11-Derbysieg. Zuvor hatte Leutershausen alle Duelle gegen den damaligen Zweitliga-Neuling gewonnen. Dieser Sieg markierte einen Wendepunkt, nach dem Friesenheim in den folgenden Jahren regelmäßig vor der SG Leutershausen in der Tabelle landete. Einer der Helden war Torwart Jürgen Köstler mit sage und schreibe 24 Paraden. „Morgen ist in Friesenheim Feiertag, vor Jahren war ein Sieg gegen Leutershausen noch unvorstellbar“, sagte Bundesliga-Obmann Rudolf Heßler nach dem Spiel.

Bereits 2005 hat sich der selbstständige Unternehmer Günter Keller als Fanclub-Vorsitzender zurückgezogen. Der heute in der Fanszene noch aktive Stephan Stelzer hatte als Nachfolger sein Amt übernommen. Zusammen mit seiner Frau Maria und dem Hund reiste Keller in den Wintermonaten mit dem Wohnmobil nach Spanien. Die Liebe zu den Eulen ist geblieben. „Ich bin Fan geblieben und verfolge die Spiele jetzt aus der Entfernung. In der Halle halten es meine Nerven nicht mehr aus. Für die Zukunft wünsche ich mir, dass die Mannschaft in der Liga bleibt und Ruhe im Umfeld einkehrt.“

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