Ludwigshafen „Es geht um eine Werteethik im Netz“

Kinder müssen altersgerecht an Medien herangeführt werden. Das ist das Entscheidende. Deshalb haben wir vor fünf Jahren den MEC, den Medienpädagogischen ErzieherInnen Club, gegründet. Teilnehmer erhalten Medienkisten mit einem Bilderbuch, Hörbeispielen auf CD und Informationen zum Umgang mit Medien. Aktuell sind wir Partner beim Tablet-Modellprojekt „KiTab“ des Jugendministeriums. Reicht es also nicht aus, zu Hause Zugang zum Computer und auch zum Internet zu haben? Nein, vor Ort habe ich besonders qualifizierte Erzieher, Sozialpädagogen oder Lehrer. Wir sollten Medienkompetenz als neue Kulturtechnik neben Rechnen, Lesen und Schreiben begreifen. Dies betrifft in erster Linie die Schulen, aber wir ermutigen bereits Erzieher in der Kita, zu dem Thema auch Elternabende zu machen. Die LMK ist also nicht mehr nur reine Aufsichtsbehörde? Nein, wir sind auch Dienstleister geworden. Wir haben auf Nachfrage Unterrichtsmaterial für Lehrer erstellt, organisieren Fortbildungen. Schon in den Grundschulen sollen die Schüler lernen, was es bedeutet, das Internet sinnvoll zu nutzen. Lehrer können Schülern kindgerecht beibringen, wie ich mich vor Mobbing im Netz schütze, wie ich meine Privatheit schütze, wie ich mit Respekt vor dem anderen in Sozialen Netzwerken aktiv bin. Für Jugendliche ist der Internetzugang vom Smartphone aus mittlerweile selbstverständlich. Wo wollen Sie noch ansetzen? Es geht uns um den Inhalt, darum, eine Werteethik zu schaffen für das Netz, Demokratie zu thematisieren. Dazu gehört vor allem, sich mit den unterschiedlichen Einstellungen auseinanderzusetzen. Es geht um Bildung, nicht um Technik. Apropos Technik, was können Eltern tun, um nicht abgehängt zu werden? Grundsätzlich gilt, sich überhaupt für die Lebenswelt des Kindes zu interessieren und sie ernstzunehmen. Neben der Frage „Wie war es heute in der Schule?“ könnte auch eine Frage lauten: „Wie war es heute auf Facebook?“ Als Elternteil muss ich mich außerdem selber weiterqualifizieren. Wir geben auch hierzu Broschüren raus und bieten auch online viele Hilfestellungen. Neben guten Ratschlägen haben sie als Behörde aber auch ein Auge darauf, was tatsächlich im Netz, im Fernsehen oder Radio erscheint. Müssen Sie häufig Verstöße ahnden? Beim Fernsehen sind es hauptsächlich Werbeverstöße, das heißt zu viel Werbung oder Schleichwerbung. Der Jugendschutz im Fernsehen hat sich aber gut entwickelt, die Sender wissen, dass problematische Inhalte vor 20 Uhr Ärger nach sich ziehen. Neben dem Bußgeld ist vor allem der Ruf beschädigt. Und beim Internet? Sittenwidrige Posen von Minderjährigen sind inzwischen sehr häufig, überhaupt der Missbrauch im Netz, auch rechtsradikale Seiten und Hetzparolen. Jugendschutz.net, die an die LMK angedockt sind, unterstützen hier bundesweit die Kommission für Jugendmedienschutz. Ich bin dessen stellvertretende Vorsitzende. Die Mitarbeiter durchforsten ständig das Netz, schreiben Betreiber von Seiten an und versuchen, dass diese im Netz verantwortlicher handeln. Wie soll das aussehen? Wir versuchen, die großen Player zu sensibilisieren. Die LMK war die erste Landesmedienanstalt, die geneinsam mit Google Bildungsprojekte umgesetzt, Lehrermaterialien zu Suchmaschinen erarbeitet hat. Eine Internetbroschüre haben Jugendliche für Jugendliche erstellt. Dann gab es die europaweite Anti-Mobbing-Kampagne von Facebook zusammen mit bild.de und uns. Die Inhalte hat die EU-Initiative Klicksafe, die bei uns angesiedelt ist, geliefert. Wir tauschen uns hier mit europäischen Partnern aus. Ein Beispiel ist der Spot „Wo ist Klaus?“ zum Thema Jugendschutz im Internet. Er läuft inzwischen in mehr als 20 Sprachen weltweit. Und im Oktober haben fünf Schüler aus Ludwigshafen eine Cybermobbing-App kreiert, die kürzlich in London preisgekrönt wurde. Wir kämpfen für eine Technologie, die letztendlich ohne Kontrolle nutzbar sein sollte. Wie steht Deutschland da im internationalen Vergleich? Wir sind hierzulande sehr sicherheitsgetrieben mit Jugendschutz und Datenschutz. Letztendlich dürfen wir die Medien selbst aber nicht verteufeln. Wir stehen in Deutschland insgesamt gut da. Nehmen wir die Offenen Kanäle. Dort lernen Auszubildende, Praktikanten, FSJler und andere den Umgang mit Bild, Ton und Schnitt. Die Jugendlichen sehen, dass es qualitativ etwas anderes gibt als Youtube. Trotzdem ist Youtube ein wichtiger Teil der Medienlandschaft. Der Offene Kanal Trier zeigt seit April 2015 etwa Beiträge auf der Plattform. Neue und alte Medien kommen zusammen. Bestimmen auch gesellschaftliche Entwicklungen die Arbeit der LMK? Ja, wir haben inzwischen Angebote für die ältere Generation, die Silver Surfer, in Kooperation mit bestehenden Partnern, in diesem Fall den Volkshochschulen. Wer alt ist und nicht mehr mobil, kann über das Netz mit Kinder und Enkeln kommunizieren, Fotos tauschen, Essen bestellen. Ich komme selbst aus einem kleinen Dorf am Mittelrhein und denke, es ist gerade in ländlichen Gegenden unheimlich wichtig. Das ersetzt aber nicht den persönlichen Kontakt. Nein, aber es ist ein Teil davon. So ist es auch beispielsweise bei der Integration von Flüchtlingen. „Medien+Bildung.com“ entwickelt gerade ein Modellprojekt an einer Ludwigshafener Schule. Ein deutscher Schüler bildet zusammen mit einem Flüchtling ein Tandem. Mithilfe der Medien erkunden sie Ludwigshafen. Das Musikgymnasium Montabaur hat wiederum angefragt, ob wir nicht ein Programm zu Medienkompetenz und Musik erstellen können. Das ließ sich zum Thema „Komponieren über das Internet“ gut umsetzen. Was waren im vergangenen Jahr die größten Herausforderungen? Zum einen die Lizenzierung des Regionalfensters für die Metropolregion auf den Weg zu bringen und die gerichtlichen Auseinandersetzungen mit Sat1 wegen der fehlenden Drittsendezeiten. Außerdem haben wir die zweite Auflage des Medienkompasses für Grundschulen erstellt und verteilt. Generell ist das Thema Internetkompetenz, Medienethik, Medienbildung für uns sehr wichtig. Und was steht in diesem Jahr an? Das Zulassungsverfahren für das Regionalfenster Rhein-Neckar bei RTL muss zum Abschluss gebracht werden, die Ausschreibung der Drittsendezeiten wird vorbereitet. Gleich zu Beginn des Jahres organisieren wir den Safer Internet Day am 9. Februar mit rund 200 Veranstaltungen und Aktionen. Wir müssen uns außerdem fragen, wie wir mit der zunehmenden Digitalisierung inhaltlich und technisch weiter umgehen. Für wen ist das eine Herausforderung? Im Hörfunk etwa. Die Frage ist, wie schaffen wir es, dass kleine Veranstalter die Digitalisierung umsetzen können. Die stehen vor einem finanziellen Problem, da es in Rheinland-Pfalz keine großen Ballungsräume mit vielen Haushalten gibt. Eine Lösung wären Multiplexe, das sind Verteilstationen mit Frequenzen, an die lokale Angebote angedockt werden könnten. Jetzt sind wir dabei, Geschäftsmodelle zu entwickeln dafür. Und dann stellt sich die Frage, wie viele Frequenzen können wir überhaupt zuteilen. Die Konkurrenz zu Fernsehen und Hörfunk ist groß. Ist die Kontrolle im Radio ähnlich wichtig? Nein, das ist beim Radio weniger ein Thema. Wichtig ist bei der Lizenzierung eher, wie viel Teil sind Wortbeiträge, wie viel an Nachrichten kommt aus der Region. Neu bei der Lizenzierung ist außerdem die Frage ob es Rückkanäle für die Nutzer gibt. Können sie sich über soziale Medien etwa zurückmelden? Aber das ist generell ein Trend, genauso wie vor allem das Lokale die Nutzer interessiert. So hat beispielsweise eine katholische Pfarrgemeinde einen eigenen Sender oder das Pfalzklinikum Klingenmünster. Gehen die juristischen Auseinandersetzungen mit Sat1 weiter? Ja. Wegen der Drittsendezeiten von Sat1 wird derzeit ein neues Verfahren vorbereitet. Sat1 hat aktuell keine Drittsendezeiten, sie sparen Geld dadurch. Solange der Gesetzgeber sagt, es muss Meinungsvielfalt hergestellt werden, ziehen wir das durch. Bestimmen gesellschaftliche Entwicklungen weiter ihre Arbeit? Ja. Wir haben für 2016 ein landesweites Flüchtlings-Fernsehen lizenziert. Ein Unternehmer aus Rheinland-Pfalz will mit einem informativen Angebot Flüchtlingen die Integration erleichtern und Helfer bei ihrer Tätigkeit unterstützen. Das Thema bietet, was die Berichterstattung generell angeht, aber auch sehr viel Sprengkraft, oder? Ja, deshalb schauen wir sehr genau hin.