Ludwigshafen Entlastung für die Eltern von Kindern mit Einschränkungen

Die Trommelgruppe spielte „We will rock you“.
Die Trommelgruppe spielte »We will rock you«.

Über 600 Menschen mit vorwiegend geistiger Behinderung besuchen die Ludwigshafener Werkstätten. 40 von ihnen werden auch in einer Tagesförderstätte betreut. Die Einrichtung feiert zehnjähriges Bestehen.

„Aufs Tanzen!“ Darauf freut sich Thomas* am meisten (*alle Namen von den Gästen geändert). Am Freitag stieg in der Tagesförderstätte des Ökumenischen Gemeinschaftswerks eine Party. Seit zehn Jahren gibt es die Einrichtung für Menschen mit Einschränkungen. Im Zelt hinter der Förderstätte an der Rheinhorststraße feierten viele Gäste, die hier ihren Tag verbringen, mit Eltern, Mitarbeitern, Träger, Pfarrern und Politikern das Jubiläum. Die Gäste der Tagesförderstätte wie auch die Menschen, die in den Ludwigshafener Werkstätten arbeiten, kommen aus Ludwigshafen, Frankenthal, Speyer und dem Rhein-Pfalz-Kreis. Es gab viele Reden von Politikern, Pfarrern und Mitarbeitern, leckeres Essen und alkoholfreien Sekt. Die Besucher der Tagesförderstätte sorgten für Stimmung.

„We will rock you“, brachte die Trommelgruppe zu Gehör. In der Tagesförderstätte kann man Musik machen, mit Holz, Ton oder Metall basteln und viele andere Dinge lernen. Ein Stövchen aus Ton hat Thomas gebastelt. „Spielen und malen. Kniffel mit dem Würfelbecher und Disney-Bilder ausmalen.“ Das macht Monika am liebsten. Zur Feier des Tages hat sie ihren besten Mantel angezogen.

Tagesstruktur geben

Mit Schlips und Kragen hielt Landrat Clemens Körner (CDU) seine Rede. Doch einmal im Jahr kommt er auch in Arbeitsklamotten. „Ich habe hier schon in der Wäscherei gearbeitet und Streicharbeiten verrichtet“, erzählt er von seinen Einsätzen, die er einmal im Jahr in der Förderstätte leistet. „Die Einrichtung gibt Menschen mit schweren Behinderungen eine Tagesstruktur und bedeutet Entlastung für die Familien“, betont er.

„Nichts überstülpen, sondern das Miteinander besser hinbekommen“, ist das Ziel von Ludwigshafens Sozialdezernentin Beate Steeg (SPD). „Nehmt einander an!“ fordert Pfarrer Thomas Jakubowski mit den Worten des Römerbriefes auf, nachdem Walter Steinmetz, Geschäftsführer des Ökumenischen Gemeinschaftswerks Pfalz, die Anwesenden begrüßt hat.

Skepsis zu Beginn

„Wie alles begann“, daran erinnerten der Leiter der Tagesstätte Rainer Riedt und Karl-Hermann Seyl, der frühere Geschäftsführer des Gemeinschaftswerks. Seit dem Jahr 1965 bieten die Einrichtungen des Ökumenischen Gemeinschaftswerks in der Region Teilhabe am Arbeitsleben an. Über 600 Menschen mit vorwiegend geistiger Behinderung besuchen die Werkstätten heute. Doch bis in die 2000er Jahre gab es keine Tagesförderstätte. Heute belegen 40 Menschen die 32 Plätze der 700 Quadratmeter großen Einrichtung.

„Die Angebote sollen sich gegenseitig anregen, ein Wechsel von der Werkstatt in die Förderstätte und umgekehrt möglich sein“, erklärt Riedt „Bei den Eltern gab es große Unsicherheit“, berichtet Seyl. Kurzerhand organisierte er einen Ausflug nach Ramstein. Die Besichtigung der dortigen Tagesförderstätte überzeugte die Eltern.

Hilfe für die Eltern

„Wann gehe ich wieder in die Tafö?“ fragt Lukas immer, wenn seine Eltern, Heide und Patrick G. aus Speyer, ihn einmal in der Woche aus seiner Wohngemeinschaft zu sich holen. „Er ist gerne hier“, erzählt seine Mutter. Eine Sorge weniger für die Eltern. Vom Kampf mit den Ämtern berichten die beiden. „Jedes Jahr muss sein Behindertenausweis, seine Fahrkarte, seine Krankenversicherung neu beantragt werden. Früher hatten wir im Durchschnitt einen Vorgang pro Tag, jetzt durch Corona zwei“, klagt er. „Eine bessere Koordination zwischen den zuständigen Stellen “, wünscht sich seine Frau. „Ich habe alle Termine von Lukas im Blick und vergesse meine eigenen“, ergänzt sie. „Wer soll das machen, wenn wir nicht mehr sind?“ fragen sie sich wie viele Eltern. In ihrem Testament hat das Ehepaar G. verfügt, dass Lukas gesunde Schwester erst nach ihrem 30. Lebensjahr darüber entscheiden soll, ob sie die Betreuung übernehmen möchte.

Doch heute wollen Lukas und seine Eltern einfach mal feiern. Ganz begeistert ist Lukas, als eine weitere Musikgruppe singt. Mit selbstgemachter Seife als Geschenk kommt Martina Florschütz-Ertin vorbei, die stellvertretende Leiterin der Ludwigshafener Werkstätten und Leiterin der Tagesförderstätte Ludwigshafen. „Der Tag des Lächelns“ sei heute, hat sie in ihrer Rede betont und den Pionieren gedankt, Gästen und Mitarbeitern, die seit zehn Jahren dabei sind. Dazu gehört auch Ergotherapeutin Rebecca Hollstein. Sie stellt mit den Besuchern duftende Seifen her. Ihr macht die Arbeit sichtlich Spaß. Doch die Corona-Zeit hat sowohl die Gäste als auch die Mitarbeiter belastet. „Viele krankheitsbedingte Ausfälle führten zu Unruhe bei einigen der eingeschränkten Menschen, die sich auf die anderen überträgt“, berichtet Hollstein. Doch auf dieser Fete am „Tag des Lächelns“ tanzen die Gäste die Sorgen einfach weg und schauen hoffnungsvoll in die Zukunft.

Mit Ergotherapeutin Rebecca Hollstein, die von Anfang dabei ist, wurde Duftseife gemacht.
Mit Ergotherapeutin Rebecca Hollstein, die von Anfang dabei ist, wurde Duftseife gemacht.
x