Handball
EM-Start: Wie Handball-Experten aus der Region die deutschen Chancen sehen
In einem Punkt sind sich die Handball-Experten in der Region wohl einig: Alle Befragten rechnen fest damit, dass die Mannschaft von Bundestrainer Alfred Gislason bei der kommenden Europameisterschaft das Halbfinale erreichen kann. Der Optimismus gründet nicht nur auf den beiden jüngsten Testspielsiegen gegen Kroatien, sondern vor allem auf dem erfolgreichen Auftritt bei den Olympischen Sommerspielen in Paris, als die Auswahl des Deutschen Handball-Bundes (DHB) mit der Silbermedaille heimgekehrte.
„Ich traue der Mannschaft trotz der schweren Gruppenphase sehr viel zu. Spanien und Österreich in der Vorrunde werden keine Selbstläufer, aber so wie die Mannschaft sich zuletzt präsentiert hat, ist ihr einiges zuzutrauen. Wir haben inzwischen viele Talente im Kader, die sich entwickelt haben. Dazu noch für mich das beste Torhüter-Duo der Welt“, sagt Kevin Seelos, sportlicher Leiter des Handball-Drittligisten TSG Haßloch. Er erinnert sich noch an die Begegnung mit Marco Grgic, der einst bei der HG Saarlouis am Ball war und seine ersten Sporen in der dritten Liga verdiente. „Mit solch einer Entwicklung habe ich bei ihm nicht gerechnet. Er hat in Eisenach viel Verantwortung bekommen und hat seine Chance genutzt“, erzählt Seelos, der sich nach Möglichkeit alle Spiele im Fernsehen ansehen möchte.
Eyub Erden, der bald scheidende Coach des Frauen-Handball-Drittligisten TSG Friesenheim, plant, bei dem einen oder anderen Spiel der deutschen Mannschaft auf das Training mit seinen Spielerinnen zu verzichten und daraus ein Teamevent zu machen. „Es ist eine Idee, die wir schon einmal praktiziert haben und bei allen gut ankam“, erläutert Erden. „Ich glaube schon, dass wir eine wichtige Rolle bei der EM spielen werden, mein Gefühl sagt, dass wir das Halbfinale erreichen. Was dann kommt, das entscheiden einige Kleinigkeiten. Auch Dänemark ist schlagbar“, verweist Erden auf das Finale bei der Frauen-WM, als die deutsche Mannschaft sehr lange Norwegen Paroli bot.
„Wichtig ist, dass die Mannschaft frühzeitig ihre Form findet, gleich auf dem richtigen Weg ist, um die Vorrunde schadlos zu überstehen“, meint Domenico Marinese, Geschäftsführer des Handball-Zweitligisten Eulen Ludwigshafen, der sich vorgenommen hat, alle Spiele am eigenen TV-Gerät zu verfolgen.
„Es ist sicherlich ein schwieriger Turnierbaum, den die deutsche Mannschaft erwartet, aber wir gehören inzwischen zu den sechs Mannschaften in Europa, die für den Titel in Frage kommen. So ist vom Viertelfinale bis Finale alles möglich“, sagt Lars Hannes, Spieler und Co-Trainer beim Handball-Drittligisten HLZ Friesenheim-Hochdorf. Dass Tim Freihöfer, Linksaußen der Füchse Berlin, nicht nominiert wurde, kann Hannes nachvollziehen. „Der Bundestrainer hat auch die Gründe genannt, weshalb er Rune Dahmke mitgenommen hat. Wir haben inzwischen in Deutschland eine wachsende Breite an Topspielern auf allen Positionen, da werden auch künftig solche Entscheidungen nicht ausbleiben.“
Diese Entwicklung bestätigt auch Malte Metz, A-Lizenzinhaber und Cheftrainer der männlichen A- und B-Jugend-Bundesligateams des Handball-Leistungszentrums Friesenheim-Hochdorf. „Wir haben inzwischen eine unfassbar hohe Qualität unter den jungen Spielern, sodass sich jeder stets für eine Nominierung beweisen muss“, weiß Metz. Trotzdem glaubt der Psychologe nicht daran, dass die DHB-Auswahl jetzt schon Dänemark, Norwegen oder Schweden schlagen kann. „Besonders Dänemark halte ich aktuell noch für das Maß aller Dinge im Welthandball“.
Die EM in Skandinavien könnte dem deutschen Handball zusätzliche Strahlkraft für die Weltmeisterschaft im kommenden Jahr im eigenen Land geben. Das hofft zumindest Ulf Meyhöfer, Präsident des neugegründeten Handballverbandes Rheinhessen-Pfalz. „Große Turniere haben eine besondere Kraft: Sie holen den Handball in die Wohnzimmer, in die Schulen, in die Vereine. Wenn unsere Nationalmannschaft bei dieser EM einen positiven Lauf hat, kann das eine Welle der Begeisterung auslösen, die weit über die Grenzen des Austragungslands hinauswirkt“, erklärt Meyhöfer und ergänzt: „Für uns als Landesverband wäre ein starkes Abschneiden ein wertvoller Impuls. Es würde die Sichtbarkeit unseres Sports erhöhen, neue Talente inspirieren und dem Ehrenamt Rückenwind geben.“ Mit Blick auf die Heim-WM 2027 könne diese EM zu einem emotionalen Startschuss werden: „Ein Moment, der Vorfreude weckt und uns motiviert, die Strukturen vor Ort weiter zu stärken“, erläutert der Verbandschef. „Wir wissen, wie viel Energie in solchen internationalen Ereignissen steckt. Wenn die Mannschaft auf dem Feld alles gibt, fiebert die gesamte Handballfamilie mit. Und wenn es gelingt, diese Begeisterung in unsere Hallen und Vereine zu tragen, dann wird diese Europameisterschaft ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg in eine starke Zukunft des deutschen Handballs.“