Serie „Die Spätberufenen“ Einen holprigen Weg meisterte Johannes Grube bis in die Tanzintendanz am Nationaltheater

In einem Alter, in dem andere aufhören, war Johannes Grube erst mit der Tanzausbildung fertig. Und er liebt das Tanzen bis heute
In einem Alter, in dem andere aufhören, war Johannes Grube erst mit der Tanzausbildung fertig. Und er liebt das Tanzen bis heute, aber nur noch als Zuschauer oder wenn er – wie hier – herumalbert.

Einige Hürden hat der Heidelberger Johannes Grube überwunden, bis er sich von Medizin als Berufsfeld verabschiedete und Balletttänzer wurde. Spät, vielleicht zu spät? Trotzdem legte er eine große Karriere hin und sorgt heute als stellvertretender Tanzintendant am Nationaltheater dafür, dass Stücke produziert werden können.

Einmal hatte er schon gekniffen. Der Junge war mit Freunden in der Heidelberger Ballettschule verabredet und ist weggeblieben, weil er sich nicht über die Schwelle traute. Dann versuchte er es wieder, diesmal alleine. „Ich wollte hin, ich musste hin, aber etwas in mir sagte, was machst du hier?“, versucht Johannes Grube im Rückblick diese Mischung aus Anziehung und Angst zu erklären. Seine Mutter hatte ihn in die hochkarätigen Vorstellungen am Ludwigshafener Pfalzbau mitgenommen, daher stammte die Faszination. Aber der Jazztanz als Sportkurs wurde ihm trotz Bestnoten vom Gymnasium verboten. „Man war wohl besorgt, dass ich vom Weg abkommen könnte“, sagt Grube mit süffisantem Lächeln und setzt hinzu: Vielleicht weil er damals in den 80er-Jahren mit krausem Haar im Afrolook und rosa Pluderhosen „äußerlich ausgeflippt“ wirkte, obwohl er „innerlich ganz brav“ war. Später fasste er den Mut, betrat doch die Ballettschule und wurde zur Begrüßung angeblafft. „Wenn du nur Mädchen beobachten willst, bist du hier falsch.“

Durch seinen Zivildienst als Rettungshelfer interessierte er sich für Medizin, erhielt einen der begehrten Studienplätze an der renommierten Heidelberger Universität und war ernüchtert. Statt den Muskelaufbau des Körpers kennenzulernen, sollte er sich nur Bezeichnungen merken: „Gluteus maximus“ als wäre es ein Fluss auf der Landkarte. Und während er als Rettungshelfer mühevoll um jedes Leben gerungen hatte, machten Kommilitonen in der Pathologie geschmacklose Witze über Leichen. Zum Ausgleich putzte und tanzte er umso mehr. Ja, richtig gelesen.

Ein „Gummibärchen“ mit schönen Füßen

Denn während des Zivildienstes hatte er endlich den Schritt in jene Ballettschule gewagt und dort eine Abmachung getroffen: Der 22-Jährige arbeitete als Reinigungskraft, wischte Böden, Treppen und Toiletten, und erhielt dafür freien Zugang zu allen Kursen. „Ohne die Jahreskarte wäre ich nicht so schnell in einen Fortgeschrittenenkurs gekommen“, sagt der heute 62-Jährige. Er liebte die Musik und die konzentrierte Atmosphäre im Studio, stand schon vor Begeisterung nassgeschwitzt an der Ballettstange. „Es war wie eine innere Andacht“, erinnert sich Grube. Es fehlte ihm an Kraft und Koordination, aber sein Joker waren die „schönen Füße“, seine aufrechte Haltung und die an der Hüfte ausgedrehten Beine, die bereits ohne Anstrengung die richtige Form annahmen. „Ich sah immer aus wie ein Tänzer, aber ich habe nur imitiert“, meint Grube. Auch durchs Bodenturnen als Sport in der Kindheit war er beweglich und wurde das „Gummibärchen“ genannt.

Zum Geburtstag schenkte er sich ein Urlaubssemester, um eine private professionelle Tanzausbildung in Brüssel zu wagen. Als eine Lehrerin der Mannheimer Akademie des Tanzes davon erfuhr, lud sie ihn ein, weil hier händeringend nach männlichen Schülern gesucht wurde. Er schmiss das Medizinstudium, trainierte als ältester Schüler an der Tanzakademie und beendete mit 28 Jahren die Ausbildung. Ein Zeitpunkt, zu dem viele andere Tänzer bereits ein Jahrzehnt in ihrem Beruf verbracht haben und beginnen, ans Aufhören zu denken.

Mit der Handtasche auf den Herrenchor eingeschlagen

Ein Engagement am Theater zu erhalten, war für den Spätberufenen schwierig. Als jedoch die Mauer fiel und Tänzer in den Westen strömten, zog er in den Osten und bewarb sich auf eine der freien Stellen. In Gera wurde er in die Kompanie aufgenommen und spielte als erste Rolle eine russische Puppe. „Ausgerechnet ich, der in Folklore durchgefallen war.“

Johannes Grube ist immer zum Scherzen aufgelegt. Und so liebevoll und umsichtig er anderen begegnet, so selbstkritisch spricht er über sich. Da er die Ballettfiguren über seine Beweglichkeit erreichte statt durch innere Muskelstärke, fehlte die Kraft für Sprünge und Pirouetten. „Da ist mir alles abgehauen. Am wohlsten habe ich mich gefühlt, wenn ich mich an der Stange festhalten konnte.“ Um entspannt auf der Bühne auftreten zu können, fehlte ihm die Souveränität, die man gewinnt, wenn man von klein auf Ballett lernt, meint er und witzelt sogleich: „Das Darstellerische im Tanztheater lag mir aber: im Dirndl mit der Handtasche auf den Herrenchor einschlagen.“

Der Schock mitten in der Vorstellung

Deshalb wechselte er nach Leipzig zu Irina Pauls, wo die Choreografien „weniger klassisch“ waren. Doch dort passierte es: Mitten in einer Vorstellung sollte er einen Tänzer, den er um den Nacken auf den Schultern trug, ruckartig abschütteln und erlitt einen Bandscheibenvorfall – ein Schiefhals und taube Finger. „Das war ein Schock. Wenn ich gewusst hätte, dass das als Arbeitsunfall gilt, hätte ich 1994 in Rente gehen können.“

Dann kam ihm immerhin zugute, dass er bereits in der Brüsseler Tanzakademie organisatorisch mitgeholfen hatte. Er erhielt eine Stelle als Assistent des Ballettdirektors an der Semperoper in Dresden, dort wo Stephan Thoss damals Hauschoreograf war. Als Johannes Grube erstmals ein Stück von Thoss sah, war er geflasht: extrem dynamische, hochmusikalische Bewegungen, bei denen sich jeder Körperteil vom Zeigefinger über Torso und Hüfte bis zu den Beinen isoliert bewegt. Er mag, wie Thoss mit Bewegung spricht, ohne Kitsch, aber mit körperlichem Witz.

Der Beginn einer langen Beziehung

Als Johannes Grube von der Opernintendantin Kirsten Harms in Kiel als Assistent engagiert wurde und mitbekam, dass ein Ballettdirektor gesucht wurde, empfahl er Thoss, obwohl er ihn persönlich kaum kannte. Es sollte sich daraus eine Arbeitsbeziehung von langer Dauer ergeben, 24 Jahre, „wie ein altes Ehepaar“, pflegt Grube zu sagen. Beide eint, dass sie nichts halbherzig, sondern alles mit voller Hingabe machen. So arbeiteten sie erst in Hannover zusammen, dann in Wiesbaden und schließlich seit 2016 in Mannheim, wo sie die höchstmögliche Position erreichten: die Tanzintendanz. Dabei ist der 59-jährige Thoss der Chef und kreative Kopf, der choreografiert und Ideen entwickelt, während Grube für die Organisation des Tanzbetriebs zuständig ist.

„Ich bin nur die Tippse“, sagt Grube vergnügt, und das sei hochgestapelt, weil er nur mit zwei Finger tippen könne. In seinem Reich wirbeln keine Körperteile durcheinander, sondern die Papiere: Kalkulationen für Kostümbild und Komposition, Pläne für Proben und Premieren, Tarifverträge und Rechnungen. Ein Tänzer kommt herein, um seine Urlaubstage abzusprechen und Grube hält die Hand auf, weil noch eine Krankmeldung nachgereicht werden muss. Hier im Büro der Dramaturgie im Tanzhaus Käfertal laufen die Fäden zusammen, es klingeln die Telefone und es wird mit dem Budget jongliert. Johannes Grube ist ein wortgewandter und diplomatischer Tanzermöglicher, in dem Sinne, dass er hilft, die kreativen Ideen zu realisieren und gleichzeitig auf die Spielregeln, Zahlen und Zeiten zum Wohle aller zu achten.

Der Zunft so nah

Fühlt er sich in seiner tiefsten Seele heute noch als Tänzer? Johannes Grube atmet tief ein und denkt nach. „Nein, aber ich fühle mich der Zunft so nah“, sagt er. „Als wäre ich auf der Bühne dabei.“ Von Zuschauern wird er immer wieder mitleidig angesprochen, ob er bei jeder Vorstellung am Nationaltheater anwesend sein müsse. „Ich muss nicht. Ich DARF“, betont er. Und selbst das reicht ihm nicht: Er besucht Premieren in ganz Deutschland sowie in benachbarten Ländern und reist Tourneen sogar hinterher, um besondere Vorstellungen mehrfach zu genießen. „Wunderbar, dass sich diese Begeisterung nicht abnutzt. Das ist ein Geschenk des Lebens.“

Termine

Premieren der Tanzsparte am Mannheimer Natinonaltheater in der Saison 24/25: „Just a Game“, Choreografien von Stephan Thoss, Rebecca Laufer, Mats van Rossum, Giovanni Visone und Edward Clug, 18.10., 19.30 Uhr. „Poem an Minotaurus“ / „Le Sacre du Printemps“, Zweiteiliger Tanzabend von Stephan Thoss, 29.1.2025, 19.30 Uhr. „One Love“, Choreografien von Andrew Skeels und Martin Harriague, Fr, 25.04.2025. Spielplan und Karten unter www.nationaltheater-mannheim.de

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Mausklick statt Ballettstange: Johannes Grube jongliert in seinem Büro im Tanzhaus Käfertal mit Zahlen und Zeitplänen.
Mausklick statt Ballettstange: Johannes Grube jongliert in seinem Büro im Tanzhaus Käfertal mit Zahlen und Zeitplänen.
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