Ludwigshafen Eine vor Ideen sprühende Intendantin

Ulrike Stöck will Kinder- und Jugendtheater für alle Lebensalter und Bevölkerungsschichten machen.
Ulrike Stöck will Kinder- und Jugendtheater für alle Lebensalter und Bevölkerungsschichten machen.

Sie ist hochgewachsen, von frischem, burschikosem Temperament und unkomplizierter Offenheit. Eine, mit der man sprichwörtlich Pferde stehlen könnte. Und sie ist voller Ideen. Ulrike Stöck ist seit dieser Spielzeit Intendantin des Jungen Nationaltheaters Mannheim. Mit zwei Premieren und der Wiederaufnahme einer eigenen Produktion hat sie sich bereits vorgestellt. Im Gespräch erzählt sie, woher sie kommt und wohin sie an ihrer neuen Wirkungsstätte will.

Statt des schrulligen Namens Schnawwl steht auf allen Flyern und Plakaten jetzt Junges Nationaltheater. Ist das eine ihrer Neuerungen? Sie schüttelt den Kopf und lacht: „Das hat sich ergeben. Ich finde es sehr schön, wenn ein Theater einen Spitznamen hat, den jeder kennt.“ Selten verlaufe im Theater eine Stabübergabe so harmonisch, wie es in Mannheim geschehen ist, fügt sie an und bestätigt, was die Vorgängerin Andrea Gronemeyer vor ihrem Abschied hervorgehoben hat: „Wir haben alles besprochen und kollegial geklärt. Andrea macht eine super Arbeit. Ich mache manches anders. Sich abgrenzen gehört im Theater dazu.“ Im ersten Spielplan stehen viele Wiederaufnahmen: die Musiktheater „3...2...1... flieg!“, „Peter und der Wolf“; „Ichflimmern“ von der jungen Bürgerbühne, „Faust“, der den renommierten Theaterpreis „Der Faust“ knapp verfehlt hat, Cédric Pintarellis performatives Maltheater „Freche Fläche“ und auf vielfachen Wunsch das Familienstück „Rico, Oskar und die Tieferschatten“. Unter den bekannten Gesichtern, denen man wieder begegnet, ist Uwe Topmann. Er ist schon voll ins neue Ensemble integriert. „Ich hätte gern alle übernommen“, lächelt Ulrike Stöck spitzbübisch. „Aber Andrea hat sie ja nach München entführt.“ Ulrike Stöck kommt einerseits von weit her, andererseits ist sie schon länger in der Region zu Hause. 1975 in Halle geboren, liegen ihre prägenden Kindheits- und frühen Jugendjahre noch in der DDR. Halle ist eine Theaterstadt. Das Kindertheater sei ihr zu didaktisch gewesen, sie wedelt spöttisch mit dem Zeigefinger; und das Puppentheater noch weit von seiner heutigen Blüte entfernt, wozu sie eine skeptische Miene aufsetzt. Am liebsten sei ihr die Oper mit ihrer großartigen Händel-Tradition gewesen. In Potsdam studierte sie Germanistik und Judaistik und machte Regie-Assistenzen am Theater. Die Jahre 2001 bis 2004 am Kinder- und Jugendtheater Senftenberg wurden bestimmend für Ulrike Stöcks weiteren Werdegang. Senftenberg ist eine Kleinstadt im Lausitzer Braunkohlerevier. Das hier etablierte „Theater der Bergarbeiter“, das zu DDR-Zeiten einiges Ansehen genoss, wurde in ein Kinder- und Jugendtheater umgewandelt und 2006 sogar zum „Theater des Jahres“ gewählt. Da war Ulrike Stöck, die hier die Theaterarbeit für Kinder und Jugendliche kennen und lieben gelernt hatte, schon eine vielbeschäftigte freischaffende Regisseurin und Dramaturgin mit Aufträgen in Konstanz, Köln, Rostock, Linz, Bremerhaven, dazu eigene freie Produktionen, die sie auf Festivals präsentierte. „Ich war ausgelastet“, sagt sie, „und konnte gut davon leben. Auch für den Zwinger in Heidelberg habe ich Sachen gemacht.“ Intendant des Theaters Heidelberg war Peter Spuhler, der nach Karlsruhe wechselte. „Er hat mich gefragt, ob ich mir zutraue, am Staatstheater eine Sparte Kinder- und Jugendtheater aufzubauen.“ Klar hat sie sich getraut. Offen für Neues, experimentierfreudig und voller Energie, wie sie ist, geht sie mit Tatkraft an, was sich ihr bietet. „Es war eine schöne Aufgabe“ blickt sie zurück. „Ich habe mit zwei Schauspielern angefangen.“ Das war 2011. „Bei Bedarf habe ich mir zusätzliche Spieler aus dem Schauspiel ausgeborgt. In der letzten Spielzeit hatte ich ein Ensemble von fünf Spielern.“ Und Karlsruhe hatte ein funktionstüchtiges Junges Staatstheater. Was hat sie in Mannheim vor? Wo will sie Akzente setzen? Sie will ein „Kindertheater für alle“ machen. Sie meint damit alle Bevölkerungsschichten und alle Lebensalter. Sie wird Stoffe wählen, „die sich schön erzählen lassen“. Dabei will sie „alle ästhetischen Ansätze“ verfolgen und „alle theatralischen Mittel“ einsetzen. Das bedeutet interdisziplinäres Arbeiten in performativer Ausrichtung. Es muss nicht neu oder anders sein. Aber experimentierfreudig, ästhetisch ausgereift und durchdacht. Mit Entschiedenheit sagt sie: „Lieber mutig gegen die Wand gerannt als etwas Halbgares abgeliefert.“ Sie zählt dabei nicht zuletzt auf eine eigenständige Mitarbeit ihres Ensembles.

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