Mannheim RHEINPFALZ Plus Artikel Eine Art Geheimsprache: Jugendtheater „Mutter dili“ über Mehrsprachigkeit

An einer Haltestelle kreuzen sich die Wege dreier Leute: (von links) Hanna Valentina Röhrich, Soyi Cho und Ögünç Kardelen.
An einer Haltestelle kreuzen sich die Wege dreier Leute: (von links) Hanna Valentina Röhrich, Soyi Cho und Ögünç Kardelen.

Koreanisch, Türkisch, Mannheimer Dialekt: In „Mutter dili“ am Jungen Nationaltheater treffen Sprachen aufeinander – wenn man Chancen sucht, aber über Worte stolpert.

Soyi wächst in Südkorea mit belastendem Noten- und Konkurrenzdruck auf. Ab der ersten Klasse kämpft sie gegen die alltägliche Erschöpfung. Mit 19 Jahren lernt Soyi Deutsch. Sie wandert aus, nach Berlin – in ein neues Land, weg von dem System, das sie nur müde macht. Doch die neue Sprache, die ihr neue Wege eröffnet, wird zunächst zum Hindernis: Ist ihr Deutsch überhaupt gut genug für deutsches Sprechtheater? Darauf reagiert Soyi leidenschaftlich, ein Wendepunkt. In diesem Moment, sagt sie heute, hat sie ihre erste emotionale Erfahrung mit der deutschen Sprache gemacht.

Die Nationaltheater-Schauspielerin Soyi Cho versprachlicht mit bewegender Ehrlichkeit ihre eigene Lebensgeschichte. Es ist eine von drei Biografien, um die sich das Stück von Regisseur Tanju Girisken am Jungen Nationaltheater zentriert und die auf der Bühne nachgezeichnet werden. So kam Öğünç Kardelen mit 21 Jahren für sein Musikstudium aus der Türkei nach Deutschland. Seinen Namen muss er jedes Mal neu buchstabieren, erzählt er. Hanna Valentina Röhrich, auch vom Mannheimer Nationaltheater, dagegen ist in Deutschland aufgewachsen. Das dreiköpfige Ensemble der Jungen Bühne X und der Stadt Mannheim begegnet sich an einer Haltestelle, an der der Alltag kurz stillsteht und wo sich die Wege von Menschen unterschiedlichster Herkunft kreuzen. Sie tragen Mäntel in unterschiedlichen Farben – genauso wie sie unterschiedliche Muttersprachen sprechen, mit denen sie gesellschaftlich verortet werden oder sich selbst verorten. Auf der Wand hinter ihnen werden türkische und südkoreanische Wörter sowie Begriffe im Mannheimer Dialekt projiziert. Bald vermischt sich alles miteinander. Das Trio jagt den Wörtern spielerisch hinterher und spricht sie gemeinsam aus. Der Stücktitel „Mutter dili“ ist übrigens Türkisch und bedeutet auf Deutsch Muttersprache.

Wenn „Verdammt!“ gut klingt

Doch Sehnsucht entsteht: Allein der Klang des türkischen „Tüh be!“ („Verdammt!“) lässt Öğünç melancholisch werden – schon lange hat er das Wort nicht mehr gehört –, und Soyi findet für ein koreanisches Wort einfach keine deutsche Übersetzung. Hanna allerdings, die in Mannheim groß geworden ist, hat deutsche Kultur immer als „wie für mich gemacht“ erlebt: Egal, ob deutsche Kinderlieder oder deutsche Filme, für sie gab es nie eine Sprachbarriere. Seit jeher war da dieses Selbstverständnis, genau am richtigen Ort zu sein. Doch auch Hanna macht Fremdheitserfahrungen: Als sie in die Schweiz geht und sich mit ihrer „eigenen Sprache“ plötzlich nicht mehr wohlfühlt, weil sie dort anders klingt als ihre Mitmenschen.

„Mutter dili“ gelingt es, Sprache vielstimmig erlebbar zu machen: Sie ist Verständigungsmittel, kann auch Heimat sein oder zur Heimat werden. Die 8a der Wilhelm-Wundt-Realschule hat die Proben begleitet. Dabei standen Fragen im Raum, auf die es kaum einfache Antworten gibt: Wie erfahren die Schüler ihre eigene Mehrsprachigkeit? Fühlen sie sich damit wohl? Oder haben sie vielmehr das Bedürfnis, sie zu verstecken?

Die Muttersprache als Art „Geheimsprache“ in der Öffentlichkeit sprechen, eine „Misch-Masch-Sprache“ innerhalb der Familie entwickeln, oder in einer anderen Sprache fühlen, es aber auf Deutsch versprachlichen: Mehrsprachigkeit schafft mehr Gemeinschaft, als man zuerst denkt. Und Sprechen kann mächtig machen, vor allem, wenn man einander verstehen möchte.

Termine

„Mutter dili“ ab 14 Jahren am 26. November, 11 Uhr, 27. November, 18.30 Uhr, 28. November, 11 Uhr, im JNTM.

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