Ludwigshafen
Ein Zuhause für junge Geflüchtete: Neue Wohngruppe in Friesenheim öffnet
Lars Heene ist ehrlich beeindruckt, als ich ihn treffe. Denn: Der Leiter des Jugendamts macht gerade einen Rundgang durch die Räume einer neuen Wohngruppe, die im Stadtteil Friesenheim entstanden ist. Die Ludwigshafener Stiftung für Jugendhilfe hat dafür einer Privatperson ein Einfamilienhaus abgekauft, es kernsaniert, ein Doppelzimmer sowie fünf Einzelzimmer darin eingerichtet und wird diese ab kommender Woche geflüchteten Jugendlichen zur Verfügung stellen. Schon jetzt ist das Haus von einem gemütlichen Flair geprägt, es gibt dreifach verglaste Fenster, eine moderne Küche und vor allem: viel Platz für jeden, der in eines der hellen Zimmer einziehen darf.
„Das Projekt umzusetzen, war eine Mammutaufgabe“, sagt Stiftungsvorstand Christoph Andes. Doch gleichzeitig kann er stolz verkünden: „Die komplette Sanierung des Hauses ist uns innerhalb von nur acht Wochen gelungen. Teils waren fünf Gewerke gleichzeitig im Einsatz.“ Investiert habe man dafür eine deutlich sechsstellige Summe.
Dass die Stiftung für Jugendhilfe einen solch hohen Aufwand betreibt, liegt schlichtweg an der immer größeren Anzahl von unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden (UMAs), die seitens der Stadtverwaltung in Ludwigshafen untergebracht werden müssen. „Wir kooperieren bereits seit Jahren mit dem Jugendamt, das uns zuletzt erneut für die weitere Schaffung von Betreuungsplätzen angefragt hatte“, erzählt Andes.
102 junge Menschen muss die Stadt versorgen
Wie angespannt die Situation aktuell ist, verdeutlicht dabei vor allem ein Vergleich mit dem Januar 2023. Auch damals hatte die Stiftung für Jugendhilfe ein Haus gekauft, es kernsaniert und so in der Friesenheimer Friedrich-Profit-Straße Wohnraum für die Betreuung von sieben unbegleiteten Teenagern geschaffen. Doch während es zu diesem Zeitpunkt aus Ludwigshafener Sicht noch galt, insgesamt 44 UMAs unterzubringen, ist die Stadt heute verpflichtet mehr als doppelt so viele, nämlich 102 unbegleitete minderjährige Asylbewerber, zu versorgen. „16 davon sind inzwischen bereits volljährig“, sagt Lars Heene. Insgesamt müsse man davon ausgehen, dass die Zahlen weiter steigen.
Für ihn als Leiter des Jugendamts sei es deshalb ein großer Glücksfall, zu sehen, was in Friesenheim nun In den Ziegelgärten neu entstanden ist und welche Chancen die Jugendlichen erhalten, die dort künftig betreut werden. Diese Dienstleistung, die von der Ludwigshafener Stiftung für Jugendhilfe erbracht wird, finanziert die Stadtverwaltung durch Zuschüsse gegen.
Syrien, Türkei und Somalia: „Das sind die Herkunftsländer derjenigen, die die neue Einrichtung in der kommenden Woche beziehen“, sagt Lars Heene. Insgesamt machten Syrer (56) die deutliche Mehrheit jener UMAs aus, die aktuell in Ludwigshafen unterzubringen sind. Frauen seien darunter so gut wie keine. „98 der insgesamt 102 UMAs sind männlich“, erzählt Heene. Das jüngste Kind, für das das Jugendamt an dieser Stelle die Verantwortung trage, sei elf Jahre alt.
Hausverantwortliche für die neue Wohngruppe in Friesenheim ist Viktoria Gasisowa. Sie sagt: „Diejenigen, die wir hier von 6.30 Uhr bis 21 Uhr pädagogisch-therapeutisch betreuen, und mit denen wir gemeinsam kochen oder ihnen bei der Suche nach einer geeigneten Schule und einem Deutschkurs helfen, sind Jugendliche, die schon eine Weile in Deutschland sind.“
Die Stiftung zahle ihnen zunächst wöchentlich, später auch alle zwei oder vier Wochen den ihnen zustehenden Geldbetrag als Taschengeld aus und übernehme ganz klassische Erziehungsarbeit. „Wir fragen zum Beispiel nach, wofür sie ihr Geld ausgegeben haben und besprechen das dann gemeinsam“, erzählt Gasisowa. Zudem habe man ein Auge darauf, ob die UMAs ihre Zimmer sauber halten, es gebe Putzdienste oder auch die Regel, dass im Haus kein Alkohol erlaubt ist.
Nicht immer kommen die jugendlichen Flüchtlinge damit allerdings gut klar. Gerade junge Erwachsenen würden ihre großzügig geschnittenen Einzelzimmer teils sogar verlassen und freiwillig in eine Sammelunterkunft umziehen. „Ganz einfach, weil sie der Ansicht sind: Dort bekomme ich das Taschengeld einfach so und kann mein eigenes Ding machen“, erzählt Christoph Andes. Wollten diejenigen dann später allerdings doch wieder zurück in die Einrichtung der Stiftung für Jugendhilfe, liege es im Ermessensspielraum des Kostenträgers, auf diesen Wunsch einzugehen oder nicht.
Weil die Ludwigshafener Stadtverwaltung mit weiteren freien Trägern kooperiert, etwa der Ökumenischen Fördergemeinschaft, dem Ludwigshafener Zentrum für individuelle Erziehungshilfen oder dem Institut Lern-Planet, könne man derzeit rund 90 Prozent der zugewiesenen UMAs in altersgerechten, betreuten Wohnformen unterbringen. Alle anderen würden in Pflegefamilien oder ambulant betreut. „Wir haben allerdings die große Sorge, dass uns diese Plätze bei den immer weiter steigenden Zuweisungszahlen bald ausgehen“, sagt Lars Heene. Zudem seien die Kapazitäten auch deutschlandweit nahezu erschöpft. „Wir sehen das zum Beispiel daran, dass die Träger in Ludwigshafen sogar schon Unterbringungsanfragen aus Berlin bekommen“, so der Leiter des Jugendamts.
„Zur Not Pensionszimmer“
Wie so oft in den heutigen Zeiten, ist jedoch nicht nur der fehlende Wohnraum ein großes Problem. „Uns fehlt auch qualifiziertes Personal, das die oftmals traumatisierten Jugendlichen benötigen“, sagt Andreas Deflize. Er hat die Erziehungsleitung bei der Ludwigshafener Stiftung für Jugendhilfe inne. Ganz besonders schwierig sei es, Therapeuten oder Pädagogen zu finden, die die Muttersprache der unbegleiteten Jugendlichen sprechen. Dass aktuell eine irakische Fachkraft zur Verfügung stehe, die auch noch soziale Arbeit studiert hat, sei ein absoluter Glücksfall.
Doch was wird passieren, wenn es der Stadt Ludwigshafen tatsächlich nicht mehr gelingt, für UMAs Plätze in betreuten Wohngruppen zur Verfügung zu stellen? „Dann müssen wir trotzdem etwas finden. Die Kommune ist zur Unterbringung der ihr zugeteilten unbegleiteten minderjährigen Asylbewerber verpflichtet“, sagt Lars Heene. Zur Not müsse man Pensionszimmer anmieten.
Erfolgsgeschichten dank intensiver Betreuung
„Dass die jungen Menschen, die am Dienstag in unsere neue Wohngruppe in Friesenheim einziehen, es zu schätzen wissen, welches Angebot wir ihnen da machen, hoffen wir sehr“, sagt Christoph Andes. Und tatsächlich kann man ihm an dieser Stelle als Außenstehender nur beipflichten. Die Stiftung für Jugendhilfe hat ihre neue Immobilie nämlich so saniert, dass wohl jede wohnungssuchende Familie sagen würde: So hätte ich das auch gerne.
Die Mitarbeiter der Stiftung können allerdings auch von zahlreichen Erfolgsgeschichten erzählen, die auf Basis ihres Einsatzes bereits geschrieben wurden. „Einer unserer ehemaligen UMAs studiert heute zum Beispiel Medizin, andere sind ins Handwerk gegangen, haben eine Ausbildung zum Kfz-Mechaniker gemacht oder einen Pflegeberuf ergriffen“, berichtet Viktoria Gasisowa.
Wie viele der aktuell 102 in Ludwigshafen betreuten minderjährigen Asylbewerber am Ende in Deutschland ihr Glück finden und überhaupt bleiben dürfen, weiß derzeit niemand. „In der gesamten Bundesrepublik sind zum Stichtag 1. Oktober 44.962 UMAs registriert gewesen, davon untergebracht in Rheinland-Pfalz waren 2569“, sagt Lars Heene.