Leute im Landkreis RHEINPFALZ Plus Artikel Ein Tattoo als Beweis für Verbundenheit: Eine Power-Frau engagiert sich für ihre Heimat

Schöne Erinnerung hat Yvonne Wittmann an ihre Zeit an der Pestalozzi-Grundschule. Die ist Teil des Kindercampus’.
Schöne Erinnerung hat Yvonne Wittmann an ihre Zeit an der Pestalozzi-Grundschule. Die ist Teil des Kindercampus’.

Yvonne Wittmann dürfte wohl die einzige Beigeordnete im Umkreis sein, die sich das Logo ihres Heimatorts tätowiert hat. Seit Januar ist die Mutterstadterin im Amt.

„Jo, okay, mach ich!“ Das war in Yvonne Wittmanns Jugendtagen die flapsige Antwort auf die Frage, ob sie sich auf die Liste der CDU für die Kommunalwahl 2014 setzen lassen würde. Mit dem Abi in der Tasche, frisch getrennt von ihrem damaligen Freund und irgendwie ohne Plan, was sie so in Zukunft machen möchte, traf sie aus dem Bauch raus eine Entscheidung, die ihr Leben prägen sollte. „Damals dachte ich mir nur, es wäre spannend, mal einen Wahlkampf von innen zu erleben“, sagt sie. Auf einem bequem-aussichtslosen Listenplatz 14 war sie bereit, mal mitzumachen.

Überraschenderweise wurde sie auf Platz elf gewählt. Man kannte die umtriebige Mutterstadterin offensichtlich, die im Ort aufgewachsen ist, hier Kita und Gesamtschule besuchte, in der TSG turnte, in Chören sang und sich vor allem in der katholischen Gemeindearbeit aktiv einbrachte. Wegen zwölf fehlender Stimmen verpasste sie den Einzug in den Gemeinderat. „Da war ich dann traurig darüber, obwohl ich das gar nicht angestrebt hatte“, erinnert sie sich. Doch einen Tag später kam plötzlich der Anruf: „Herzlichen Glückwunsch! Du bist im Rat.“ Klaus Lenz wurde damals zum Beigeordneten gewählt. Dass sie dann nachrückte – „das habe ich nicht gewusst, wie so vieles nicht mit gerade einmal 19 Jahren“, erzählt sie und muss lachen. Zum Beispiel kannte sie das Wort „Einfriedung“ nicht, um das es in der ersten Sitzung ging. „Darum brauchen junge Leute die ältere Generation an ihrer Seite“, sagt sie und ist ihren Wegbegleitern wie Ulf-Rainer Samel und Klaus Lenz dankbar.

So wurde die Kommunalpolitik neben ihrer kirchlichen Jugendarbeit und ihrem Theologiestudium in Mainz zu einem passionierten Hobby. Direkt auf das Geschehen ihrer Gemeinde einwirken zu können, daran fand sie schnell Gefallen. Weder das Studium noch ihre Hochzeit waren für sie Anlass, ihren Heimatort zu verlassen. Mutterstadt forever? Wer daran zweifelt, der muss sich nur ihr neuestes Tattoo anschauen – der Mutterstadter Schlüssel über ihrer Fußfessel. Ein bisschen verrückt? Vielleicht. Mindestens aber ein klares Bekenntnis.

Zu wenige weibliche Führungskräfte

Vor sechs Jahren wurde Yvonne Wittmann das erste Mal Mutter. Ihre Tochter Rosalie wird nach den Sommerferien die Pestalozzischule besuchen – so wie sie einst. Sohn Fritz erblickte vor knapp zwei Jahren das Licht der Welt. Ihn nahm sie auch schon zu Sitzungen mit. Warum auch nicht? „Das sollte selbstverständlich sein, in allen Gremien“, sagt die junge Mutter, und ihre Stimme wird dabei noch ein bisschen energischer: „Wir Frauen sind in Führungspositionen auf so vielen Ebenen unterrepräsentiert, zum Beispiel in den Bürgermeisterämtern.“ Und das im Jahr 2026. Ein Handlungsfeld, das die Kommunalpolitik dafür besser denn je bestellen müsse, sei die Kinderbetreuung. „Bevor ich das zweite Mal Mutter wurde, habe ich das – ehrlich gesagt – gar nicht so auf dem Schirm gehabt“, gibt sie zu. Sie sei privilegiert, habe eine funktionierende Kinderbetreuung in der Familie. Doch ohne diese würde sie ihr politisches Amt nicht ausführen können.

Ausgerechnet „ihr“ Mutterstadt ist beim Angebot von Kita-Plätzen Schlusslicht unter den Kreiskommunen. Dass nun ein Kompromiss mit einem Kita-Mietmodell gefunden wurde, der die prekäre Lage entschärfen könnte – „das ist für mich der größte politische Erfolg in den vergangenen Jahren“, sagt Yvonne Wittmann. Im Nachgang sei sie der Elterninitiative IMKE dankbar, dass sie den Druck erhöht habe.

Hadert mit der Bundes-CDU

Wesentlich für diesen Erfolg sei eine gute Kommunikation zwischen den Ratsfraktionen gewesen. Kommunikation sei der Kitt des Lebens, sagt die 30-Jährige. Sie ist Expertin. Viele Jahre arbeitete sie in der Unternehmenskommunikation bei Edeka Stiegler in Speyer, derzeit bei Gemüse Renner in Mutterstadt. Social Media war schon immer ihr Metier. Aus ihrem Hobby hat sie ihren Beruf gemacht, ist mittlerweile ausgebildete Social-Media-Managerin. „Ich gehe gern arbeiten, bin aber auch gern Mutter“, sagt sie. Frauen sollten die Wahl haben und sich für eines oder für beides gleichzeitig entscheiden können.

Sie mag das Wort Gleichberechtigung nicht, denn gleichberechtigt sein genüge nicht. Gesellschaftlich und politisch müssten endlich faire Bedingungen für Frauen und Männer geschaffen werden. „Nicht die Frau muss sich anpassen, sondern die Gesellschaft“, sagt sie. Das beginne mit Kinderbetreuung etwa bei Parteitagen, Sitzungen zu familienfreundlichen Zeiten und ende mit der paritätischen Verteilung der Care-Arbeit.

Mit diesen politischen Positionen ploppt unweigerlich die Frage auf, warum die CDU ihre politische Heimat geworden ist. Auch wenn ihre Eltern keine aktiven CDU-Politiker sind, scheuten sie nie den offenen politischen Diskurs. „Auch damals nicht, als ich mit pink gefärbten Haaren auf Punk-Konzerte ging“, erzählt sie und schmunzelt. Sie sei aber schnell „ruhiger“ geworden. „Ich bin ein großer Fan der Politik der gemäßigten Mitte, wie Angela Merkel ihn gepflegt hat“, sagt sie. Heute hadert sie mit der Bundes-Union. „Umweltthemen werden zum Beispiel viel zu schnell wegrationalisiert, dabei sollten wir als Christen die Schöpfung wahren.“ Doch austreten und sich zurückziehen, sei keine Option. „Wir müssen von der Basis aus den Druck für unsere Themen aufbauen.“

Bürger teilhaben lassen

Und vor Ort die Chancen nutzen, etwas zum Positiven zu verändern. Seit Januar ist sie zweite Beigeordnete und zuständig für Kultur und Verkehr. Sie gibt zu, als kreativer Mensch sei sie kulturaffin. Das Thema Verkehr sei ihr aber genauso wichtig. „Doch oft sind in dem Bereich Entscheidungen für einige gut und für einige nicht“, weiß sie. Darum möchte sie die Bürger mitnehmen, den Sinn von Entscheidungen erklären und sie daran beteiligen. Die Vorhaben ihres Vorgängers – etwa bessere Bedingungen für Radler schaffen – seien gut ausgearbeitet. Diese möchte die Beigeordnete weiterverfolgen. Aber sie habe auch eigene Ideen: etwa mehr Menschen den Zugang zu kulturellen Veranstaltungen ermöglichen, auch beeinträchtigten Menschen.

Yvonne Wittmann hat also noch einiges vor – und schon viel erreicht: Mit 14 Jahren Mitglied im Jugendgemeinderat, mit 19 Gemeinderätin, mit 24 Fraktionsvorsitzende, Vorstandsmitglied in der Bürgerstiftung, zudem Kreistagsmitglied und seit diesem Jahr zweite Beigeordnete – so beginnen Karrieren von Berufspolitikerinnen. Die 30-Jährige winkt ab, zeigt aber auch ein Foto ihres Freundebuchs aus der ersten Klasse. „Wenn ich groß bin, möchte ich Bürgermeister werden“, steht dort geschrieben. Mit zwei kleinen Kindern sei das derzeit nicht ihr Ziel. Aber: „Man soll ja bekanntlich nie nie sagen!“

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