Mannheim
Ein Held, der keiner sein will: Taxifahrer kämpft mit den Bildern der Amokfahrt
Eine Gedenktafel auf einer Bank auf dem Paradeplatz erinnert noch an die Amokfahrt über die Mannheimer Planken am 3. März mit zwei Toten und weiteren Verletzten. Für viele Menschen ist das Leben längst ganz normal weitergegangen. Andere sind bis heute traumatisiert. Einer von denen, die mit den Nachwirkungen kämpfen, ist der Taxiunternehmer Muhammad Afzal. Als Held wurde der 47-Jährige immer wieder bezeichnet, weil er sich mit seinem Wagen dem Amokfahrer aus Ludwigshafen in den Weg stellte. Doch so will er gar nicht genannt werden. Der bescheidene Mann mit der sanften Stimme wurde geehrt, musste viele Interviews geben, jetzt will er nur noch eins: Die schlimmen Bilder vergessen und Ruhe finden.
Im Prozess schildert er, wie er den dunklen Wagen in seinem Rückspiegel durch die Fußgängerzone habe fahren sehen. Er habe mitansehen müssen, wie das Auto zwei Menschen erfasste. Die Leute haben geschrien. Und Muhammad Afzal? Er zögerte keine Sekunde und fuhr dem Wagen hupend hinterher. Vorbei am Rathaus in den E-Quadraten. „Der Oberbürgermeister hat das Hupen gehört. Er hat mir später erzählt, dass er zuerst dachte, das sei eine Hochzeit“, sagt der Taxiunternehmer bei einem Gespräch mit der RHEINPFALZ wenige Tage vor Weihnachten. Dann ging es für den flüchtenden Täter mit dem Auto in einer Sackgasse nicht weiter. Er wendete, und der 47-Jährige stellte sich ihm in den Weg. Als der mittlerweile verurteilte Täter mit einer Waffe auf Afzal schoss, dachte dieser, sein Leben sei vorbei. In dem Moment wusste der Taxiunternehmer nicht, dass es eine Schreckschusspistole gewesen ist, die der Amokfahrer bei sich hatte.
Schlimme Stunden für die Familie
Als der Täter, der seine Flucht zu Fuß fortsetzte, etwa 20 Minuten später im Industriehafen festgenommen wurde, gab Muhammad Afzal seine Beobachtungen einem Polizisten zu Protokoll. Stunden später wurde er im Krankenhaus untersucht. Er erzählt, dass ein Blutdruck von 190 gemessen worden sei.
Doch nicht nur für ihn selbst waren das schlimme Stunden. „Meine Familie konnte mich lange nicht erreichen, weil der Akku meines Handys leer war. Alle hatten solche Angst, weil sie nicht wussten, was los ist“, berichtet er. Es seien auch so viele Fake News in Umlauf gewesen. Von einer Bedrohungslage an mehreren Orten war die Rede. „Das war alles erfunden. Es ist unmenschlich, so etwas zu verbreiten.“ Freunde hätten ihn schließlich in der Klinik abgeholt und nach Hause gefahren. Dort haben ihn seine Frau und seine vier Kinder empfangen. „Sie alle haben geweint“, sagt er.
„Ich hoffe, so etwas passiert nie wieder“
Die nächsten zwei Monate blieb Muhammad Afzal zu Hause. An Taxifahren sei nicht zu denken gewesen. „Ich habe fast nicht geschlafen. Wie soll ich Taxifahren, wenn ich nicht schlafe?“, sagt er. Mittlerweile sitzt der Mannheimer Taxiunternehmer, der auf der anderen Seite des Rheins in der Pfalz wohnt und zwölf Angestellte beschäftigt, wieder am Steuer. „Fünfmal die Woche. Ich muss Termine halten“, sagt er. „Langsam geht es besser. Ich hoffe, dass so etwas nie mehr passiert.“ Seine Familie und seine Gemeinde hätten ihm sehr geholfen, erzählt der Muslim. Auch die Stadt Mannheim sei für ihn da gewesen und habe Unterstützung angeboten. Er erzählt von mehreren Treffen mit Oberbürgermeister Christian Specht. „Das hat mir gut getan.“
Am Taxistand am Mannheimer Paradeplatz ist der 47-Jährige nach wie vor sehr oft. Die Ereignisse vom Rosenmontag würden ihn immer wieder einholen. Doch auch Nachrichten wie von dem Anschlag in Sydney Mitte Dezember, der 15 Menschen das Leben kostete, würden ihm das Geschehen in Mannheim wieder vor Augen führen, sagt er. „Es ist so schwer zu vergessen.“ Über den Prozess, der erst vor wenigen Tagen mit der Verkündung einer lebenslangen Haftstrafe für den Amokfahrer zu Ende ging, möchte Muhammad Afzal nicht lange reden. Er sagt nur, dass er bei seiner Zeugenaussage versucht hat, den Blickkontakt mit dem Täter zu vermeiden. „Ich wollte ihn nicht sehen.“
In wenigen Tagen ist Silvester. Wie Muhammad Afzal den Jahreswechsel begeht, konnte er bei dem Gespräch noch nicht sagen. Viele Menschen werden ausgelassen feiern und Feuerwerk in die Luft schießen. Das wird der 47-Jährige sicher nicht tun. Dann sagt er ganz leise, fast flüsternd: „Er hat Menschen getötet und verletzt. Ich konnte nicht so viel helfen, wie ich wollte.“