Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel Ein AfD-Aussteiger aus der Pfalz über seine Ängste und den für ihn gefährlichsten Parteifunktionär

Pascal Bähr will Ende Mai aus Hessen in die Vorderpfalz zurückkehren – nicht nur, aber auch aus familiären Gründen.
Pascal Bähr will Ende Mai aus Hessen in die Vorderpfalz zurückkehren – nicht nur, aber auch aus familiären Gründen.

Vor vier Jahren trat er aus der AfD aus. Jetzt will er zurück in seine Heimat Ludwigshafen und politisch Flagge zeigen. Die jüngsten AfD-Erfolge machen Pascal Bähr Angst.

Herr Bähr, jetzt wäre ein guter Zeitpunkt, wieder in die AfD zurückzukehren. Die Partei eilt von einem Erfolg zum nächsten. Haben Sie schon mal darüber nachgedacht?
(lacht) Nein. Seit meinem Austritt habe ich keine Sekunde darüber nachgedacht und habe das auch weiterhin nicht vor. Ich bin sehr glücklich und stolz über meinen Schritt Anfang 2022 und bleibe ausdrücklich im demokratischen Spektrum.

Die AfD hat bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz jeweils starke Zugewinne verzeichnet. Wie geht es Ihnen damit?
Ich halte die Ergebnisse in beiden Bundesländern für sehr bedenklich – für unsere Gesellschaft und unsere Demokratie. Um ehrlich zu sein, macht mir das Angst, auch mit Blick auf kommende Landtagswahlen im Osten, etwa in Sachsen-Anhalt.

Warum legt die AfD inzwischen auch im Westen extrem zu?
Das hat mehrere Gründe. Die demokratischen Parteien haben es noch nicht geschafft, realistische Lösungsansätze für gesellschaftliche Probleme klar darzulegen. Zudem gibt es erheblichen Nachholbedarf bei der Kommunikation, insbesondere in den sozialen Medien. Viele Menschen haben große Sorgen, vor allem wirtschaftlich, die durch den Krieg im Nahen Osten noch verstärkt werden. Die AfD schafft es, sehr einfache, plakative Lösungen zu kommunizieren.

Und das verfängt vor allem bei jungen Leuten?
Ja, absolut. Auf Plattformen wie TikTok und Instagram ist die AfD oft Spitzenreiter – bei Abonnenten und Reichweiten. Das hängt auch mit den Algorithmen zusammen, die reißerische und hetzerische Inhalte stärker pushen.

Sie haben sich bei unserem letzten Gespräch im September 2025 für ein AfD-Verbotsverfahren ausgesprochen. Bleiben Sie dabei?
Ja, auf jeden Fall. Die Bekämpfung der AfD ist vielschichtig. Die demokratische Mitte muss ihre Kommunikationsstrategien massiv verbessern. Gleichzeitig hat der Staat das Recht, seine demokratischen Grundpfeiler zu schützen. Die Radikalisierung der Partei schreitet voran – das zeigen Äußerungen von AfD-Politikerinnen und -Politikern sowie die neue Parteijugend „Generation Deutschland“, bei der der Verfassungsschutz früh personelle und inhaltliche Kontinuitäten festgestellt hat.

Pascal Bähr im Juni 2019 im Ludwigshafener Stadtrat. Dort war er zeitweise Fraktionsvorsitzender der AfD.
Pascal Bähr im Juni 2019 im Ludwigshafener Stadtrat. Dort war er zeitweise Fraktionsvorsitzender der AfD.

Sie kennen als Ex-Funktionär die Strukturen der ehemaligen Jugendorganisation Junge Alternative (JA). Unterscheidet sich die neue „Generation Deutschland“ von der alten?
Der größte Unterschied ist, dass „Generation Deutschland“ ein offizieller Teil der Parteistruktur ist. Das macht sie noch gefährlicher als es die frühere JA jemals war – unter anderem, weil der Staat nun weniger Mittel gegen sie in der Hand hat.

Wann werden wir in ostdeutschen Bundesländern den ersten AfD-Ministerpräsidenten erleben?
Mit Prognosen bin ich vorsichtig. In Ostdeutschland ist die Zustimmung zur AfD zwar grundsätzlich höher als im Westen. Andererseits wählen auch dort im Schnitt immer noch 60 bis 65 Prozent demokratisch.

Also vorerst kein AfD-Chef in einer Staatskanzlei?
Ich hoffe es ausdrücklich. Ein erster AfD-Ministerpräsident, etwa in Sachsen-Anhalt, würde der Partei genügend Ressourcen geben, um mittel- und langfristige Schäden in der Gesellschaft zu verursachen.

Manche wünschen sich, dass die sogenannte Brandmauer bald fällt, haben kaum Berührungsängste und kritisieren: Die etablierten Parteien kriegen eh nichts hin – lasst doch mal die AfD ran. Was entgegnen Sie diesen Leuten?
Um es bildlich auszudrücken: Wenn ich die Pest an der Backe habe, hänge ich mir doch nicht die Cholera um den Hals. In den USA sehen wir doch exemplarisch, wie schnell demokratische Strukturen auch nach einer demokratischen Wahl komplett in die Tonne getreten werden können. Die AfD erfährt Unterstützung aus der Maga-Bewegung und war mit Kräften wie dem Gott sei Dank in Ungarn abgewählten Viktor Orbán verbunden. Unter diesem Gesichtspunkt halte ich es für sehr, sehr fragwürdig, darüber ernsthaft nachzudenken, die AfD als tatsächliche politische Alternative zu bewerten.

Dass AfD-Mann Joachim Paul (55) nicht zur Ludwigshafener OB-Wahl zugelassen wurde, nennt Pascal Bähr „definitiv“ richtig.
Dass AfD-Mann Joachim Paul (55) nicht zur Ludwigshafener OB-Wahl zugelassen wurde, nennt Pascal Bähr »definitiv« richtig.

War es richtig, AfD-Kandidat Joachim Paul von der Oberbürgermeisterwahl in Ludwigshafen auszuschließen?
Meiner Meinung nach definitiv. Der Staat hat – auch aus den Lehren der Vergangenheit – Mittel, sich zu verteidigen und ein mögliches Verbotsverfahren zu prüfen. Nur weil man eine Partei demokratisch wählen kann, ist die Partei selbst nicht zwangsläufig demokratisch.

Eine Alice Weidel auf Bundesebene, ein Björn Höcke in Thüringen oder ein Sebastian Münzenmaier in Rheinland-Pfalz: Wen halten Sie für den gefährlichsten AfD-Politiker?
Meiner Meinung nach sind alle auf ihre Weise gefährlich, da alle Genannten Überzeugungstäter sind. Sebastian Münzenmaier sticht aber nochmals heraus.

Inwiefern?
Er steht Alice Weidel extrem nahe und hat gleichzeitig mit Björn Höcke kein Problem. In Berlin gilt er als einer der einflussreichsten Strippenzieher, das „Münzenmaier-Netzwerk“ arbeitet massiv an einem professionelleren und besser „verkaufbaren“ Auftreten der Partei, ohne jedoch weniger radikal zu sein.

Wie gut kennen Sie ihn?
Aus früheren Gesprächen weiß ich, dass er ein großer Anhänger der sogenannten Mosaikrechten ist und darum kein Problem mit dem rechtsextremen Vorfeld der AfD hat. Für unser schönes Rheinland-Pfalz hat er einen geheimen Plan zur Eroberung des ländlichen Raums entwickelt, der vor Durchtriebenheit trieft – und auf andere Bundesländer ausgeweitet werden soll, falls er hier verfängt. Das alles zeigt: Münzenmaier ist ein äußerst stark vernetzter Stratege, den man auf dem Schirm haben muss.

Haben Sie nach Ihrem Austritt oder in den Jahren danach Drohungen oder Anfeindungen erlebt?
Bisher bin ich von Drohungen und Einschüchterungen weitgehend verschont geblieben – selbst nach Medienauftritten. Ganz im Gegensatz zu früheren AfD-Aussteigern wie Alexander Leschik, Franziska Schreiber oder Nicolai Boudaghi, die teilweise schon vor vier, fünf oder sechs Jahren ausgestiegen, in die Öffentlichkeit gegangen und danach geradezu überhäuft worden sind mit Morddrohungen und Beleidigungen. Ich habe den Eindruck, dass die Partei inzwischen gesellschaftlich eine größere Akzeptanz hat und man sich weniger mit den Aussagen von Aussteigern beschäftigt als früher. Auffällig war, dass ich nach einem Bericht der Bild-Zeitung über mich auf der Plattform X stark angegriffen wurde. Ich war zuvor am Rande der Neugründung der „Generation Deutschland“ in Gießen teilweise in Begleitung des Journalisten Paul Ronzheimer für die Sat.1-Dokureihe „Wie geht’s Deutschland?“ unterwegs.

Sie schreiben am Buch „Der Seitenwechsler“. Warum sollte man es unbedingt lesen?
Wenn man Politikwissenschaftlern und Extremismusexperten nicht zuhören möchte, sollte man vielleicht auf diejenigen hören, die die Strukturen über Jahre von innen kennengelernt haben.

Vor ihm warnt Pascal Bähr explizit: Sebastian Münzenmaier, seit 2017 Bundestagsabgeordneter, seit 2023 deren Fraktionsvize. Zude
Vor ihm warnt Pascal Bähr explizit: Sebastian Münzenmaier, seit 2017 Bundestagsabgeordneter, seit 2023 deren Fraktionsvize. Zudem ist der 36-Jährige stellvertretender Landeschef der AfD Rheinland-Pfalz.

Wann wird das Buch auf dem Markt sein?
Ich möchte das Manuskript dieses Jahr fertigstellen und hoffe auf eine Veröffentlichung im nächsten Jahr. Ich hänge etwas hinterher, weil vor den Landtagswahlen viele Termine dazwischenkamen, arbeite aber hochmotiviert weiter.

Sie wollen in die Vorderpfalz zurückkehren. Haben Sie Heimweh?
(lacht) Auch. Es sind aber vor allem private, insbesondere familiäre Gründe, die mich voraussichtlich Ende Mai zurück in Richtung Ludwigshafen ziehen.

Wollen Sie wieder auf die politische Bühne?
Ich plane tatsächlich zusammen mit einigen Personen aus der Region, die Zivilgesellschaft in Ludwigshafen zu stärken und die Stadt nicht der AfD zu überlassen, die hier bei der Landtagswahl fünf Prozentpunkte über dem Landesdurchschnitt lag. Eine Rückkehr in die Kommunalpolitik halte ich mir offen – im demokratischen beziehungsweise progressiven Lager.

Bei der nächsten Kommunalwahl 2029 kann man also eventuell mit Ihnen rechnen?
Das ist auf jeden Fall vorstellbar.

Zur Person: Pascal Bähr

Pascal Bähr, 31, war nach seinem Parteieintritt im Sommer 2013 knapp neun Jahre lang AfD-Mitglied. Unter anderem war er ab 2019 Fraktionschef im Ludwigshafener Stadtrat. Am 13. Januar 2022 hat er die Partei verlassen, blieb aber zunächst noch Fraktionsvize im Stadtrat. Als Vize-Vorsitzender und Pfalz-Regionalvorsitzender der AfD-Nachwuchsorganisation Junge Alternative (JA) in Rheinland-Pfalz, die wie ihre Mutterpartei vor der Auflösung bundesweit als gesichert rechtsextremistisch eingestuft wurde, verabschiedete sich Bähr ebenfalls Mitte Januar 2022. Sämtliche Ämter im Landesvorstand gab er bereits einige Wochen zuvor ab. Bähr war früher in der Hotelbranche beschäftigt, jetzt ist er im Tourismussektor tätig. Der Ex-Soldat und gebürtige Ludwigshafener wohnt noch in Hessen, plant aber eine Rückkehr in die Vorderpfalz. Sein Aussteigerbuch „Der Seitenwechsler“ soll im kommenden Jahr erscheinen. Im Ludwigshafener Stadtrat (60 Sitze) belegt die AfD aktuell zwölf Mandate. Der von Johannes Thiedig (49) geführte Ludwigshafener AfD-Kreisverband hat aktuell knapp 140 Mitglieder.

Pascal Bähr bei einer AfD-Veranstaltung 2019 in Ludwigshafen.
Pascal Bähr bei einer AfD-Veranstaltung 2019 in Ludwigshafen.
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