Mannheim
„Ecstatic Mozart“ auf dem Online-Festival „Mannheimer Sommer“ des Nationatheaters
Im Vorgespräch skizzierte Cremer seine aus der Not geborene Idee. Denn eigentlich war eine Performance im Mozartsaal des Schwetzinger Schlosses geplant, bei der die Mannheimer Bläserphilharmonie spielen sollte und Cremer das Publikum dazu bewegen, Mozarts Musik sinnlich zu erleben. Wie anders nun die Videoperformance! Ein „körperloses“ Geschehen, bei dem alle Beteiligten lediglich bewegte Bilder sind. „Den virtuellen Raum mal kurz ausräuchern“, beschrieb der Künstler erwartungsfroh sein neues Vorhaben.
Die Stunde der Premiere naht, der Reporter klickt auf einen Link, den er, wie alle Teilnehmer, vorab bekommen hat. Es öffnet sich ein Fenster, es wird angekündigt, dass der Gastgeber gleich die Sitzung eröffnet. Das geht leichter als gedacht, denkt der Reporter – und täuscht sich. Das Fenster geht auf und die Baroness erscheint (Maren Schäfer als Moderatorin), gekleidet und geschminkt im Stil des Barock. Doch leider bleibt sie stumm. Nun rächt es sich, einen für Datenschutz optimierten Browser zu nutzen. Also schnell den Standardbrowser aufgerufen, noch eine kleine Installation des Video-Hosters, Link, Passwort.. endlich da, knapp zehn Minuten zu spät.
„Gereon, kannst du uns jetzt hören?“
Mozart ist da: „Gereon, kannst du uns jetzt hören.“ Huch! Ich bin sichtbar, erschrickt der Reporter. Oben im Bild eine Galerie der anderen Teilnehmer, darunter das große Bild mit Cremer, der sich schon in Mozart verwandelt hat, im Hintergrund spielt Kapellmeister Vincent Stefan Klavier. Mozart macht die Situation zum Thema: Die schauenden Köpfe, alle in kleinen Kästchen. „Eingesperrt! Zerbrecht dieses Wahnes Bande!“ ruft er den 13 Videokonferenz-Teilnehmern zu. Alle seien doch Geschwister, alle sollten sich lieben. Die Klagen über den Zustand des Getrenntseins sollen sich in Jubel verwandeln.
Mozart singt „An die Hoffnung“ (KV 340c). Leider verwandelt sich erst mal nichts. Die Teilnehmer in ihren Videofensterchen wirken so lebendig wie eine ölgemalte Ahnengalerie. Das bleibt nicht ohne Wirkung auf den Künstler. „Es ist richtig scheiße, auf Zoom zu performen, das macht überhaupt keinen Spaß“, stellt Cremer fest. Bis dahin hat er hart gearbeitet, aber leider wenig Resonanz bekommen. Der Reporter fühlt sich unwohl, sieht vor sich den sich mühenden Künstler, sieht sich aber in der Rolle des Beobachters gefangen.
So oder so, das Fazit ist positiv
„Ja, es hat sich ein bisschen wie Verhungern angefühlt“, sagt Cremer am nächsten Tag dem Reporter. Aber das gehöre auch zu einer Performance: aktuelle Gefühle aufgreifen und offenlegen. Die zweite Performance des Abends sei anders gelaufen, hier habe er das Einbeziehen der Teilnehmer stärker vorbereitet. Die erste Sitzung habe eine wesentlich „dunklere“ Note als die zweite gehabt. Man konnte noch sehr viele Aspekte Mozarts erleben: das Spielerische, das Schwärmerische, den Ärger, schon in frühester Kindheit als Wunderkind herumgereicht zu werden, aber auch Albernheiten, wie etwa das rückwärts Sprechen.
Schon im Vorgespräch erwartete Cremer, dass jede Performance anders werden würde. Wenn sehr wenig bei ihm ankomme, habe er auch wenig, mit dem er arbeiten könne, und das sei schwierig. So oder so ist sein Fazit aber positiv: „Ich habe wieder ordentlich was gelernt, über Zoom, über mich und die Welt. Und dafür mache ich das.“