Mannheim RHEINPFALZ Plus Artikel DJ Klaus Hiltscher wird 80: Der Mann, der die Jukebox ablöste

Klaus Hiltscher in seinem Element, beim Mixen im Café Blau. Im August wird der nimmermüde Musikliebhaber 80 Jahre alt.
Klaus Hiltscher in seinem Element, beim Mixen im Café Blau. Im August wird der nimmermüde Musikliebhaber 80 Jahre alt.

Mannheims dienstältester DJ Klaus Hiltscher, auch bekannt als „Affendaddy“, wird im August 80 Jahre alt. Und packt bei einem Treffen so manche Anekdote aus.

Im Café Blau im Jungbusch ist er der Local-DJ. Im Monatsrhythmus wühlt der 79-Jährige in der rockigen Raucherkneipe in seinem gigantischen Musikarchiv. Bis spät in die Nacht mischt er 70er Working-Class-Songs wie „Making Plans For Nigel“ mit The Police und haut auch mal unerwartet weibliche Punk-Perlen von der Chicagoer New-Wave-Band „Holly & The Italians“ heraus.

Im Grunde war Hiltscher schon Disc-Jockey, als es den Namen noch gar nicht gab. Als man nicht mit Kopfhörern, zwei Turntables und Mischpult ausgestattet „Scheiben“ mischte – oder wie heute, ganz bequem, digitale Tracks ineinander mixte. Wenn man dem „Affendaddy“ so zuhört, wie er von „Tonträgern“, vom Kommen und Gehen Mannheimer Kult-Clubs wie dem „Genesis“ erzählt oder wie es war, als es die ersten Hard-Rock- und Punk-Schallplatten in den Planken zu kaufen gab, wird einem erst bewusst, welch radikalen Wandel vom Vinyl über Mixtapes und CDs bis zu „unsichtbaren“ Streams seine Generation erlebt hat.

Nimmermüder Musikliebhaber

„Ich habe immer noch ein paar CDs aus den 2000ern, in die ich jetzt erst reinhöre“, sagt der nimmermüde Musikliebhaber, der bewusst auf Spotify verzichtet, das echte Konzert-Erlebnis schätzt und als Fotograf auch Freddie Mercury oder Patti Smith vor die Linse bekam. Mit Szene-Plattenläden in London und New York tauschte er sich aus, dabei ist er eigentlich ganz weit weg vom urbanen Straßensound groß geworden.

Aufgewachsen ist das 1946 geborene Nachkriegskind in einem Bauerndorf bei Schwandorf in Niederbayern. Ohne Vater, und im Grunde auch ohne Mutter. „Sie musste 1945 aus Görlitz fliehen, als die Russen einmarschiert sind“, erklärt er. 1949 zog sie aufgrund eines Jobs schon wieder weiter, nach Mannheim. Hiltscher aber wuchs bei seiner Tante auf einer Flussinsel auf. Seine Mutter kam als Geschäftsfrau nur einmal im Jahr mit Geschenken zu Besuch.

Beim Jugendaustausch „infiziert“

Doch kurz vor der Einschulung holt sie ihn nach Mannheim. Nicht aber bei ihr zu Hause im Almenhof, sondern in einem Waisenhaus im M6-Quadrat verbringt er die ersten Schuljahre. „Ich durfte nur an den Wochenenden heim, und da war ich schon privilegiert. Von 40 Kindern wurden vielleicht fünf abgeholt“, verrät er. Nach der Hauptschule lernt Hiltscher Schaufensterdekorateur bei Karstadt. Von der Musik aber wird er durch einen deutsch-französischer Jugendaustausch in den Alpen infiziert.

Im Sommer 1962 haben die Gäste aus Frankreich ihre Plattenspieler dabei. Hiltscher wird von einer Französin in die englischsprachige Musik eingeweiht. „Mit 16 sah ich aus wie 12, ich hatte keine Chance, sie hat mich bemuttert“, sagt er heute lachend. Und doch ist die Ferienfreizeit von Erfolg gekrönt: der kleine Klaus wird Twistkönig, kaum zu Hause, kaufte er sich mit dem Geld der Mutter die ersten Singles, obwohl er noch gar keinen Plattenspieler hat.

DJ in der Oststadt

Ab da beginnt seine Leidenschaft. Schon zwei Jahre später nennt Hiltscher knapp 100 Singles und zehn LPs sein Eigen. Genug, um in den damals ganz frischen Jugend-Clubs wie dem „Echo 63“ in der Oststadt erste DJ-Erfahrungen zu sammeln. „Zuvor wurde in den Läden nur Jukebox gespielt oder es traten Live-Bands auf“, erinnert er an die Anfänge. Stets bleibt er offen für neue musikalische Einflüsse: Rock’n’Roll, Soul, Punk, Hard-Rock. Über das „Blow-Up“ in Viernheim lernt er Tom Esselborn kennen, der 1969 das Tiffany übernimmt. Megastars wie Falco und Mick Jagger feiern damals nach ihren Konzerten in der Kult-Disco. „Es war damals noch kein Goldkettchen-Club. Tommy spielte harte, schräge Sachen“, sagt Hiltscher, der selbst hauptberuflich zum DJ wird.

Ab 1970 bringt er unter anderem bei „Radio Kaibel“ am Paradeplatz als junger Verkäufer einen frischen Sound rein. 1978 eröffnet er mit seiner Frau das „Rock on“, seinen eigenen Vinyl-Laden. Für die schwarzen Scheiben fliegt er mehrmals im Jahr nach London, trifft sich mit der Avantgard-Szene im Soho, wo sich zur damaligen Zeit auch Elton John oder David Bowie rumtreiben. „Oft hatte ich Mannheimer Kraut-Rock-Sachen als Tauschmaterial dabei“, sagt er lachend.

Gefühl für Menschen und Musik

Sein Radio-Debüt gibt er 1975 beim Südwestfunk (SWF), wo ihn Frank Laufenberg zur erfolgreichen Sendung „Pop Shop“ einlädt. Sein besonderes Faible für Musik befähigt ihn auch ohne Abi oder Studium, ab Mitte der 80er als fester Musikredakteur bei RPR anzuheuern. Doch auch lange nach der Rente setzt er sich nicht zur Ruhe.

Auch beim Marchivum ist der 79-Jährige inzwischen als wandelnder Zeitzeuge sehr gefragt. Seine größte Leidenschaft aber bleibt das DJing. „Ich habe eine Gefühl für Menschen und Musik“, sagt er.

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