Mannheim RHEINPFALZ Plus Artikel „Dinge über Leben“ am Nationaltheater

„Wie lebt man weiter, wenn das Unvorstellbare passiert? Wie bleibt man weich in einer harten Welt?“, fragen die drei Schauspiele
»Wie lebt man weiter, wenn das Unvorstellbare passiert? Wie bleibt man weich in einer harten Welt?«, fragen die drei Schauspieler Bruno Akkan, Maria Helena Bretschneider und Pablo Weller de la Torre.

Mit „Dinge über Leben“ erschafft Regisseurin Ayşe Güvendiren eine Hommage an eine Frau, die bei einem rassistischen Brandanschlag fünf Familienmitglieder verlor.

Eine leerstehende, kahle Wohnung. Nur vereinzelte Gegenstände erinnern an das Leben, das hier einmal war. Eine Spieluhr mit Ballerina, eine Strickdecke, ein Teddy. Der Abreißkalender an der Wand datiert noch den 29. Mai, doch die Uhren in den ruhigen Zimmern schweigen. 27, 18, zwölf, neun und vier Jahre alt waren die Opfer. Saime, Hülya, Hatice, Gürsün und Gülüstan ihre Namen. Kinder und junge Erwachsene mit Zielen und Träumen, die in einer Nacht zum Samstag im Jahr 1993 in ihrer Wohnung starben, nachdem Rechtsextreme das Haus in der Unteren Wernerstraße 81 in Solingen in Brand setzten. Die Inszenierung im Studio Werkhaus erzählt die Geschichte einer Familie und eines fünffachen Mordes. Aber nie auf reißerische Art, sondern zart, lebendig, leichtfüßig und lächelnd. Manchmal mit dem Leben tanzend.

„Das ist kein klassisches Theaterstück. Kein Porträt der Gewalt“, sagt eine Stimme im Kopfhörer. Während man gedanklich mit Blick auf eine Leinwand durch einen Raum der Erinnerungen schreitet, stehen ein paar Sitznachbarn plötzlich auf, laufen auf die Projektionsfläche zu, ziehen ihre Schuhe aus und verschwinden dahinter, in einem anderen Raum. Auf mehreren Ebenen und in unterschiedlichen Reihenfolgen wird die museale Theaterproduktion des Nationaltheaters Mannheim erzählt. Mit Bildern in Bildern gearbeitet. Mit Blicken und Einblicken.

Dinge, die bleiben

In einem kleinen, alten TV-Gerät auf den kargen Dielen taucht Zeitgeschichte auf. Die Beschränkung der Zuwanderung ist Wahlkampfthema nach der Wiedervereinigung. Es kommt zu ausländerfeindlicher Gewalt, zu Brandanschlägen mit Toten. In Mölln, Hoyerswerda und eben Solingen. Mevlüde Genç konnte aus dem Fenster springen, sie dachte, auch ihre Liebsten wären gerettet, da hörte sie drinnen wieder Schreie. Schreie, die sie nie vergessen konnte. „Es gibt Dinge, die bleiben“, heißt es in dem Stück immer wieder.

Die damals 50-Jährige war eine Überlebende. „Doch wie lebt man weiter, wenn das Unvorstellbare passiert? Wie bleibt man weich in einer harten Welt?“, fragen die drei Schauspieler Bruno Akkan, Maria Helena Bretschneider und Pablo Weller de la Torre, die wie wandelnde Bronzefiguren umherlaufen. Von Seiten der Politik werden die Brandanschläge damals mitunter als „Dummer Jungen“-Streich abgetan. Kanzler Kohl bleibt der Trauerfeier fern. Man wolle keinen Beileidstourismus, sagte der damalige Regierungssprecher Dieter Vogel.

Wohnung der Erinnerungen

Mevlüde Genç und ihre Hinterbliebenen werden finanziell entschädigt. Sie bekommen ein Haus, doch der Hass geht weiter. Sie würden ein Luxusleben auf Kosten des Staates führen, mit Pool und Helikopter. Die Mutter aber geht nicht auf die Polarisierung ein. Sie reicht trotz ihres Schmerzes die Hand. 1995 nimmt sie die deutsche Staatsbürgerschaft an. Ihr Widerstand besteht auch darin, dass sie bleibt. Wie Museumswächter bitten die schauspielenden Bronzefiguren nun auch die zweite Gruppe, ihre Schuhe auszuziehen und führen sie durch eine Wohnung der Erinnerungen. Mit Exponaten wie eine türkische Teekanne, ein Radio, Koffer oder Yazma, ein grünes Kopftuch.

Nur mit Strümpfen an den Füßen darf man frei über den Teppich laufen, sich bei ihr Zuhause, als willkommener Gast fühlen. Mit Kolonya werden die Hände eingerieben, ein Tee gegen die Stille getrunken. „Ich habe Tee gekocht. Für meine Kinder, die noch lebten. Ich habe den Tisch gedeckt. Nicht weil ich stark war. Sondern weil ich nicht wollte, dass der Hass an unserem Tisch sitzt“, wird Mevlüde Genç zitiert.

Verantwortung statt Wut

Ein Brunnen plätschert in der Mitte, es wird gesungen, sich an die schöne Zeit erinnert, an das Leben. Aber auch an das, was fehlt, was nie gelebt werden konnte. Es sind die kleinen Dinge, die in der einfühlsamen Inszenierung zu Wort kommen, an denen die Erinnerungen kleben. Statt Hass strahlte Mevlüde Genç Liebe aus, statt Wut lebte sie Verantwortung vor und wurde somit zum Vorbild für zukünftige Generationen. Das Stück trägt diese Botschaft einfühlsam und eindrücklich weiter…

Termine

Die nächste Vorstellung ist am Samstag, 7. März, um 20 Uhr im Studio Werkhaus in der Mozartstraße 9-11. Weitere Termine: 25. März sowie 1. und 12. April.

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