Festival des deutschen Films
„Diese Damen mit ihren Trillerpfeifen“: Steffi Kühnert im Interview über „Mensch Mutti!“
Kommen Sie zum ersten Mal auf das Festival des deutschen Films?
Ja, genau. Ich war noch nie da, und ich freue schon sehr. Es soll ja ganz besonders sein. Leider bin ich noch nicht zur Premiere von „Mensch Mutti!“ da, sondern ich komme am 23. und 24. August.
Kennen Sie die Region um Ludwigshafen?
Ja, da war ich schon und da habe ich auch schon gedreht, ich war nur noch nicht auf dem Filmfestival. Ich bin schon mehrfach über den Rhein geschippert, ich habe in Saarbrücken und in Saarlouis gedreht und damals auch den Schwarzwald-„Tatort“. Es ist nicht so, dass mir das unbekannt ist, nur leider hat es mit dem Festival noch nie geklappt. Aber jetzt ist es doch umso schöner, dass ich die Zeit habe und dabei sein kann.
Und Sie kommen gleich mit zwei Filmen: „Mensch Mutti!“ und „Feste feiern“. In beiden spielen Sie ostdeutsche Mütter und in beiden an der Seite von Lucie Heinze. Sie sind Professorin an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“, an der Heinze gelernt hat. Haben Sie sie mitausgebildet?
Ich kenne sie gut von der Schauspielschule. Ich habe sie begleitet, aber selber mit ihr als Studentin gearbeitet habe ich nicht. Jetzt kam zuerst „Feste feiern“ und dann „Mensch Mutti!“ wieder mit Lucie. Das war perfekt und ich fand es sehr schön.
Wo liegt dieses Gerlau, der Schauplatz von „Mensch Mutti!“?
Na ja, das ist angedacht in Sachsen-Anhalt.
Wie zwingend ist es, dass der Ort in Ostdeutschland liegen muss?
Das ist sicherlich nicht zwingend, aber dass der Film mit einer Ostsozialisierung zu tun hat, ist schon gewollt.
Wäre das ein Ort, in dem Sie sich zu leben vorstellen könnten?
Es kommt ja immer darauf an, ob man vielleicht seine Familie dort hat, was man dort macht, ob man da arbeiten und sich ein Umfeld bauen kann, das einen glücklich macht. Das muss ja nicht immer die Großstadt sein. Ich selber bin auch von Berlin weggezogen nach Mecklenburg. Ich habe 42 Jahre im Prenzlauer Berg gewohnt und dann gesagt, ist gut, jetzt reicht es auch. Es war schön, aber jetzt brauche ich es ein bisschen ruhiger. Das ist natürlich auch eine Altersfrage, dass man nicht mehr so sehr die Unterhaltung braucht, sondern seinen Genuss daran findet, die Natur zu erleben, die Ruhe, und in der Erde zu buddeln und so. Und es ist schön, auch mal eine andere Variante im Leben auszuprobieren. Es ist natürlich auch wunderbar, dass man immer noch die Möglichkeit hat, auch mal in die Stadt zu fahren, um dort ins Theater oder ins Kino zu gehen. Ich habe ja in Berlin immer noch meine Arbeit an der Schauspielschule, aber mein Lebensmittelpunkt ist jetzt eher auf dem Dorf.
Sie spielen in beiden Filmen ostdeutsche Mütter. Ist das allgemein die Rolle, die Ihnen heute am häufigsten angeboten wird?
Nicht nur. Aber es gehört ja auch zu unserer Geschichte. Ich denke, das hat auch etwas mit Authentizität zu tun, weil ich weiß, wovon ich spreche, ich habe das ja alles erlebt und kenne das noch. Ich bin ja auch mehr oder weniger im Osten geblieben. Ich denke, meine Biografie ist der Rolle dann zuträglich, da kann man etwas erzählen und hat vielleicht auch etwas zu versenden. Das hilft einem bei der Rollenfindung. Wobei ich nicht sagen möchte, dass westdeutsche Schauspielerinnen keine Ostdeutschen spielen könnten und umgekehrt. Aber hilfreich, was die Authentizität betrifft, ist es doch, das glaube ich schon.
Scheint in Ihrer als Trainerin in „Mensch Mutti!“ etwas von Ihren Beobachtungen und Erfahrungen in der DDR-Zeit durch?
Ja, diese Damen in ihren Traniningszügen und mit ihren Trillerpfeifen sind mir wohlbekannt. Und was wirklich witzig ist, im Osten wurden ja, gerade was Sport betraf, die Talente früh rausgefiltert, und ich sollte, als ich in der ersten Klasse war, tatsächlich mal eine Turnerin werden.
Ist diese Trainerin, so wie Sie sie spielen, eine Karikatur?
Dass das ein wenig überzeichnet ist, dient ja auch dem Unterhaltungsfaktor. Und so überzeichnet ist es gar nicht, glauben Sie mir!
Treten Sie in Komödien anders auf als in ernsten Filmen?
Nein, grundsätzlich überhaupt nicht. Das Grundhandwerk ist ja ein und dasselbe, und das bedeutet auch, dass man seine Figur ernst nimmt, auch wenn es eine Komödie ist. Als Schauspielerin oder Schauspieler muss man sich ihr in einer Komödie genau so annähern wie in einem Drama. Die haben ja meistens auch eine tragische Seite. In „Mensch Mutti!“ ist meine Figur auch eine tragische Figur, der übel mitgespielt wurde und die jetzt versucht, ihr Leben irgendwie wieder auf die Reihe zu bekommen. Das ist ja keine Ulknudel, und von der Spielweise ist das dann gar nicht so unterschiedlich.
Aber halten Sie sich in einer Komödie vielleicht weniger zurück?
Es kommt darauf an, was für Situationen, etwa vom Buch vorgegeben sind. Wenn diese überspitzt sind, dann bedeutet das natürlich auch, dass man da anders loslassen kann. Da gibt es dann schon Unterschiede. Und am Ende kommt es ja auch noch darauf an, was die Regie und der Schnitt im Endeffekt daraus machen.
Termine
In der ZDF-Komödie „Feste feiern“ ist Steffi Kühnert beim Festival des deutschen Films auf der Ludwigshafener Parkinsel als Mutter Uschi des Pfälzers und Wahl-Kurpfälzers Helgi Schmid zu sehen, die auf einer ausufernden Überraschungsparty in Leipzig besonders dem Alkohol zuspricht. Termine: 21. August, 20 Uhr; 22. August, 15.30 Uhr; 23. August, 16.30 Uhr; 24. August,13 Uhr
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In der ARD-Komödie „Mensch Mutti!“ spielt die 62-Jährige die jüngst verwitwete Christa Hopp, Mutter zweier erwachsener Töchter, die ihr Fitness-Studio in der sachsen-anhaltischen Provinz ebenso ehrgeizig betreibt wie einst ihre zu DDR-Zeiten erfolgreiche Karriere als Profiturnerin. Beim Festival zu sehen am 22. August, 17.30 Uhr; 23. August, 15 Uhr; 24. August 18.15 Uhr; 26. August, 16 Uhr; 6. September, 13 Uhr.
Zur Person: Steffi Kühnert
Geboren 1963 in Ost-Berlin, machte Steffi Kühnert eine Ausbildung als Herrenmaßschneiderin, bevor sie in Berlin Schauspiel studierte. Bereits zuvor war sie in verschiedenen Film- und TV-Produktionen zu sehen, danach unter anderem am Nationaltheater Weimar, im Wiener Burgtheater, am Residenztheater München und am Schauspielhaus Zürich. Zu ihren bekanntesten Filmen zählen „Das weiße Band – Eine deutsche Kindergeschichte“, „Halt auf freier Strecke“, „Der Turm“ und „McLenBurger – 100% Heimat“. Seit 2009 ist sie Professorin an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ in Berlin, seit 2017 Theaterregisseurin unter anderem am Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin. tto/Imago /Future Image


