Festival des deutschen Films
Die Magie der Manege: Die Dokumentation „Zirkuskind“
In dem Roadmovie sieht man die vorüberziehende Landschaft, den Zeltauf- und -abbau, Auszüge der Show, das Training der Artisten, Kinder, die auf dem gesamten Zirkusplatz spielen, ihrem Zuhause. Sie machen allerlei Schabernack, gehen auch Risiken ein, bei denen sie durch die Familie im Hintergrund abgesichert sind. Da muss auch mal ein Gabelstapler den Kleinen vom Zeltdach holen, auf das er übermütig geklettert ist. Regisseurin Anna Koch berichtet im Gespräch mit der RHEINPFALZ, dass sie manchmal gar nicht einschätzen konnte, was den Kindern erlaubt sei und was nicht: „Sie wachsen einfach anders auf.“ Zugleich übernehmen die Kinder früh eigene Aufgaben. Santino verkauft „Glitzersterne“ und hilft spielerisch beim Auf-und Abbau.
Der Film beginnt im Frühling, zeigt Sommer und Winter und endet wieder im Frühling, in dem scheinbar das Gleiche geschieht: Santino spielt mit seinem Bruder Versteck. Aber mittlerweile ist er reifer und lässt sich weniger gefallen. Der Jahresverlauf steht auch für den Zyklus des Lebens.
Kern der Geschichte ist die enge Freundschaft zwischen Santino und seinem Großvater Ehe, der eigentlich sein Urgroßvater ist. Er ist der älteste Zirkusdirektor Deutschlands und berichtet von seinem Zirkusleben, das zugleich, so sehen es die Filmemacherinnen Anna Koch und Julia Lemke, die Glanzzeiten des Zirkus abbildet – sie befürchten, dass die Tradition zu Ende gehen könnte. Ehe erzählt, wie er als Kind im Zirkus aufwuchs, zusammen mit „dem größten Elefanten der Welt“, der ihn sogar bei sich schlafen ließ, wenn der Wohnwagen so kalt war, dass die Schuhe nachts am Boden festfroren.
Großväterliche Geschichten
Die beiden Filmemacherinnen wählten den Zirkus Arena für ihr Projekt aus, weil es dort einen Opa gibt, der gern die Geschichte des Zirkus erzählt – und einen Enkel, der es liebt, diese Geschichten zu hören und der mit seinen elf Jahren gerade dabei ist, seine Aufgabe im großen Ganzen zu finden. Außerdem pflegt die Familie einen sehr herzlichen Umgang miteinander.
Großvater Ehe erzählt also, wie er seine Frau kennenlernte, eine Familie gründete und als Teil der Großfamilie im elterlichen Zirkus blieb, bis die Einkünfte nicht mehr für alle reichten. Er machte sich selbstständig, gründete ein Puppentheater und bewohnte mit seiner Frau Isolde ein rosa Haus, „weil sie rosa liebte“. Da seine Kinder aber wiederum im Zirkus arbeiten wollten, verkaufte er das Haus und gründete mit dem Geld seinen eigenen Zirkus – und entschied sich bewusst für die Großfamilie und das Reisen. Alle Erzählungen des Großvaters werden mit wunderschönen Animationen von Magda Kreps und Lea Majeran illustriert. „Ein bisschen ist bei den Geschichten ja auch Seemannsgarn dabei“, sagt Anna Koch. „Opa Ehe ist ein wunderbarer Geschichtenerzähler, der diese immer wieder ein bisschen anders erzählt.“
Bilder, die für sich sprechen
„Du musst alles mit Liebe machen“, sagt Ehe zu seinem Enkel. „Es ist nicht wichtig, ob du groß oder klein bist, sondern dein Wille ist wichtig.“ Der Opa schwärmt davon, wie schön es sei, in der Manege aufzutreten. Am Ende des Films sieht man, wie Santino Rola Rola übt, das Balancieren auf einer Art Wippe. Aktuell führt Santino im Zirkus Arena auf dem Tournee-Stop in Metzingen eine Hundenummer vor.
Der Film ist konsequent dokumentarisch, keine Szenen sind gestellt, es gibt keinen Erzähler – außer zu Anfang, an dem Santino mittels „Voiceover“ seine Familienmitglieder vorstellt. Danach sprechen die Bilder für sich, der Zuschauer taucht in das Alltagsleben ein. Möglich ist das, weil das Filmteam die Protagonisten über ein Jahr begleitete und in mehrwöchigem Abstand für ein paar Tage in einem eigenen Wohnwagen bei der Familie wohnte. Sie habe noch nie eine Familie gesehen, die so viel arbeitet, sagt Anna Koch: „Von morgens bis spät in die Nacht.“ Wichtig sei den Filmemacherinnen, dass die Protagonisten sich mit der Darstellung identifizieren können. Die ganze Großfamilie hat den Film bei der Premiere auf der Berlinale gesehen, bis auf Santinos Vater Gitano, der bei den Tieren bleiben musste – er hat ihn bis heute nicht gesehen. Die anderen genossen den Applaus der 800 Zuschauer.
Der Zirkus in der NS-Zeit
Bei aller Hommage an die Zirkuskunst als Weltkulturerbe und an die Lebensform der „Reisenden“, die der Film ist, spart er negative Aspekte nicht aus. Opa Ehe fühlt sich von der Mehrheitsgesellschaft ausgegrenzt: „Wir gehören nicht zu denen.“ Den Höhepunkt der Ausgrenzung erlebte er während der NS-Zeit, „als Menschen, die eine andere Religion hatten, oder anders lebten, verfolgt wurden“. Seine Mutter, eine Sintezza, musste versteckt werden; viele Verwandte haben nicht überlebt. „Diese Zeit darf niemals vergessen werden, nicht in 1000 Jahren“, mahnt er. Zur Umsetzung dieses Themas ließen sich die Filmemacherinnen vom Anne Frank Zentrum in Berlin und vom Zentralrat der Sinti und Roma in Heidelberg beraten.
Viele der jungen Zuschauer wünschten sich einen Opa, der so schön Geschichten erzählen kann – erst recht, wenn es wahre sind, sagt Anna Koch. Das Ludwigshafener Publikum kann Opa Ehe und seinen Enkel Santino nun auch kennenlernen. Empfohlen wird der Film für Kinder ab sechs Jahren.
Termine
„Zirkuskind“ läuft am Dienstag, 26. August, 10 Uhr, am Samstag, 30. August, 11 Uhr, am Montag, 1. September, 10 Uhr, und am Sonntag, 7. September, 13 Uhr auf dem Festival des deutschen Films.


