Meinung RHEINPFALZ Plus Artikel Das verdorbene Geschäft mit dem Essen

Ein Erntehelfer sticht frischen Spargel – Saisonarbeit, die körperlich fordert und schlecht bezahlt ist.
Ein Erntehelfer sticht frischen Spargel – Saisonarbeit, die körperlich fordert und schlecht bezahlt ist.

Hängt die Zukunft der deutschen Landwirtschaft am Mindestlohn für Saisonarbeitskräfte? Nein, sagt unsere Redakteurin und geht auf Ursachenforschung.

Ist das gerecht? Ein Erntehelfer, der wochenlang auf dem Feld schuftet, soll 20 Prozent weniger Mindestlohn bekommen als die Reinigungskraft, der Kellner oder der Zeitungsausträger. Ja, sagen die Landwirte. Alexander Friedrich, Vorsitzender des Bauern- und Winzerverbands im Kreis Rhein-Pfalz, hat das im Interview so klar formuliert. Nun, der halbwegs sozial eingestellte Mensch zuckt dabei zusammen, empört sich vielleicht sogleich. Wo bleibt da das Gleichbehandlungsgebot? Und überhaupt, die Landwirtschaft bekommt doch Subventionen! Wollen die Bauern nichts vom Kuchen abgeben? Man muss genauer hinschauen: Das größte Stück vom Kuchen, um im Bild zu bleiben, liegt eben nicht auf dem Teller der Landwirte.

Es ist in der Tat fraglich, warum Menschen, die aus Ländern mit einem niedrigeren Lohnniveau als bei uns zu uns kommen und für Wochen ihre Heimat und Familien verlassen, für harte körperliche Arbeit weniger verdienen sollen als andere Arbeitnehmer hierzulande. Gerecht ist das keinesfalls. 13,90 Euro für eine Stunde Feldarbeit ist hart verdientes Geld. Egal, ob der Stundenlohn netto für brutto ausgezahlt wird oder weniger Abschläge fällig sind als bei anderen Geringverdienern.

Warum wollen die Landwirte den vollen Mindestlohn nicht bezahlen? Dass sie es ihren Erntehelfern nicht gönnen, sollte man nicht unterstellen. Sie brauchen die Saisonarbeitskräfte, denn in Deutschland lebende Arbeitnehmer sind für diese Arbeit nun mal nicht zu finden. Die Landwirtschaft ist auf ausländische Helfer angewiesen, denn viele Kulturen müssen per Hand geerntet werden.

Es ist eine Kostenfrage: Der Mindeststundenlohn betrug vor acht Jahren 8,84 Euro, im kommenden Jahr wird er auf 14,60 Euro ansteigen. Die Personalkosten der Landwirte sind also immens gestiegen. Da am Personal nicht gespart werden kann, wäre es nur logisch, dass der Landwirt die Preise seiner Kulturen erhöht. Die Lebensmittelpreise sind in den vergangenen Jahren auch deutlich gestiegen. Ist doch eigentlich – marktwirtschaftlich betrachtet – alles im Lot.

Leider nicht. Nicht der Landwirt bestimmt den Preis seiner Waren, sondern der Lebensmitteleinzelhandel (LEH). Die Macht hat sich durch Übernahmen in der Vergangenheit auf wenige Konzerne konzentriert. Sie diktieren die Preise. Das Prinzip Angebot und Nachfrage wird ausgehöhlt. Lebensmittelpreise können weiter steigen, die stetig steigenden Gewinnmargen fährt der LEH ein. Die Folge: Landwirtschaft könnte sich in Deutschland schon bald nicht mehr lohnen. Geben mehr und mehr Landwirte auf, schlittert Deutschland in die nächste Abhängigkeit. Die Versorgung der Bevölkerung ist von Importen abhängig. Schon jetzt liegt der durchschnittliche Selbstversorgungsgrad bei Lebensmitteln 84 Prozent, besonders niedrig ist er auch bei heimischen Obstsorten. Und: Weitere Arbeitsplätze werden ins Ausland verlagert.

Das Kartellamt und die Monopolkommission, die die Regierung berät, haben im vergangenen Jahr die Machtstellung des LEH deutlich kritisiert, insbesondere auf dessen Ausweitung auf die Ebene der Produzenten. Doch genützt hat das bisher nichts. Wozu also gibt es ein System von Regularien wie das Kartellrecht, wenn dieses offensichtlich umgangen werden kann oder keine Wirkung hat? Es wird zum zahnlosen Tiger. Das Nachsehen haben nicht nur die Landwirte, sondern wir Verbraucher. Und die ärmsten in der Kette – die Erntehelfer.

Doreen Reber
Doreen Reber
Gut genährt!
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