Nach 37 Jahren ist Schluss
Comic-Laden in Ludwigshafen gibt auf
Vielen Ludwigshafenern ist wahrscheinlich gar nicht bewusst, was ihnen verloren geht. Es gibt vielleicht etwas mehr als 100 reine Comic-Läden in Deutschland, und nur wenige sind so gut sortiert wie das Geschäft von Detlev Leitz. Er selbst ist zu bescheiden, um das so auszudrücken. Aber stolz ist der 70-Jährige schon auf das, was er da aufgebaut hat. Sein Entschluss, Ende des Monats die Türen endgültig zu schließen, macht ihn daher wehmütig. Er denkt dabei auch an die vielen Stammkunden, für die es ein herber Schlag sein wird. Aber wie Leitz erläutert, führte an der Entscheidung kein Weg vorbei. Auch für die gebeutelte City, in der inhabergeführte Fachgeschäfte rar geworden sind, ist es ein schmerzlicher Verlust, wenn an der Ecke von Kaiser-Wilhelm- und Ludwigstraße demnächst erst einmal ein weiterer Leerstand sein wird.
Angefangen hat alles vor 37 Jahren in der Bahnhofstraße. Oder besser gesagt: noch etwas früher in Mainz, wo Donald Duck und Sigurd in dem jungen Detlev die Comic-Leidenschaft entfachten. Er lernte dann Industriekaufmann, machte aber mit Ende 20 doch das Hobby zum Beruf und sich mit einem kleinen Lädchen in der Mainzer Altstadt selbstständig. Für seine Schwester gründete er 1989 einen Ableger in Ludwigshafen, eben in der Bahnhofstraße. Von der Stadt versprachen sie sich zahlungskräftige BASF-Kundschaft; eine Rechnung, die nicht so ganz aufging. 40 Quadratmeter waren jedenfalls nun das Reich von Ursula Weber, die kurioserweise selbst gar keine Comics las, wie ihr Bruder schmunzelnd verrät. Was ihre Kunden mochten und welche Neuerscheinungen sie ihnen ans Herz legen konnte, wusste sie trotzdem ganz genau.
Platz reichte nicht mehr
„Ein Comic-Laden ist kein normales Geschäft“, erklärt Detlev Leitz und vergleicht das mit einem Tante-Emma-Laden, wo eine engere Beziehung zwischen den Menschen vor und hinter der Theke besteht. Erforderlich sei viel Engagement, ohne dass man Reichtümer verdient. Und Liebe zu den Comics. Die ist bei dem 70-Jährigen immer noch zu spüren. Sein Ziel sei von Anfang gewesen, die erzählerische und zeichnerische Vielfalt des oft geringgeschätzten Mediums zu präsentieren: von Abenteuer und Fantasy über Humor und Horror bis zu Western und Historischem; von den Klassikern wie „Asterix“ und „Tim und Struppi“ über Superhelden bis hin zu anspruchsvollen Graphic Novels und Mangas.
„Es ist finanziell einfach nicht mehr machbar“
Dafür reichte der Platz in der Bahnhofstraße irgendwann nicht mehr. 2015 folgte der Umzug in die Ludwigstraße in ein früheres Wäschegeschäft, nur zwei Jahre später der Wechsel direkt nach nebenan in die frei wordenen Räume des Einrichtungshauses Cordier. Das „Innenstadt Comic-Zentrum“ fällt dort mit der breiten Fensterfront ins Auge, und breit ist auch das Sortiment, das auf nun 200 Quadratmetern Verkaufsfläche angeboten werden konnte. Obwohl im Laufe der Zeit die Verlage ihre Programme ausbauten, hatte er weiterhin den Ehrgeiz, möglichst alles vorrätig zu haben. Geschätzte 30.000 Bände füllen die Regale. Ein Paradies für Fans, ein finanzieller Kraftakt für den Händler. Wirtschaftlich hilfreich war dabei die Verbindung mit „Zapp-Comics“ in Mainz. Die Keimzelle führt Leitz zusammen mit einem Partner, rechtlich sind die beiden Firmen getrennt.
Und warum ist bald Schluss? „Es ist finanziell einfach nicht mehr machbar“, sagt Detlev Leitz ganz offen. Zwischenzeitlich konnte er sogar mit Jannika Roggon eine feste Kraft beschäftigen, nachdem sich seine Schwester nach 25 Jahren aus familiären Gründen aus dem Geschäft zurückziehen musste. Seit einigen Jahren ist der Mainzer nur noch allein in Ludwigshafen im Einsatz, an fünf Tagen die Woche. Es fehle der Zulauf. Früher seien Kunden aus Mannheim, Heidelberg oder Worms gekommen, das sei heute nicht mehr der Fall. Die schwierige Baustellensituation nennt Detlev Leitz als einen Grund. Auch die „spezielle Situation“ der Ludwigshafener Innenstadt empfindet er als zunehmend problematisch, spricht Leerstände, mangelnde Sauberkeit und eine „Monokultur“ an. Einen großen Zuwachs an neuen Lesern gebe es für die Comics zudem nicht mehr.
Zum Abschied gibt’s Rabatte
Dann erzählt der Geschäftsmann noch, dass die Stadtverwaltung erst jüngst auf den Gedanken gekommen sei, das markante rote Schild über seinem Laden sei zu groß. Er kann darüber nur den Kopf schütteln, wenn er sich so in der restlichen City umschaut; ausschlaggebend für seinen Entschluss war das aber nicht mehr.
Jetzt geht er mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Der Laden sei „richtig lebensfüllend“ gewesen, erklärt der 70-Jährige. Urlaub sei kaum drin gewesen, scherzhaft habe er immer gesagt, er könne nur „teilzeitkrank“ sein. Jetzt freut er sich auf ein bisschen mehr Freizeit, denkt aber noch keineswegs an Ruhestand. Vermissen werde er natürlich die treuen Stammkunden. Die und alle anderen Interessierten können sich noch einmal richtig mit Comics eindecken: Unter bestimmten Bedingungen wie einer endgültigen Geschäftsaufgabe sind trotz der generellen Buchpreisbindung Nachlässe erlaubt. So wirbt Detlev Leitz seit Samstag mit Rabatten, die sich wöchentlich von 20 bis auf 50 Prozent steigern. Am 30. Mai war es das dann nach 37 Jahren mit einer wahren Ludwigshafener Comic-Institution. Seufz!