Mannheim
Blick hinter die Fassade: ZDF-Doku über OG Keemo und Funkvater Frank
Gewohnt markige Worte: „Tausend Huren“ sollte OG Keemos Neuveröffentlichung zunächst heißen, und „Tausend Huren“ ist denn auch die erste von vier halbstündigen Episoden überschrieben, die Schritt für Schritt die Entwicklung des lange erwarteten Albums begleiten. „Berserker“, ein kaum weniger starker Begriff, heißt schließlich die letzte Folge, genau wie der endgültige Titel des Albums.
Der ZDF-Vierteiler von Julia Krampe und Tuan Lam beobachtet den Mannheimer Rapper über anderthalb Jahre bei seiner Arbeit und wirft dabei einen ungewöhnlich persönlichen Blick hinter seine mauerdicke Fassade und die scheinbar unvermeidlichen Gangster-Posen. Mit Aufnahmen aus seinem Privatleben und aus Funkvater Franks Heddesheimer Tonstudio, Begegnungen mit der Familie, Archivmaterial und Animationen, die auf Zeichnungen von OG Keemo selbst basieren, entsteht eine sehr intime Form dokumentarischen Erzählens.
Ab 14. Juni in der Mediathek
Die Serie beginnt wie die Biografie des Rappers auf dem Mainzer Lerchenberg, ganz in der Nähe des ZDF-Sendezentrums. Sie wird im Streamingportal ab 14. Juni (um 10 Uhr) für zwei Jahre abrufbereit sein und führt nach Weinheim, in seine „Hood“, von der Karim Joel Martin alias OG Keemo sehr bürgerlich sagt: „Ich fühl’ mich wohl hier, einfach. Ich mag, wenn’s überschaubar ist. Ich mag, wenn ich meine Stationen hab’, wenn ich mein Gym hab’.“ Sein kleiner Sohn wohnt nicht weit weg von hier, das Studio ist auch in der Nähe. „Ich kenn’ die Bäckersfrau, ich mag, wenn alles schön an seinem Platz ist.“ Oder auf das Mannheimer Maimarktgelände, wo sein Süd:Süd-Fest auf dem Zeltfestival am 13. Juni ins fünfte Jahr gehen wird und wieder ruckzuck ausverkauft war. Und auch über den Rhein, in die ESV-Gaststätte hinter dem Ludwigshafener Hauptbahnhof, wo OG Keemo mit Kollegen wie Ramzey und Boondawg ein Video („Tor“) dreht.
Ebenso lernen wir den gebürtigen Mannheimer Dominic Salvatore D’Amato kennen, als Funkvater Frank von Beginn an OG Keemos Musikproduzent, der während der Drehzeit eigentlich mehr Tempo machen möchte, sich aber einstellen muss auf den Rapper. „Fauli“ nennt er ihn einmal und regt zum effektiveren Fortgang der Arbeiten eine konzentrierte Kreativwoche in der Eifel an. Schließlich hat er mit dem „Original Gangster“ Keemo schon einiges auf die Beine gestellt und möchte dies fortsetzen. Unter anderem das Mixtape „Fieber“, das 2024 auf Platz eins der offiziellen deutschen Albumcharts landete, sowie die Alben „Geist“ und „Mann beißt Hund“ gehen auf die eng verzahnte Zusammenarbeit der beiden langjährigen Freunde und Kollegen zurück. Zwei von der Kritik hochgelobte und von den Fans gefeierte Konzeptalben, denen zuletzt vor rund einem Monat die EP „Berserker +“ nachfolgte. Ein laufender Countdown auf der Webseite berserker26.de könnte ein vollumfängliches neues Album ankündigen.
„Kopfkrisen und so“
Auf der Bühne inszeniert OG Keemo, knapp zwei Meter groß, sich gerne mit kugelsicherer Weste. Seine Tattoos wirken wie eine Rüstung gegen die Welt. In der ZDF-Doku jedoch erleben wir ihn, weit entfernt von Rap- und „Original Gangster“-Posen, als sehr reflektierten, ja, introspektiven Künstler, den Mitstreiter als vorsichtig, leise und wortkarg beschreiben. Als „depressionsgeplagt“ seit Jugendtagen und viel mit sich selbst und seinen Gedanken beschäftigt. Von selbstzerstörerischem Verhalten und Dämonen in ihm spricht Keemo besonnen selbst. „Kopfkrisen und so, irgendwelche Dramen gehen ab“, sagt er mit kehliger Stimme und versucht gleichzeitig in Lyrics zu fassen, was ihn so beschäftigt. Die Augen auf sein Leben und fortwährend auf sein Handy gerichtet, in das er die Zeilen tippt. „Dein Probemonat, was Leben angeht, ist vorbei“, stellt Keemo fest. Heute, im Alter von 32 Jahren und als Vater eines Sohnes, blickt er nachdenklich auf die eigene Jugend zurück und werkelt an seiner Zukunft. „Ich darf nicht sterben – für meinen Kleinen.“