Ludwigshafen
BASF-Wohnungsverkauf: Was Mieter in der Pfingstweide jetzt befürchten
Hildegard Thater ist maßlos enttäuscht. Sie hätte es nicht für möglich gehalten, dass das Chemieunternehmen BASF einen Großteil seiner Werkswohnungen verkaufen will, sagt die Rentnerin. Seit 53 Jahren wohnt sie in Miete in einer Wohnung in einem Häuserblock in der Pfingstweide. Der Stadtteil entstand Ende der 1960er-Jahre als Wohnsiedlung für BASF-Angehörige auf der grünen Wiese im Norden der Stadt. „Jetzt, wo alles kaputt ist, verkaufen sie alles“, schimpft Thater.
Auch bei vielen anderen Mietern und Eigentümern sorgen die Pläne des Wohnungsunternehmens BASF Wohnen + Bauen für große Unruhe: 4400 von insgesamt 6000 Werkswohnungen in Ludwigshafen und Umgebung sollen an neue Eigentümer im Paket oder einzeln veräußert werden. Der Chemiekonzern führt als Grund dafür an, sein Geschäft neu ausrichten zu wollen. Eine „Sozialcharta“ soll indes die Mieterinnen und Mieter schützen, macht die BASF auch bei Informationsveranstaltungen vor Ort deutlich. Diese sieht etwa ein lebenslanges Mietrecht für Personen über 70 Jahre und eine Sperre für Eigenbedarfskündigungen in den kommenden zehn Jahren vor.
Vertrauen verloren
„Wie soll das funktionieren?“, fragt Mieterin Thater in die Runde älterer Bewohnerinnen und Bewohner, die sich im Mehrgenerationen-Haus „Noah“ eingefunden haben. Bei Kaffee und Kuchen machen die Mitglieder des Vereins „Pfingstweide Miteinander“ ihrem Ärger und ihren Ängsten Luft: Viele der Rentnerinnen und Rentner waren einst Aniliner, wie sich die BASF-Beschäftigten noch immer stolz nennen. Doch nun haben sie das Gefühl, dass man sie hängen lässt. Sie haben das Vertrauen in das Unternehmen ziemlich verloren.
Die Pläne der BASF, ihr „Tafelsilber“ zu verkaufen, sei für viele Menschen in der Pfingstweide „ein Schock“, sagt Joachim Müller. Der 66-jährige frühere BASF-Betriebsschlosser ist nicht nur Vorsitzender des Quartiervereins, er gehört auch den Seniorenräten der Stadt Ludwigshafen und der Gewerkschaft IGBCE an. „Es ist nicht nachzuvollziehen, ob ein paar Millionen Euro durch den Wohnungsverkauf die BASF in eine wesentlich bessere Lage bringen“, sagt er. Viele Bewohner wünschten sich, dass die Stadt Ludwigshafen als Käufer der Betriebswohnungen einspringe; Gespräche dazu gibt es. Der Wohnungsbedarf in der Stadt am Rhein, die unter hoher Arbeitslosigkeit und Armut leidet, ist groß.
Angst vor steigenden Mieten
Über viele Jahre sei kaum in die 50 oder 60 Jahre alten Werkswohnungen und in die Infrastruktur in der Pfingstweide investiert worden, klagt Müller. Viele Gebäude seien marode und sanierungsbedürftig. Der sozial durchmischte 6000-Einwohner-Stadtteil galt in den 1980er-Jahren teilweise als sozialer Brennpunkt. Wenn nun möglicherweise „Immobilienhaie“ aus den Wohnungen Kapital schlügen und die Mietpreise hochtrieben, könne das Wohnen im Quartier gerade für Familien und jüngere Menschen unbezahlbar werden, sagt Müller. Dies könne wiederum zu sozialen Problemen führen.
„Ich darf zwar Mieter bleiben, aber wie sieht es aus mit der Miete?“, fragt ein 79-Jähriger seine Tischgenossen beim Café-Treff. Der ehemalige Aniliner befürchtet eine Übernahme der Betriebswohnungen durch ausländische Investoren und einen verstärkten Zuzug von Migranten in den Stadtteil. „Ich kann mir keine Wohnung kaufen, wir haben nicht im Lotto gewonnen“, sagt der Mann.
Monika Pahl fände es hingegen wünschenswert, wenn der Stadtteil jünger und vielfältiger würde. „Mehr junge Familien und Menschen aus anderen Kulturen: Ich fände das gut“, sagt die 81-jährige Mieterin. Wenn sich aber der Verein „Pfingstweide Miteinander“ als eine Anlaufstelle für die Einwohnerschaft auflösen würde, wäre das schlimm, sagt Pahl: „Dann haben wir nichts mehr.“