Mannheim / Neustadt RHEINPFALZ Plus Artikel Ausstellung: Nicolae Vatra und seine Fotos von der Straße

Scharfer Blick für Details: Nicolae Vatra in seiner Mannheimer Ausstellung.
Scharfer Blick für Details: Nicolae Vatra in seiner Mannheimer Ausstellung.

Als Nicolae Vatra 2011 nach Mannheim kam, war er sofort von der Stadt fasziniert – und begann zu fotografieren. Die Galerie im Treppenhaus in C7 widmet ihm eine Ausstellung.

Ob das menschliche Paar Beine einer Frau oder einem Mann gehört, kann man nur raten. Die Füße kleiden Sneakers in Unisex-weiß. Direkt daneben steht ein Hund, der Schuhe an den Pfoten hat, orthopädisch empfohlene Barfußschuhe gar. Oder dieser in knalligen Farben leuchtende Traktor in einem Hinterhof, der von familiärer Idylle erzählen würde – wären da nicht der total kaputte Fensterladen im Hintergrund und die Bierflasche auf einem Tisch. Und schon kann man das eigene Kopfkino starten, sich die Menschen zu dieser Szenerie ausdenken, über ihr Leben sinnieren. Oder da ist das kleine Mädchen mit der großen rosa Blume im Haar, das auf den starken Schultern mutmaßlich ihres Vaters durch die Stadt getragen wird und dabei in völliger Entspannung verweilt, vielleicht sogar schläft.

Es sind Alltagsszenen, die wir alle jeden Tag vielfach wahrnehmen und für die wir vor lauter Hektik doch keinen Blick haben. Nicolae Vatra hat ihn, und er nimmt sich die Zeit. „Ich fotografiere Fremde, um anderen Fremden zu zeigen, dass Fremde schön sind“, sagt er lächelnd bei einem Rundgang durch seine erste große Ausstellung in der Treppenhausgalerie von Uli Bormuth im Quadrat C7. Auch dafür nimmt er sich viel Zeit, bleibt vor jedem einzelnen Bild stehen und erzählt die Geschichte dazu.

Heute in der Pfalz zu Hause

Seit August 2012 beschäftigt sich Nicolae Vatra ernsthaft mit Fotografie. Wenige Monate, nachdem er nach Mannheim gekommen war. Aufgewachsen in Rumänien, hatte er nach dem Abitur zunächst in Spanien und Dänemark gelebt, bis es ihn in unsere Region verschlagen hat – der Liebe wegen. Von Mannheim, wo er mitten in den Quadraten zuerst am Marktplatz und dann am Paradeplatz lebte, war er sofort begeistert, vergleicht es mit einer Miniaturausgabe von New York oder London: „Es gibt Stadtteile mit wunderbarer Architektur und viel Jugendstil wie die Neckarstadt-Ost“, sagt er. „Es gibt viel Kultur und Musik, eine gewisse Verrücktheit, aber auch Orte der totalen Ruhe. Und ich wollte alles mitbekommen. Es war mein erster Kontakt mit einer großen Stadt – auch wenn ja Mannheim in Deutschland eher eine mittelgroße Stadt ist.“

Zwar ist Vatra 2019 weitergezogen nach Neustadt, wo er im Stadtteil Geinsheim als Erzieher in einer Wohngruppe arbeitet. Aber in Mannheim fotografiert er immer noch gerne und viel. Es ist das ungeheuer vielfältige urbane Leben, das ihn fasziniert. „Alles um uns herum erzählt eine Geschichte“, sagt der 38-jährige Fotograf. Dass man Heimatliebe ganz unterschiedlich ausdrücken kann, zeigt das Bild zweier Männer im Jungbusch. Einer hat sich die Straßenkarte von Mannheim im 17. Jahrhundert quer über die ganze Brust tätowieren lassen, ein anderer den ganzen Arm mit einem Statement zu seiner Mannheimer Herkunft verziert. „Es gibt eine Vielfalt nicht nur der Kulturen, sondern auch der Ideen und Einstellungen“, sagt Vatra. „Und das ist toll so.“ Selten spricht er mit Menschen, und wenn, seien es meistens sehr positive Gespräche. Tiere, sagt er, seien oft ein Türöffner.

Die Geschichte der Stadt

Aufnahmen mit einer ähnlichen Energie haben Vatra und Kurator Bormuth zu Paaren angeordnet. Im Eingangsbereich sehen wir die grüne Seite der Stadt, einen Radfahrer, ein Eichhörnchen, ein Spiel mit einem Drachen im Luisenpark. Je weiter es durch die Stockwerke nach oben geht, sehen wir auch die rauere Seite der Stadt. Etwa eine halbe Million Bilder hat Nicolae Vatra im Lauf der Jahre gemacht. Viele sind nichts geworden, weil das Licht nicht stimmte oder ein Detail den Zauber des Moments störte. Aber viele sind eben auch ganz toll geworden und halten nicht nur das Leben in Mannheim, sondern auch die jüngste Geschichte der Stadt fest.

Er hat Geschäfte dokumentiert, die es heute nicht mehr gibt, oder einen besonderen Ort wie das alte Eisstadion am Friedrichspark; beim Public Viewing zur Fußball-Europameisterschaft 2016 sehen wir einen Mann allein und entspannt auf einer Bank sitzen, während wenige Meter entfernt Menschen in großer Menge zusammenstehen. Beim Rundgang weist er immer wieder auf Details hin, auf sich wiederholende Farben oder Muster. Nicht immer ist es so eindeutig wie auf jener Fotografie, auf der sich die Blumen-Tätowierung eines Menschen im Muster seiner Einkaufstasche fortsetzt. Zufall oder modisches Statement? Wahrscheinlich werden und wollen wir es nie erfahren.

Die Ausstellung

„Monnem2 – Hommage an eine Stadt“; bis Freitag, 30. Mai, im Treppenhaus in C7, 1. Öffnungszeiten: dienstags, 16-18 Uhr oder nach Vereinbarung. Im Netz: www.c7galerie.de

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