Mannheim RHEINPFALZ Plus Artikel Ausstellung „Kunst gegen Missbrauch“ rüttelt am Tabu

Die Künstlerin Nessi Nezilla hat Schnuller für das Kunstprojekt – eine Kreuzskulptur – gesammelt.
Die Künstlerin Nessi Nezilla hat Schnuller für das Kunstprojekt – eine Kreuzskulptur – gesammelt.

Tatorte sind in der Mannheimer Wanderausstellung „Kunst gegen Missbrauch“ zu sehen. Räume, die harmlos erscheinen. Bei genauem Hinsehen jedoch lassen sie das Grauen erahnen.

Ein leeres Klassenzimmer. Draußen ist es dunkel, an den Fenstern kleben niedliche Häschenköpfe. Alle Stühle sind hochgestellt. Nur einer nicht. Am Haken hängt ein rosa Ranzen. Auf dem Tisch liegen ein Heft und ein Stift. Was passiert gerade dem Kind, dessen Platz im Klassenzimmer verwaist ist? Der gleiche Gedankengang wird von Bildern aus den Umkleiden von Turnhallen und Schwimmbädern oder dem scheinbar gemütlichen Bett samt Spielekonsole im Kinderzimmer ausgelöst. Das Besondere an dieser Ausstellung – derzeit bis zum 25. März im Mannheimer Ludwig-Frank-Gymnasium zu sehen – ist, dass die Fotografien von Felicitas Yang und Armando Milano nicht verstören. Im Ausstellungskonzept sind mehrere Sichtweisen vereint: Sie verbindet die Perspektiven von Betroffenen, Kunst und Wissenschaft.

Schnuller in Plexiglas

Die Künstlerin Nessi Nezilla, die mit ihren Skulpturen Paperbomb und Invasion für die Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim bekannt ist, hatte die Idee zu dem Projekt, das das Thema sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen zum Thema macht – mit künstlerischen Mitteln. „Kunst hat die Aufgabe, der Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten. Durch ein starkes Bild oder Kunstwerk kann man Betrachtende dazu bringen, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Sie kann Emotionen hervorrufen.“ Zahllose bunte Schnuller in einem Kreuz aus Plexiglas zeigt die Installation von Nezilla als Skulptur zwischen den roten Stellwänden. „Das Kreuz ist ein Zitat. Es greift die Symbolik der Kirche auf“, erklärt sie. Kinder werden zu Opfern, auch in der Kirche. Immerhin steht das Kreuz nicht nur für Tod, sondern vor allem für Auferstehung. Die Schnuller hat sie durch einen Aufruf sammeln können. „Ab November 2022 habe ich die Werbetrommel gerührt“, berichtet die Künstlerin. Gemeldet hätten sich zahlreiche Betroffene, aber auch andere Menschen, die das Projekt unterstützen wollten. „Die Kraft des Kollektivs ist wichtig“, ist Nezillas Erkenntnis. Gemeinsam an einem Projekt arbeiten zeige, dass man nicht allein vor einem Problem steht.

Nicht nur das Betrachten von Kunstwerken kann helfen, sondern auch, selbst Kunst zu machen. Diesen Weg ist Julius Wolf gegangen. Als Kind ist der Sozialarbeiter, der bei fax, der Fachberatungsstelle für Missbrauchsopfer in Kassel arbeitet, selbst Opfer von Pädokriminellen in Kita und Grundschule geworden. „Kunst hat mir geholfen, auf der Bildebene etwas zu fassen, wofür es zunächst keine Worte gab“, berichtet er. „ Es ist wichtig, mit Betroffenen zu reden und nicht über sie“, stellt er fest. Seine Anwesenheit als Betroffener – etwa bei der Ausstellungseröffnung – verhindere die Ausflüchte von erwachsenen Entscheidungsträgern, die darauf verweisen würden, dass die Betroffenen „gestört“ oder „weit weg von der Gesellschaft“ seien, ist seine Erfahrung. Das könnten sie ihm aber schlecht ins Gesicht sagen.

Es wird zu wenig hingehört

Als Berater ist er entsetzt über die fehlenden Beratungsstellen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz. Viel früher könnte Missbrauch durch die Schulung von Pädagogen verhindert werden. „Es geht vorrangig nicht um das Nein-Sagen der Kinder“, weiß er. Eltern, Erzieher und Lehrer und andere müssten geschult werden.

„Nicht alle Hochschulen und Bildungseinrichtungen haben Missbrauch an Kindern als festen Baustein der Ausbildung“, bedauert Julia Wege, Professorin für Soziale Arbeit in der RWU Hochschule in Ravensburg, die das Projekt wissenschaftlich begleitet. Das müsse sich ändern, fachliche Standards sollten gesetzt werden. Das Thema sei sehr groß, tabuisiert, nicht sichtbar in der Gesellschaft. „Dabei zeigt der Fall Epstein, dass alle Bereiche der Gesellschaft betroffen sind“, kommentiert sie die aktuelle Berichterstattung. „Wir möchten die Gesellschaft sensibel machen für die Perspektiven der Betroffenen, Betroffene und wissenschaftliche Experten mit ins Boot holen“, fasst sie die Absicht der Ausstellung zusammen.

In jeder Klasse können nach neuesten Erkenntnissen bis zu drei Missbrauch-Opfer zu finden sein. Bis zu sieben Mal berichten sie oft, bis sie jemanden finden, der zuhört und ihnen hilft. Nicht jeder habe Eltern, auf die er sich verlassen könne. „Oft sind es ja die eigenen Eltern, die einen in irgendeiner Weise missbrauchen“, erfährt man aus dem Begleitbuch der Ausstellung, das auch als Unterrichtsmaterial in Schule und Hochschule dienen kann, empfiehlt Julia Wege, in Mannheim auch bekannt als ehemalige Leiterin der Beratungsstelle Amalie für Prostituierte.

Ausstellung und Material kommen gerade zur rechten Zeit, weil alle Schulen in Rheinland-Pfalz bis 2028 Schutzkonzepte entwickeln müssen. Das Zeigen von „Kunst gegen Missbrauch“ in pädagogischen Einrichtungen und andernorts kann ein Schritt in die richtige Richtung sein.

Die Ausstellung

Die Wanderausstellung ist von Nezilla initiiert, wissenschaftlich begleitet von Julia Wege mit Werken von Felicitas Yang, Armando Milano und Julius Wolf. Wer die Ausstellung zu sich holen will, kann sich über https://www.kunstgegenmissbrauch.de/ informieren, ein Exposé anfordern und die Macher per E-Mail über info@kunstgegenmissbrauch.de kontaktieren.

Mit den Epstein-Akten ist das Thema Kindesmissbrauch derzeit medial ein Aufreger, im Alltag jedoch meist nicht sichtbar in der G
Mit den Epstein-Akten ist das Thema Kindesmissbrauch derzeit medial ein Aufreger, im Alltag jedoch meist nicht sichtbar in der Gesellschaft. Opfer werden zu häufig übersehen.
Mehr zum Thema
x