Ludwigshafen Aus dem Versuchslabor der Götter

Die nächste Opernpremiere am Mannheimer Nationaltheater steht unmittelbar bevor. Am Samstag geht Christoph Willibald Glucks „Alceste“ über die Bühne, eine seiner Reformopern, welche die Gattung in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in neue Bahnen geleitet haben. Der argentinische Dirigent Rubén Dubrovsky, eine Kapazität für barockes und klassisches Repertoire, hat die musikalische Leitung. Inszenieren wird Dietrich Hilsdorf, der in einem Gespräch seine Regiekonzeption erläutert hat.
Hilsdorf, mehrfach ausgezeichnet, zählt zu den wichtigen Szenikern des deutschsprachigen Theaters. Nach seinen Anfängen im Schauspiel liegt sein Schwerpunkt mittlerweile mehr im Musiktheater. Erfolgreich war er, gelegentlich auch im Ausland, mit Aufsehen erregenden Regiearbeiten sowohl für die Sprechbühne als auch für Oper, Operette und Musical. In der laufenden und den beiden kommenden Spielzeiten wird er Werner Egks „Peer Gynt“ in Braunschweig, Dvoráks „Rusalka“ in Hannover, Mozarts „Così fan tutte“ in Bonn, Tankred Dorsts Schauspiel „Merlin“ und Nicolais „Lustige Weiber von Windsor“ in Düsseldorf sowie Verdis „Falstaff“ in Köln inszenieren. In Mannheim setzt sich Hilsdorf mit einem Stoff des antiken griechischen Theaters auseinander: der mythischen Geschichte der Königin Alkestis nach einem Drama des Euripides. Darin geht es um bedingungslose, zu jedem Opfer bereite beiderseitige Gattenliebe. Salopp gesprochen: ein doppelter „Fidelio“. Die Götter haben den Tod des Admetos (in der Oper „Admète“), König von Pherai in Thessalien, beschlossen. Eine einzige Möglichkeit gibt es zu seiner Rettung: Ein anderer stirbt für ihn. Seine Gattin, Königin Alkestis (Alceste), bietet sich dafür an. Ihr Opfer wird von den Göttern angenommen, Admète lehnt es aber ab und will selbst sterben. Das obligatorische Happy end der opera seria erringt in der jetzt in Mannheim gespielten französischsprachigen Pariser Fassung des Stücks von 1767 der Held und Halbgott Heracles (Hercule), der Alceste den Mächten der Unterwelt entreißt. In der ursprünglichen italienischen Wiener Fassung von 1762 belohnt dagegen der Gott Apollon das Königspaar für seine heroische Gattenliebe. „Wir haben es mit einer sehr fremden Geschichte zu tun“, erklärt Hilsdorf, „einer Handlung im ,Nahtodbereich′. Die Nähe von Eros und Thanatos, von Liebe und Tod, wurde in der Barockzeit immer stark betont. ,Alceste′ handelt von einem Versuch der Götter mit dem irdischen Ehepaar. Diese Oper ist Theater der Extremsituationen wie das von Strindberg. In unserer Produktion trifft Barock auf Syrtaki, wobei es allerdings sehr ernst zugehen wird.“ Dargestellt wird all das in einem von Dieter Richter entworfenen Bühnenbild, das sich im Wesentlichen auf die Entstehungszeit der Oper, das 18. Jahrhundert, bezieht. Der Chor tritt, wie in der griechischen Tragödie, mit Masken auf (Kostüme: Renate Schmitzer). Wichtig ist dem Regisseur die Auflockerung von Glucks langen statischen Flächen durch das Bühnengeschehen. Er inszeniere, so Hilsdorf, der kein Interesse an plakativen Aktualisierungen zeigt, nicht an den Buchstaben des Textes, sondern am Wort und vor allem an der Musik entlang. „Vom Blatt“ zu inszenieren, sei nicht seine Absicht. Er wolle aber „die Geschichte kenntlich machen. Sie soll das Publikum interessieren. Daran wollen wir uns messen lassen.“ Durch Bild und Aktion soll seine Regie die Musik begründen, damit sich diese dann zwangsläufig aus der Szene ergibt. Dazu gehört auch die Zusammenarbeit mit dem Dirigenten Rubén Dubrovsky, die optimal sei, sagt der Regisseur. Außerdem zeigt sich Hilsdorf sehr zufrieden mit der intensiven Arbeit am Nationaltheater mit zwei Besetzungen, die er ausgesprochen „lustbetont“ findet.