Ludwigshafen
Auf den Spuren der Franzosen: Mit dem Stadtarchivar durch Süd
Man muss nicht lange drüber dispetiere – in der pfälzischen Mundart gibt es viele Wörter französischen Ursprungs, von Kinnerschees bis Trottwa. Er müsse länger überlegen, welches sein liebstes sei, sagt Klaus Jürgen Becker und antwortet dann doch sofort: „Manger.“ Nicht mit „Es gibt Essen!“ oder „Miracoli!“ wurde bei Beckers in Bockenheim an der Weinstraße zu Tisch gerufen, sondern mit dem französischen „Manger!“. Für den heute 62-jährigen promovierten Historiker, Ludwigshafener Stadtarchivar und DGB-Stadtverbandsvorsitzenden ist diese Kindheitserinnerung eine sehr angenehme.
Wie vielfältig die Verbindungen zwischen Frankreich und Deutschland und speziell der Pfalz sind – darüber kann Becker sehr viel erzählen, und er tut es bei einem Rundgang durch den Ludwigshafener Stadtteil Süd. Die eingangs erwähnte Verankerung des Französischen in unserer Sprache stamme aus napoleonischer Zeit, sagt er. Die Gebäude, die er beim Spaziergang zeigt, sind in den 1920er-Jahren erbaut worden. Jenem Jahrzehnt, das heute gerne mit dem Ausdruck „Die Goldenen Zwanziger“ charakterisiert wird – so heißt auch das Motto des Kultursommers Rheinland-Pfalz in diesem Jahr. Tatsächlich sei die wirklich goldene Zeit der Weimarer Republik zwischen 1924 und 1928/29 gewesen. 1923/1924 sei mit der Rentenmark eine stabile Währung eingeführt worden, mit der Weltwirtschaftkrise seien die „Goldenen Zwanziger“ zu Ende gegangen.
Spuren an vielen Stellen im Stadtbild
In diese Zeit fällt auch die französische Besatzung der Pfalz und damit auch Ludwigshafens. Als Folge des Versailler Vertrags nach dem Ersten Weltkrieg besetzten französische Truppen von 1918 bis 1930 die linke Rheinseite – genau wie später nach dem Zweiten Weltkrieg. Dass diese erste französische Besatzung im Bewusstsein der Bevölkerung weniger verankert ist als die zweite, überrascht Becker nicht. „Es gab praktisch keine Übergriffe auf die Zivilbevölkerung“, sagt er. „Für die Erinnerungskultur ist nicht genug passiert.“ Bei seinen Rundgängen stellt er immer wieder fest, dass vielen Ludwigshafenern gar nicht klar ist, welche Spuren die zwanziger Jahre im Stadtbild hinterlassen haben – mitunter wissen nicht einmal die Bewohner von den Umständen, unter denen ihre Häuser gebaut wurden. Immer wieder fordert Becker dazu auf, den Kopf zu heben und die manchmal wunderschönen Fassaden der Häuser anzusehen.
Los geht der Spaziergang am Stadtarchiv in der Rottstraße. Die benachbarte, zwischen 1926 und 1929 erbaute Herz-Jesu-Kirche steht beispielhaft dafür, was passiert, wenn das Geld ausgeht: Ein Teil der Backsteine ist nicht mit rotbrauner Farbe bemalt, der geplante Kirchturm nie gebaut worden.
Weitgehend unversehrt
Als die Franzosen 1918 in Ludwigshafen ankamen, fanden sie in der jungen, aber schon 100.000 Einwohner großen Stadt viele freie Bauplätze. Die sechs Offiziershäuser, ein siebtes Haus für Unteroffiziere und die Kaserne auf dem späteren Knoll-Gelände hätten sich ins Stadtbild eingepasst, sagt Becker. Und tun es bis heute. Bei den Luftangriffen der Alliierten, bei denen die Ludwigshafener Innenstadt zu einem sehr großen Teil zerstört worden ist, seien sie unversehrt geblieben. Nur die Dächer seien abgebrannt. Und die Fassaden später leider manchmal in derart unterschiedlichen Farbtönen gestrichen worden, dass man manchmal gar nicht mehr erkenne, dass es sich um einen einzigen Gebäudekomplex handle. Man sieht das schön am Schützenplatz, an dem Haus, dessen Erdgeschoss heute das Café Palpito beherbergt.
Wie alles mit allem zusammenhängt
Beim Anblick der Architektur, der Ästhetik, der runden Formen, der Balkone und aufgeklappten Rollläden kommt Klaus Jürgen Becker bei einem Haus in der Wittelsbachstraße regelrecht ins Schwärmen. „Das könnte auch in Paris sein“, sagt er. „Ich mag die französische Lebensart, ich reise auch im Urlaub mit meiner Partnerin wieder nach Frankreich.“ Sein Lieblingshaus – das die Franzosen wie die anderen zu Beckers Überraschung nie zurückforderten – steht in der Max-Reger-Straße. Römische Zahlen verraten das Jahr der Grundsteinlegung 1921. Unterwegs erzählt Klaus Jürgen Becker von Kolonialtruppen, vom pfälzischen Separatismus 1923/24 – dem Bestreben, einen von Bayern unabhängigen Staat zu schaffen –, von revolutionären Tendenzen in der Arbeiterschaft, von den politischen Verhältnissen, dem Erstarken des Faschismus. Kurz zeigt er an der Saarlandstraße auf einen Bunker, „das wäre eine eigene Führung“.
An der Geschichte fasziniere ihn, sagt Klaus Jürgen Becker, wie alles mit allem zusammenhänge: „1956 hatte die Suezkrise etwas mit dem Ungarnaufstand zu tun, und heute hängt der Iran-Krieg mit dem Ukraine-Krieg zusammen.“
Termin
Beim Inselsommer bietet Klaus Jürgen Becker die Stadtteilführung „Bewegte 20er-Jahre in LU“ an: am Montag, 15. Juni, 18.30 Uhr. Treffpunkt ist die Bühne auf dem Festivalgelände auf der Parkinsel. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.