Ludwigshafen Archipel zwischen Marter und Erlösung
In ein verlassenes Anwesen am Mannheimer Hauptfriedhof kehrt Leben ein. Das Mannheim-Heidelberger Künstlerkollektiv Rampig bespielt den leer stehenden Gebäudekomplex mit der von Franz Kafka inspirierten Inszenierung „Die Strafkolonie“ und eindrücklichen „zwölf Bildern der Grausamkeit“.
„In der Strafkolonie“, 1914, bereits während des Ersten Weltkriegs verfasst, zählt zu den verstörendsten Erzählungen Franz Kafkas, des Autors der Romane „Das Schloss“ und „Der Prozess“. Als er 1916 in München aus dem noch unveröffentlichten Manuskript vorlas, sollen Zuhörer ohnmächtig geworden sein. „Manche flohen im letzten Augenblick, bevor die Vision des Dichters sie überwältigte“, berichtete später der anwesende Schweizer Schriftsteller Max Pulver. „Die Reihen der Hörer und Hörerinnen begannen sich zu lichten.“ Kafka schildert den Besuch eines Reisenden in einer Strafkolonie auf einer tropischen Gefängnisinsel. Ein eifriger Offizier vor Ort demonstriert ihm einen „eigentümlichen Apparat“, der zur ausgeklügelten Folterung und Exekution Verurteilter dient. „Die Schuld ist immer zweifellos“, erklärt er das ebenso eigentümliche Rechtssystem, bevor er sich schließlich selbst der Folter und der eigenen Hinrichtung aussetzt. Der morbide Ort, an den Rampig einlädt, ist mit Bedacht gewählt. Die Adresse „Am Friedhof“ ist bezeichnend, denn in den drei alten Gebäuden waren bis vor einigen Jahren ein Steinmetzbetrieb und eine Gärtnerei für das Gräberfeld gegenüber ansässig. Auch in Kafkas Geschichte besucht der Reisende ein Grab. Unmittelbar aus der literarischen Vorlage sind in Beata Anna Schmutz’ Inszenierung nur Bruchstücke enthalten. So etwa, wenn unter dem Dach der alten Steinbildhauerei, in die die Besucher geführt werden, eine Performerin den perfiden Mechanismus der Tötungsmaschine erklärt und dazu ihren roten Stift über die Wände, den Boden und den eigenen Körper führt wie die mörderische Maschine selbst. „Die Nadeln tanzten auf der Haut“, heißt es bei Kafka, wenn sie einen Schriftzug in den Körper des Delinquenten ritzten. Viel mehr übernehmen die umsichtige Szenografie der Karlsruherin Sophie Lichtenberg und die vom Rampig-Kollektiv erarbeiteten performativen und theatralen Szenen von der kafkaesken Stimmung des Textes. Sie verknüpfen das Entsetzen, das der auch heute immer noch auszulösen vermag, die Beunruhigung, die er herbeiführt, und das Grauen, das er erzeugt, mit dem Flüchtlingselend, besonders der Bootsflüchtlinge unserer Zeit. Die Häusergruppe am Friedhof bildet während der insgesamt 30 bereits ausverkauften Aufführungen gleichsam ein Archipel zwischen Marter und Erlösung, Wirklichkeit und Sehnsucht oder Gefangenschaft und Freiheit. Die Szenen, die sich am Wohnhaus, hinter einem Schaufenster, in der Werkstatt, einem Garten und einem faszinierend verwucherten Gewächshaus abspielen, wirken vor allem durch ihre Unmittelbarkeit, der sich allein entziehen kann, wer bewusst den Schauplatz verlässt oder die Augen verschließt. Angesichts der Bilder von Flüchtlingen in den täglichen Nachrichten, von Ertrinkenden im Mittelmeer, fragt eine Schauspielerin jedoch: „Was ist schon eine Hinrichtung ohne das Publikum? Was ein Opfer ohne Empfänger?“ Sie steht in der Werkstatt, in der mehrere große Ablaufbecken wie ausgehobene Gräber erscheinen.