Mannheim
Am Jahrestag der Amokfahrt: Am Paradeplatz wird es noch einmal ganz still (mit Bildergalerie)
Der 3. März 2025 ist ein entsetzlicher Tag – für die gesamte Stadt Mannheim, aber vor allem für die Opfer und deren Angehörige. Genau ein Jahr später kommen die Erinnerungen an das, was an diesem Mittag auf den Planken passiert ist, wieder hoch. Bei der Gedenkveranstaltung zum Jahrestag der Amokfahrt am Dienstag gibt es viele berührende Momente. Besonders ergreifend ist jener in der Konkordienkirche: Alexander Schwarz, Opferbeauftragter der baden-württembergischen Landesregierung, verliest den Text von der Familie eines Opfers: Dessen Name ist Albert, einer der beiden Menschen, die vor einem Jahr ihr Leben verloren haben. Er stammt aus einer kleinen Stadt im Odenwald. „Hättest du nur länger beim Musikverein gespielt oder Kaffee getrunken. Wir denken an dich und wir vermissen dich“, heißt es an einer Stelle. Albert wurde 54 Jahre alt.
Es sind etwa 300 Menschen, die am Dienstagvormittag in die Konkordienkirche gekommen sind – unter ihnen Polizisten, Mitarbeiter der Rettungsorganisationen und der Notfallseelsorge. Sie alle sind hier, um der Opfer zu gedenken. „Es berührt mich sehr, dass es so eine Veranstaltung gibt, dass die einzelnen Menschen nicht vergessen werden. Außerdem ist es ein Symbol der Wertschätzung für die Arbeit der Rettungskräfte. Was sie leisten, ist enorm. Nicht nur an diesem Tag“, sagt Bettina Geiger, die in einer der vorderen Reihen des Gotteshauses Platz genommen hat.
Fußmarsch mit Glockengeläut
Alexander S., der Amokfahrer aus Ludwigshafen, wurde kurz vor Weihnachten zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Er wurde in einer forensischen Psychiatrie untergebracht. „Auch nach dem Urteil bleibt die Erschütterung“, sagt der Mannheimer Oberbürgermeister Christian Specht (CDU) in seiner Ansprache. Für die 14 zum Teil schwer verletzten und traumatisierten Menschen sowie die Angehörigen der Opfer sei damit nichts abgeschlossen. „Die Tag hat deutlich vor Augen geführt, wie verletzlich die Gemeinschaft ist, aber auch wie stark sie sein kann“, fährt Specht fort.
Nach einem interreligiösen Gebet folgt ein kurzer Fußmarsch unter Glockengeläut zum Paradeplatz. Die Polizei hat ein paar Straßen abgesperrt. Dort angekommen, spricht niemand mehr. Einige Menschen legen Kerzen nieder, andere gedenken in aller Stille. Einer von ihnen ist Muhammad Afzal. Als Held wurde der Taxiunternehmer gefeiert, weil er mit seinem Auto den Wagen des Amokfahrers blockiert hat. „Es ist schwierig, heute hier zu sein. Alles kommt wieder hoch. Ich bin sehr traurig. Ich habe heute erst erfahren, dass die Frau, die ich schreiend im Rückspiegel gesehen habe, tot ist“, sagt er.
„Das hat Spuren hinterlassen“
Hatice Demircan ist ebenfalls zum Paradeplatz gekommen. Als sie fast schon gehen will, hält sie noch einmal kurz inne. Sie erzählt, dass der Täter mit ihrem Neffen zusammengearbeitet habe. „Das alles geht mir noch sehr nach. Ich bin Mannheimerin, komme aber kaum noch hierher in die Innenstadt. Das hat Spuren bei mir hinterlassen“, erzählt die 50-Jährige, die mittlerweile in Ludwigshafen wohnt.
Bei Inge Schmidt ist das Geschehen ebenfalls noch sehr präsent. Sie erzählt, dass sie vor einem Jahr bei ihrer Bank in der Kunststraße gewesen sei. „Etwa 15 Minuten vor der Amokfahrt bin ich über den Paradeplatz Richtung Marktplatz gelaufen. Als ich aus einem Supermarkt herauskam, sah ich überall Polizei und Krankenwagen“, berichtet die 78-Jährige. Bei ihr steht Anne Ressel, die selbst viele Jahre in der Notfallseelsorge mitgearbeitet hat. „Der Tag zeigt die Zufälligkeit von so einem Geschehen. Es gibt keine Antworten darauf. Dabei kommt einem Bewusstsein, dass wir nicht wissen, was im nächsten Moment passiert“, sagt die 57-Jährige.
Und sofort sind die von der Familie des Opfers zu Papier gebrachten Gedanken wieder in Erinnerung, die vor einer halben Stunde in der Kirche vorgelesen worden sind: Hätte Albert länger beim Musikverein gespielt oder Kaffee getrunken ...