Ludwigshafen Als die „Kabbelei“ eskalierte

Die Tat geschah im Sommer 2018 auf dem Berliner Platz.
Die Tat geschah im Sommer 2018 auf dem Berliner Platz.

Drei Jahre und neun Monate Haft wegen gefährlicher Körperverletzung, so hat gestern die Erste Große Strafkammer des Landgerichts Frankenthal über einen 36-jährigen Somalier geurteilt. In der Anklage war dem in Ludwigshafen lebenden Mann auch versuchter Totschlag vorgeworfen worden. Dafür wurde er aber nicht verurteilt.

Der 36-Jährige hatte in der Nacht des 29. Juli 2018 einen 24-jährigen Landsmann auf dem Berliner Platz mit einem abgebrochenen Flaschenhals an der linken Halsseite verletzt. Dass diese Tat als gefährliche Körperverletzung zu werten ist, aber nicht auch als versuchter Totschlag, darüber waren sich die Juristen einig. Allerdings unterschieden sich die Begründungen, warum das so ist. Der 36-Jährige habe bei dem Angriff in Kauf genommen, dass sein Landsmann durch einen Schnitt in den Hals hätte sterben können, so Staatsanwalt Kai Ankenbrand. Juristisch gilt dies als „bedingter Tötungsvorsatz“. Allerdings habe der 36-Jährige nicht ein zweites Mal mit dem Flaschenhals zugeschlagen, obwohl er dazu wahrscheinlich die Möglichkeit gehabt hätte. Juristen werten dies als „Rücktritt vom Versuch“. Rechtsanwalt Volker Hoffmann argumentierte, dass sein Mandant nie vorgehabt habe, den 24-Jährigen zu töten. Er habe ihm nur „Angst machen wollen“. „Als er das Blut gesehen hat, hat er aufgehört“, sagte Hoffmann. Anders argumentierte die Kammer. Laut einem Urteil des Bundesgerichtshofs aus dem Jahr 2016 reiche ein Stich in den Hals nicht unbedingt aus, um davon auszugehen, dass der Angreifer den Tod seines Opfers in Kauf genommen hat, so der Vorsitzende Richter Alexander Schräder. Die Kammer habe Zweifel, ob das bei dem Angeklagten der Fall war. Kammer, Rechtsanwalt und Staatsanwalt bezogen sich auf das Geständnis des Angeklagten, die Aussagen der Zeugen und die Ermittlungen der Polizei. Bei den Angaben des 36-Jährigen, des 24-Jährigen und von zwei Zeugen habe es zahlreiche Widersprüche gegeben, so Ankenbrand. Am zutreffendsten sei die Aussage eines 33-jährigen Kenianers, waren sich Ankenbrand und die Kammer einig. Aufgrund der Aussagen des Angeklagten und des Kenianers stehe fest, dass es vor dem Angriff Auseinandersetzungen zwischen den beiden Somaliern gegeben hat, waren sich die Juristen einig. „Kabbeleien“ zwischen Somaliern seien anscheinend üblich, und es habe dann einen Punkt gegeben, „wo es eskalierte“, so Hoffmann. „Dem Angeklagten ist der Kragen geplatzt“, sagte Schräder. Er verwies darauf, dass dies nicht das erste Mal der Fall war. Der 36-Jährige wurde bereits zweimal wegen Körperverletzung verurteilt. Zum Zeitpunkt des Geschehens auf dem Berliner Platz stand er unter Bewährung. Dies wurde ebenso negativ für den 36-Jährigen gewertet wie der Angriff mit scharfem Glas an den Hals, der eine „massive gefährliche Körperverletzung“ sei, so Schräder. Zugunsten des 36-Jährigen ging man davon aus, dass seine Hemmschwelle durch Alkohol und Drogen reduziert war. Die Kammer habe sich damit allerdings schwer getan, so Schräder. Denn es gebe Urteile des Bundesgerichtshofs, dass Betrunkene ohnehin gefährlicher seien und man deshalb Trunkenheit nicht als Milderungsgrad bei der Höhe der Strafe werten dürfe. Zudem habe der 36-Jährige aufgrund seiner Vorstrafen gewusst, dass er zu Gewalt neigt , wenn er betrunken ist. Doch sei die Kammer zu dem Schluss gekommen, dass der 36-Jährige alkoholkrank ist, und deshalb von einer verminderten Schuldfähigkeit ausgegangen.

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