Meinung RHEINPFALZ Plus Artikel Abschalten vom Alltag: Wo es noch klare Antworten gibt

So sieht es aus, wenn alle ins Quizzen vertieft sind.
So sieht es aus, wenn alle ins Quizzen vertieft sind.

Die Welt konfrontiert uns jeden Tag mit komplexen Fragen mit noch komplexeren Antworten. Da tut es gut, sich da zu tummeln, wo alles etwas einfacher ist – bei einem Pubquiz.

Welches Tier trägt den wissenschaftlichen Namen „Bufo bufo“? Welche drei Zutaten gehören auf jeden Fall in ein französisches „Mirepoix“? In welchem Land ist Quechua eine der Amtssprachen? Das und noch viel mehr habe ich vergangene Woche viele Leute in meiner Stammkneipe gefragt. Und auch nicht einfach so – es wurde ein Pubquiz abgehalten, wie jeden Donnerstag um 21 Uhr. Dort findet man mich jede Woche. Mal als Mitspieler, mal als Quizmaster. Unterschiedliche Qualitäten sind da gefordert – und doch ist das Quizzen und Gequizztwerden wie ein Abbild des alltäglichen Lebens.

Blindflug beim Quiz-Design

Als Befragter muss man es wissen – oder viel öfter ahnen. Wird zum Beispiel nach Sportlern gefragt, ist man gut beraten, sich an die Älteren zu halten. Denn selbst wenn es keiner wirklich weiß, werden zwanzig Jahre aktives oder peripheres Nachrichtenmitbekommen eine größere Wahrscheinlichkeit haben, ins Schwarze zu treffen. Manchmal ist es auch wichtig, sich zurückzuhalten. Die Schätzfragen macht in unserem Team meist eine Person, während andere von außen versuchen, die Zahlen durch Einwürfe in ihre gewünschte Richtung zu korrigieren. Auch das Loslassen ist eine Lebenslektion, die man beim Beantworten von Fragen als Gruppe lernen kann. Wo wurde Che Guevara erschossen? Natürlich in Bolivien. Aber auch, wenn man sich wirklich ganz sicher ist, wird die Antwort Kolumbien sein, wenn die Mehrheit der Gruppe darauf besteht. Oft genug hat die Gruppe aber recht, sodass man es auch wieder tun würde – auch wenn man sonst eigentlich ein Besserwisser ist.

Als Fragesteller ist die Arbeit nicht einfacher. Geschenkt, dass man ans Mikrofon muss oder darf, dass man ständig Antwortzettel korrigieren und Punkte zusammenrechnen muss, und dass so mancher versucht, aus einer falschen Antwort doch noch zumindest einen halben Punkt herauszuschinden. Nein, die Arbeit beginnt ja schon viel früher, indem man sich selbst wieder Fragen stellt: Welche Nachrichten der Woche könnten die Teilnehmer kennen, doch sind nicht zu offensichtlich? Wie finde ich fünf Lieder, die zusammenpassen, und die weder zu alt noch zu neu sind? Welche Merkmale hat der durchschnittliche Quizgast? Wie schwer frustriert, und wie leicht langweilt man? Man schreibt und tüftelt dabei meist im Blindflug, wie an so vielen Stellen im Leben, man kalkuliert mit Stammgästen und bereits absolvierten Fragerunden.

Klare Frage, klare Antwort

Toll, wenn die Atmosphäre in der Bar geschäftig, aber nicht chaotisch ist, die Teilnehmer mehr als gar nichts wissen, aber auch nicht alles, und am Ende sagen: Das hat mir gefallen. Aber auch man selbst lernt mit jedem Mal dazu. Klar, als Journalist ist man mit Nachrichten deutlich häufiger beschäftigt als der Rest der Gesellschaft. Doch manchmal verwirrt es, wenn man mitbekommt, was die Menschen so alles nicht mitbekommen haben, obwohl man selbst denkt, dass man das nicht nur wissen könnte, sondern sollte. Ich bilde mir jedenfalls ein, die Gäste mit regelmäßigen Fragerunden zu Nachrichten und Weltgeschehen ein bisschen zu motivieren, sich zu informieren – und wenn es nur für Punkte auf einem Blatt Papier ist.

Auch mit überraschend großem Wissen überrascht einen manchmal das Publikum. Zum Beispiel, dass die Mehrheit weiß, was man mit der Maßeinheit Becquerel misst. Oder dass sie sich erstaunlich gut mit französischer Popmusik auskennt. Aber auch Enttäuschung macht sich manchmal breit, wenn ich bemerke, dass wiederum viele außerhalb ihrer Lieblingsmusikrichtung genau eine weitere Sängerin, einen weiteren Hip-Hop-Künstler und womöglich noch eine Rockband kennen. Sei’s drum – man geht am Ende ja von sich selber aus, und nur weil man selber die Hände über dem Kopf zusammenschlägt, muss das ja nichts heißen.

Der Reiz der ganzen Fragen und Antworten ist ohnehin noch ein anderer. Denn die Fragen sind klar gestellt, und die Antworten entweder richtig oder falsch. Sie lauten „Wie hieß das Schwert von König Artus?“ und nicht „Wer ist schuld am Irankrieg?“ Auf die Frage „In welchem oscarnominierten Film wird am häufigsten ,fuck’ gesagt?“ gibt es eine Antwort – auf „Wie soll das alles hier bloß weitergehen?“ eher weniger. Prost!

Die Kolumne

Fünf Redakteure berichten für die RHEINPFALZ über Ludwigshafen. Ihre Erlebnisse aus dem (Arbeits-)Alltag nehmen die Redakteure in der Kolumne „Quintessenz“ wöchentlich aufs Korn.

Mal am PC, mal am Mikrofon: Moritz Vogt.
Mal am PC, mal am Mikrofon: Moritz Vogt.
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