Mannheim RHEINPFALZ Plus Artikel 80 Jahre Stadtjugendring Mannheim: Vom Cola-Ball zur Lobby für Kinder und Jugendliche

Karin Heinelt, Theo Argiantzis und Laura Gattner freuen sich auf das Jubiläum des Stadtjugendrings am Samstag.
Karin Heinelt, Theo Argiantzis und Laura Gattner freuen sich auf das Jubiläum des Stadtjugendrings am Samstag.

80 Jahre Stadtjugendring (SJR) Mannheim: Vom demokratischen Neuanfang nach dem Zweiten Weltkrieg bis zur modernen Jugendarbeit – der SJR feiert Jubiläum.

Am Samstag, 9. Mai, feiert der Mannheimer Stadtjugendring sein 80-jähriges Bestehen mit Festreden und einem Tag der offenen Tür. Warum wurde der freiwillige Zusammenschluss von Jugendverbänden, Vereinen und Initiativen im Jahr 1946 gegründet? Wie hat er sich entwickelt? Und was sind die heutigen Herausforderungen?

„Es war der demokratische Gedanke, das Bestreben, dass sich Jugendorganisationen nach den Verbrechen des Dritten Reiches nicht gleichschalten lassen, dass Kinder und Jugendliche selbstorganisiert über ihre Freizeit bestimmen können“, sagt der Vorsitzende Theo Argiantzis, der selbst in der THW-Jugend aktiv ist, über die Anfänge. 1946, ein Jahr nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, lag Mannheim nach den Luftangriffen in Trümmern, auch Vereins- und Verbandsstrukturen galt es nach dem Zwangssystem der ideologischen Hitlerjugend neu aufzubauen.

Freizeiten und Zeltlager

Insbesondere in den amerikanischen Besatzungszonen gründeten sich im Rahmen des „Reeducation“-Programms ab 1945 erste SJRs: zunächst in Stuttgart, München und Wiesbaden, später auch in Mannheim. „Die evangelischen und katholischen Jugendverbände, die Gewerkschaftsjugend, die sozialistische Jugend – heute als Die Falken bekannt – und die Sportjugend gehörten zu den ersten“, erinnert Argiantzis. Nach der Gleichschaltung der Jugendverbände im Nationalsozialismus sollten die Ringe als „Werkstätten der Demokratie“ fungieren.

„Es wurde nicht von den Amis überwacht, aber doch wurde schon früh gesetzlich verankert, wie eine werteorientierte Jugendarbeit gefördert werden kann“, sagt Geschäftsführerin Karin Heinelt. Erste sichtbare Aktivitäten des Mannheimer Stadtjugendrings waren ab 1952 die Cola-Bälle – alkoholfreie Tanzveranstaltungen als Treffpunkt für Jugendliche. Erste Ferienfreizeiten und Zeltlager für Nachkriegskinder wurden vom SJR organisiert und ab den 1960er-Jahren auch der internationale Jugendgruppenaustausch, vor allem mit Frankreich und Polen, gefördert.

„Diese Fahrten haben viele ältere Menschen noch in lebhafter Erinnerung“, weiß die Vorsitzende Laura Gattner vom Bund der Katholischen Jugend. Auch für die Erinnerungskultur und die Aufarbeitung der NS-Zeit setzte sich der SJR früh ein: In den 70er-Jahren holte man die erste Auschwitz-Ausstellung nach Mannheim, 1984 wurde – unter dem Protest eines Gemeinderatsmitglieds – eine Erinnerungstafel am früheren KZ-Außenlager in Sandhofen angebracht. Aus dieser Initiative entstand später die KZ-Gedenkstätte.

Manche Verbände verschwanden mit der Zeit, andere Institutionen gründeten sich neu oder wurden vom Ring selbst ins Leben gerufen: etwa Misha, die seit 1971 bestehende Mannheimer Inklusions-, Sprach- und Hausaufgabenförderung. Oder der Internationale Mädchentreff im Jungbusch, der heute Mara – Mannheimer Raum für Mädchen – heißt.

Lebt von Fluktuation

„Wir sind eine Art Servicestelle für diese Jugendarbeit und unterstützen die Verbände finanziell wie ideell“, sagt Argiantzis. Dazu gehört neben der auf vier Fördertöpfen aufgeteilten Unterstützung auch Hilfe bei bürokratischen Fragen. „Durch kommunale Lobbyarbeit halten wir den Verbänden den Rücken frei. Wir sitzen im Jugendhilfeausschuss sowie in lokalen und überregionalen Netzwerken und vertreten die Interessen von Kindern und Jugendlichen gegenüber Stadtverwaltung und Politik“, so Gattner.

Die Crux eines jeden Jugendverbands: Mitglied in Erwachsenenvereinen ist man oft ein Leben lang, Jugendarbeit lebt dagegen von Fluktuation, vom Rein- und Rauswachsen. „Es ist ein Lebensabschnitt, alle zehn Jahre ändern sich die Mitglieder“, sagt Heinelt. Diese „vulnerable Phase“ bekam man besonders während Corona zu spüren. „Der normale Weg vom Teilnehmer zum Jugendleiter bis hin zum Vorstandsamt wurde durch die Pandemie durchbrochen. Es fehlten plötzlich diejenigen, denen man die Fackel übergibt, sie haben die Aufgaben gar nicht vorgelebt bekommen“, erklärt Argiantzis. Mit dem Programm „Refresh & Recover“ werden Vereine deshalb bei dieser „strukturellen Erholung“ unterstützt.

Junge Menschen sollen in den Jugendverbänden selbstorganisiert und gemeinschaftlich Verantwortung für Trainingsstunden, Zeltlager oder Wettkämpfe übernehmen. Für den SJR zählt auch die Unterstützung nicht in Vereinen organisierter Kinder und Jugendlicher zu den Aufgaben. Mit dem Projekt „Ferienpate“ wird finanziell benachteiligten Kindern eine Sommerfreizeit ermöglicht. „Wir versuchen immer, für Kinder und Jugendliche die Stimme zu erheben“, sagt Heinelt über ein Leitbild, das seit 80 Jahren Bestand hat.

Info

Der Stadtjugendring Mannheim lädt für Freitag, 9. Mai, ab 13.30 Uhr zum Tag der offenen Tür ins Jugendkulturzentrum Forum, Neckarpromenade 46, ein. Ob Breakdance, Siebdruck, kreatives Upcycling, Bastelangebote oder Filmvorführungen aus dem Projekt „Girls Go Movie“ – die vielfältige Arbeit des SJR und seiner Mitgliedsverbände wird dort vorgestellt. Bei Kaffee und Kuchen können Besucher mit Aktiven ins Gespräch kommen. Aktuell zählt der Stadtjugendring Mannheim 35 Mitgliedsverbände mit insgesamt 43.848 Einzelmitgliedern.

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