Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel 50 Jahre Jugendhilfe: Von Straffälligenhilfe zu Nach-Corona-Training

Hier werden Jugendliche von der Ludwigshafener Stiftung für Jugendhilfe betreut.
Hier werden Jugendliche von der Ludwigshafener Stiftung für Jugendhilfe betreut.

1976 wurde der Verein der Jugendhilfe in Ludwigshafen gegründet. Heute trägt er als Stiftung, die mehr als 100 Mitarbeiter hat, einen großen Teil der Jugendsozialarbeit.

Herr Andes, die Ludwigshafener Stiftung für Jugendhilfe wird dieses Jahr 50 Jahre alt. Was bedeutet das für Sie?
Wir haben 1976 als Ludwigshafener Verein für Jugendhilfe begonnen. Hervorgegangen ist alles aus einem Zusammenschluss ehrenamtlicher Engagierter, vor allem aus der Straffälligen- und Jugendgerichtshilfe, die jungen Straffälligen nach der Haft Wohnraum und Arbeit organisiert hat. Damals hatte man die Sorge, dass die jungen Leute in ein soziales Loch geraten. 2024 haben wir den Verein in die Ludwigshafener Stiftung für Jugendhilfe überführt. Wir haben uns über die Jahre immer weiter professionalisiert und unsere Arbeit auf den Bedarf angepasst. Heute sind wir einer von drei Schwerpunktträgern des Stadtjugendamts Ludwigshafen.

Sie sprachen von veränderten Bedarfen – wie sieht die Arbeit der Stiftung denn heute aus?
Straffälligenhilfe machen wir nicht mehr – das geht heute über das Haus des Jugendrechts in Ludwigshafen. Wir konzentrieren uns auf betreutes Wohnen, ambulante Hilfen und Integrationshilfe, insbesondere Schulbegleitung. In den ambulanten Hilfen haben wir seit 2022 sogar eine Familienhebamme, um den steigenden Bedarf bei Säuglingen und Kindern von null bis drei Jahren besser abzudecken. Das alles war wie gesagt eine Reaktion auf die Bedarfslage. Der Bereich der Straffälligenhilfe ist nun mal sehr begrenzt – die damalige Geschäftsführung hat den Wandel angestoßen, um breiter und passgenauer zu unterstützen.

Sie erledigen als freier Träger viele Aufträge des Jugendamts. Wie läuft da die Zusammenarbeit?
Sehr gut. Wir arbeiten eng und vertrauensvoll mit dem Stadtjugendamt und dem Sozialamt zusammen, erhalten frühzeitig Informationen zu Bedarfen und können dank unserer Struktur schnell, konzeptionell sauber und verlässlich reagieren.

Welche Bereiche sind bei den Jugendlichen zur Zeit Knackpunkte?
Ein großer Schwerpunkt war zuletzt das Thema Wohnen, insbesondere für unbegleitete minderjährige Ausländer. Wir nehmen Jugendliche – männlich und weiblich – ab 15 bis 21 Jahren in betreuten Wohngruppen auf. Aktuell haben wir 63 Plätze. In der Eingliederungs- und Integrationshilfe, unserem wachstumsstärksten Bereich, arbeiten rund 63 Mitarbeitende. In den ambulanten Hilfen ist das Spektrum breiter: Wir arbeiten präventiv, etwa mit Trainings sozialer Kompetenzen an Schulen. Nach der Corona-Zeit haben wir gemeinsam mit der Stadt Ludwigshafen „Aufholen nach Corona“ umgesetzt und diese Trainings an mehreren Schulen durchgeführt. Wir unterstützen Jugendliche mit und ohne attestierte Diagnosen, darunter auch mit körperlichen oder seelischen Beeinträchtigungen.

Sind diese seelischen und körperlichen Beeinträchtigungen denn mehr geworden?
Bei seelischen Beeinträchtigungen sehen wir einen deutlichen Anstieg. Das Thema Autismus-Spektrum-Störung ist bei uns nahezu omnipräsent.

Wie kommt das?
Die genauen Ursachen kann ich nicht beurteilen. Was wir in unserer Praxis jedoch deutlich beobachten, ist ein Anstieg von Diagnosen im Autismus-Spektrum und entsprechendem Unterstützungsbedarf. Fachleute diskutieren verschiedene Erklärungsansätze – von einer besseren Diagnostik über eine höhere Sensibilisierung bis hin zu gesellschaftlichen Veränderungen. Für uns steht aber vor allem die Frage im Vordergrund, wie wir die betroffenen Kinder und Jugendlichen bestmöglich unterstützen können.

Sie haben auch von fehlenden Sozialkompetenzen gesprochen. Wie kann man das verstehen?
Während der Pandemie hat Homeschooling soziale Interaktionen stark reduziert. Schulen und Kolleginnen und Kollegen haben vermehrt Verhaltensauffälligkeiten zurückgemeldet. Aber auch Unternehmen ist das aufgefallen, als Jugendliche in die Ausbildung übergegangen sind, zum Beispiel die BASF. Das war der Punkt, an dem wir dann im Prinzip mit ins Boot geholt wurden. Mit unserer Zukunftswerkstatt haben wir über mehrere Jahre präventiv gearbeitet. Die BASF hat früh erkannt, wie wichtig die Förderung sozialer Kompetenzen ist, und die Umsetzung unserer Zukunftswerkstatt über mehrere Jahre ermöglicht. Auch heute bieten wir noch Trainings sozialer Kompetenzen an den Schulen an. Ludwigshafen leistet da schon sehr viel, was die Präventivarbeit betrifft. Woran das aber schlussendlich liegt, das kann ich nicht sagen. Das wäre mir zu spekulativ.

Wie blicken Sie da auf die Zukunft Ihrer Arbeit?
Leider mit etwas Sorge. Denn es gibt vom Bund über das Land in Zukunft einen großen Kostendruck. Im Bereich Jugendhilfe und Prävention sollte es aber meiner Meinung nach keine Einsparungen geben. Wenn man das heute versäumt, kann das morgen größere Probleme nach sich ziehen. Präventivangebote, das ist meine persönliche Einschätzung, werden aber vermutlich mit die ersten Angebote sein, die unter Umständen reduziert werden.

Zur Person

Christoph Andes (42) arbeitet seit 2016 in der Stiftung Jugendhilfe Ludwigshafen. Von 2017 bis 2023 war er ein Teil des zweiköpfigen Vorstands, danach wurde er alleiniger Geschäftsführer. Andes ist gelernter Bankkaufmann mit Schwerpunkt in der Buchhaltung. Der Maxdorfer mit Wohnsitz in Birkenheide arbeitete zuvor als Verwaltungsleiter in der freien Wirtschaft. Er wechselte zur Jugendhilfe, weil er, wie er selbst sagt, etwas Nachhaltiges schaffen wollte.

Geschäftsführer Christoph Andes.
Geschäftsführer Christoph Andes.
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