Land und Leute RHEINPFALZ Plus Artikel #40: Ode an den besten Krisenhelfer

Weg ist er: #40 war das Soulfood für Redakteure.
Weg ist er: #40 war das Soulfood für Redakteure.

Skandal am Snackautomaten: Wenn das Kulturgut Kuchen einem Foodtrend weichen muss, dann tun sich im Büro Krisen von ungeahnter Tragweite auf.

Ich gebe es zu: Ich hadere mit diesen Zeilen. Sie drehen sich um eine Befindlichkeit meinerseits, die in Relation zur nationalen und internationalen Lage, sagen wir mal, grundsätzlich vernachlässigbar wäre. Kriege beherrschen das Weltgeschehen. Ein machtbesessener Präsident sprengt eine Grenze der gesitteten Kommunikation nach der anderen. Bundespolitiker stimmen auf harte Zeiten ein. Mehr schlechte als rechte Reformvorschläge verunsichern die Menschen. Müsste man die Stimmung bebildern, wäre Edward Munchs „Der Schrei“ wohl die erste Wahl.

Und genau diesen stieß ich aus, als ich in dieser Woche vor dem Snack-Automaten in der Redaktion stand. #40 wurde ersetzt. #40 ist ein kleiner, rechteckiger Marmorkuchen, in Folie verpackt, mit dem Bild eines pausbäckigen Maître Boulanger mit Schnurrbart darauf. #40 ist auch Teil des „Reber-Gedecks“ (eine Wortschöpfung meiner Kollegen): Zwei Euro in den Automaten stecken, Taste #40 drücken, Küchlein herausnehmen, 80 Cent Rückgeld erhalten, davon 60 Cent für einen Cappuccino am Kaffee-Automat ausgeben. Der Nachmittag ist gerettet! Eine Routine – sehr wirkungsvoll bei kreativen Tiefs und geistigen Erschöpfungssymptomen. Tausendmal besser als jeder Energiedrink.

#40 ist nun ein veganer Nussriegel. Nein, an dieser Stelle soll kein Veganer-Bashing losgetreten werden. Auch wenn ich diese Lebenseinstellung nicht praktiziere, ich toleriere sie aufrichtig. Zudem bietet unser Automat weiterhin genügend nicht-vegane Alternativen – ob salzige, proteinhaltige, süße oder richtig süße. Aber eben keinen Kuchen mehr.

Man merkt es spätestens an dieser Stelle: Ich bin „Generation Kuchen“. Kuchen sollte nach meiner vollen Überzeugung immaterielles Weltkulturerbe sein. Schon in Kindheitstagen wurde ich dahingehend von meiner Oma sozialisiert. 15 Uhr, spätestens 15.30 Uhr muss der Tag mit einem Stück Kuchen zu etwas Gutem gemacht werden, egal, was bis dahin geschah. Das wollig-warme Wohlbefinden eines gepflegten Kaffee-Kränzchens mit Kuchenklassikern wie Rühr-, Streusel- oder Hefekuchen sucht seinesgleichen unter den Mahlzeiten und wurde darum von Generation zu Generation weitergegeben. Bis jetzt offensichtlich.

Nun weicht Kuchen veganen Nuss-Riegeln, Protein-Shakes, Edamame-Chips oder Skyr-Chia-Samen-Pudding. Snacks, die möglichst effektiv und komprimiert den Körper mit „Kraftstoffen“ abfüllen, wie Astronautennahrung.

Kuchen muss diesen Anspruch nicht erfüllen, denn: Kuchen essen, das ist innehalten, genießen und sich gönnen können; eben genau all diese scheinbar aus der Mode gekommenen Zutaten wie die bösen Kohlenhydrate, zu viel Zucker oder gute, fetthaltige Butter. Aber genau darum steht Kuchen für das Prinzip, Schlechtes mit Schlechtem zu neutralisieren. Er ist Soulfood und der Gamechanger, gerade in diesen Zeiten voller negativer Energien. Und darum mussten diese Zeilen für #40 geschrieben werden.

Doreen Reber
Doreen Reber
marmorkuchen kopie
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