Frankenthal / Böhl-Iggelheim RHEINPFALZ Plus Artikel Ökumenische Sozialstationen fusionieren für stärkere ambulante Pflege

Rund 400 Patienten täglich werden von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Ökumenischen Sozialstationen Frankenthal und Böh
Rund 400 Patienten täglich werden von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Ökumenischen Sozialstationen Frankenthal und Böhl-Iggelheim versorgt.

Das Thema Pflege wird oft aufgeschoben. Was Angehörige erst im Ernstfall bedenken, zeigt der Alltag der Sozialstationen Frankenthal und Böhl-Iggelheim.

Es ist ein Zusammenschluss, mit dem man so vielleicht nicht gerechnet hätte – und ein gemeinsames Vorgehen, das auch deshalb möglich wird, weil zwischen zwei Frauen die Chemie stimmt. „Wir wollen Synergien nutzen und vor allem eine Vertretungsreglung im Verwaltungsbereich schaffen“, erklärt Manuela Orlik. Seit 2018 leitet die 47-Jährige die Ökumenische Sozialstation Frankenthal, Katrin Winter hat die Geschäftsführung der Sozialstation Böhl-Iggelheim mit ihrem Standort Hochdorf-Assenheim im Jahr 2024 übernommen. Zuvor war die 44-Jährige dort lange Jahre als Verwaltungsleitung tätig.

„Die ambulante Pflege wird oft unterschätzt, obwohl sie einen großen Teil der Versorgung älterer Menschen sicherstellt“, betont Winter. Rund 80 Prozent der Pflegebedürftigen würden zu Hause betreut, häufig mit Hilfe ambulanter Dienste. „Wir sind ein essenzieller Bestandteil des Pflegewesens, stehen jedoch deutlich weniger im Fokus der Öffentlichkeit als Krankenhäuser und Pflegeheime.“ Es ist deshalb ein großes Anliegen der beiden Geschäftsführerinnen, das Bewusstsein für das Thema ambulante Pflege zu schärfen.

Thema Pflege wird oft aufgeschoben

Häufig setzten sich Angehörige erst dann mit dem Thema auseinander, wenn die Pflege eines Familienmitglieds akut notwendig werde. „Die meisten Fälle landen wirklich erst dann bei uns, wenn jemand gestürzt ist, im Krankenhaus war und zurück nach Hause muss, dort aber allein nicht mehr zurechtkommt“, schildert Manuela Orlik.

400 Kunden in der täglichen Versorgung haben die beiden Sozialstationen, die nun freiwillig fusionieren. Ihr Wirkungsbereich umfasst dabei die Verbandsgemeinde Dannstadt-Schauernheim, Böhl-Iggelheim, Meckenheim, Fußgönheim, die Stadt Frankenthal mit allen Vororten sowie Beindersheim, Heßheim, Groß- und Kleinniedesheim. 1000 weitere Kunden werden zwei bis vier Mal pro Jahr für Beratungsgespräche besucht. Und nicht selten falle bei diesen Terminen auf, dass die Pflege eines Menschen nicht sichergestellt ist.

„Manche Menschen sind dann einsichtig, manche aber auch nicht“, erzählt Katrin Winter. „In der Generation, in der es jetzt zur Pflegebedürftigkeit kommt, gibt es viele, die so lange selbst klar kommen wollen wie möglich.“ Das sei zwar verständlich. Führe aber dazu, dass manche einfach gar nicht vorbereitet sind, wenn sie plötzlich Hilfe benötigen.

Manuela Orlik (links) und Katrin Winter.
Manuela Orlik (links) und Katrin Winter.

Auch die Krankenhäuser würden Patienten heute deutlich schneller entlassen als früher, sagt Manuela Orlik. Zum Entlassungszeitpunkt seien die Menschen teils unmittelbar auf Hilfe angewiesen. Dass die Sozialstationen Anfragen für Komplettversorgungen ab sofort bekommen, passiere entsprechend immer wieder.

Medizinische Versorgung hat Priorität

„In einer solchen Situation müssen dann Pflegedienstleitungen prüfen“, erläutert Katrin Winter das Prozedere, „welchen konkreten Bedarf hat der oder die Pflegebedürftige? Wann müssen wir dort vorbeifahren?“ Selbstverständlich wolle man am liebsten alle Wünsche gern erfüllen. „Als ambulanter Pflegedienst können wir aber nicht bei allen Kunden morgens zwischen 8 und 10 Uhr vorbeikommen“, sagt Katrin Winter. „Das funktioniert organisatorisch nicht.“

Grundsätzliche zeitliche Priorität habe immer die medizinische Versorgung, die von einer Ärztin oder einem Arzt veranlasst werde, betont Manuela Orlik. Flexibel gehandhabt würden hingegen pflegerische Leistungen, wie zum Beispiel die Körperpflege.

Forderung an die Politik

Ein großes Problem – auch angesichts der zunehmenden Anzahl der Pflegebedürftigen – sei der Mangel an qualifiziertem Pflegepersonal. Erschwerend hinzu käme allerdings auch so manche gesetzliche Regelung, die den ambulanten Diensten das Leben schwer mache. „Bestimmte Tätigkeiten, wie etwa das Anziehen von Kompressionsstrümpfen, dürfen zum Beispiel nur von Pflegefach- oder Pflegehelfern ausgeführt werden, die eine ein- oder dreijährige Ausbildung durchlaufen haben“, erklärt Orlik. Im privaten Bereich könne es hingegen durchaus vorkommen, dass auch 80-jährigen Angehörigen zugetraut werde, diese Aufgabe fachgerecht übernehmen zu können.

Manuela Orlik und Katrin Winter würden sich deshalb eine gewisse Öffnung bei den vorgeschriebenen Qualifikationen in der ambulanten Pflege wünschen. „Es wäre aus unserer Sicht durchaus geboten, dass zum Beispiel auch Hilfskräfte, die eine Kurzausbildung durchlaufen und ständig geschult werden, bei Patienten die Kompressionsstrümpfe wechseln dürfen“, sagt Orlik. „Das würde zu einer deutlichen Entlastung dahingehend führen, dass wir zeitlich wesentlich flexibler bei der Erbringung unserer Leistungen sein könnten.“

Derzeit noch Kapazitäten frei

Grundsätzlich hätten die beiden Sozialstationen aktuell noch Kapazitäten, weitere Kunden aufzunehmen. „Es kann allerdings sein, dass wir rein von der Logistik her noch jemanden aus Frankenthal-Mörsch aufnehmen können, Fußgönheim jedoch nicht machbar ist“, sagt Katrin Winter. Sollten die Sozialstationen einmal nicht weiterhelfen können, bitte man die Betroffenen, sich an einen Pflegestützpunkt zu wenden. „Dort wird dann geschaut, ob ein anderer Pflegedienst oder auch ein Platz in der Kurzzeitpflege gefunden werden kann.“

Trotz aller Herausforderungen bleibt die Motivation aufseiten von Manuela Orlik und Katrin Winter groß. Der Zusammenschluss der Sozialstationen Frankenthal und Böhl-Iggelheim soll nicht nur die Arbeit erleichtern, sondern auch die Qualität der Pflege sichern. „Wir wollen weiterhin für unsere Patienten da sein und ihnen die bestmögliche Versorgung bieten“, betonen die beiden Geschäftsführerinnen.

Pflegedienste sind eigenständige Unternehmen

Dass sie nun auch offiziell gemeinsam vorangehen, sei die logische Konsequenz einer sehr freundschaftlichen und ohnehin schon sehr engen Zusammenarbeit während der vergangenen Jahre. „Wenn kommunale Krankenhäuser am Abgrund stehen, werden seitens der Politik teilweise mehrere Millionen Euro als Abfederung zur Verfügung gestellt“, sagt Manuela Orlik im RHEINFALZ-Gespräch. Ambulante Pflegedienste seien hingegen eigenständige Unternehmen. Wobei die Unterstützung der Krankenpflegevereine und Kirchengemeinden vor Ort durch ihre jährlichen Beiträge einen wichtigen Beitrag leisteten, um kleine caritative und diakonische Leistungen erbringen zu können.

Rein rechtlich gesehen, ist die Sozialstation Frankenthal nun kein Verein mehr sein, sondern in die gemeinnützige GmbH Böhl-Iggelheim mitaufgenommen worden. Die Sozialstation Böhl-Iggelheim ist diesen Schritt bereits gegangen und hat im Jahr 2020 die Umwandlung vollzogen. Ein neuer Gesellschaftervertrag soll die freiwillige Fusion in wenigen Wochen besiegeln, und bis dahin soll auch ein neuer Name für die gemeinsam agierenden Sozialstationen mit rund 90 Mitarbeitern gefunden werden.

x