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Donnerstag, 15. März 2018 Drucken

Rhein-Pfalz-Kreis

Zwischen den Stühlen

Das Netzwerk Hilfe in Maxdorf erhält derzeit einen Preis nach dem anderen. Am Freitag soll wieder ein Projekt der Initiative geehrt und von der BASF mit einer stattlichen Summe gefördert werden. Die Idee ist ein Rückzugsort für Flüchtlinge, vor allem für Frauen. Aber die Vision vom „Haus der Gemeinsamkeit“ steht auf wackligen Beinen.

Von Sven Wenzel

Das Netzwerk Hilfe könnte sich mit dem Maxdorfer Jugendhaus als Heimat anfreunden – auch wenn es nicht seine erste Wahl ist.

Das Netzwerk Hilfe könnte sich mit dem Maxdorfer Jugendhaus als Heimat anfreunden – auch wenn es nicht seine erste Wahl ist. ( Fotos: KUNZ)

«Maxdorf.» Immer wieder ist Rainer Bahnemann in dem Video auf der Homepage der BASF zu sehen. Bei der Anmeldung, im Gesprächskreis, im direkten Austausch mit Kollegen. Es ist ein Film über einen Workshop Ende Januar, zu dem das Unternehmen 80 Vertreter von 20 sozialen Projekten aus der Metropolregion Rhein-Neckar eingeladen hat. Es sind die Gewinnerprojekte des Wettbewerbs „Gemeinsam Neues schaffen“, Bahnemanns Initiative Netzwerk Hilfe aus Maxdorf ist dabei.

Die Idee des Netzwerks ist ein „geschützter Raum – vor allem für Frauen“, sagt Bahnemann. Seit fast drei Jahren engagieren sich die Ehrenamtlichen in der Integrationsarbeit. Was ihnen fehlt, ist ein eigener Raum. Für physiotherapeutische Behandlungen etwa, die sie für Flüchtlinge organisieren, muss das Maxdorfer Rathaus herhalten. Zwischen Stühlen werden Handtücher gespannt, um zumindest ein wenig Privatsphäre zu schaffen. „Viele Menschen haben eine Schamschwelle“, sagt Bahnemann, da stört der Publikumsverkehr in einem öffentlichen Gebäude natürlich. Daher wünscht sich der Netzwerk-Vorsitzende einen Rückzugsort. Vorteil wäre, dass dieser Ort auch für viele andere Veranstaltungen genutzt werden könnte. „Wir haben 650 Treffen im Jahr“, sagt Bahnemann, „das alles in über 20 Räumlichkeiten.“

Weil er einen Tag vor dem Bewerbungsende überhaupt erst vom Wettbewerb der BASF erfahren hatte, musste Bahnemann seine Vision vom „Haus der Gemeinsamkeit“ binnen kürzester Zeit in eine Präsentation packen. Das Problem dabei: Es blieb keine Möglichkeit, sich konkret mit der Verbandsgemeinde und Bürgermeister Paul Poje (CDU) abzustimmen. „Das holen wir gerade nach“, sagt Bahnemann. Und hier beginnen die Probleme. Bahnemann ist unglücklich, dass das Thema nun diese Ebene erreicht hat.

Denn das Netzwerk hatte bereits seit geraumer Zeit eine Immobilie im Blick – ein Haus in der Nähe des Maxdorfer Großmarkts, das der Verbandsgemeinde gehört. Es wurde vor zweieinhalb Jahren renoviert, aktuell leben dort vier Flüchtlingsfamilien. Ins Erdgeschoss würde gerne das Netzwerk einziehen. In nicht-öffentlicher Sitzung hat sich der Verbandsgemeinderat jedoch dagegen ausgesprochen. „Mit deutlicher Mehrheit“, sagt Poje – und das über die Fraktionsgrenzen hinweg. „Wohnraum ist wertvoll, man möchte keinen herschenken“, befand er in der Sitzung des Sozialausschusses am Dienstagabend. Man wolle ihn nicht für diesen Zweck „opfern“. Zudem gibt es eine weitere Frage: Ist es ethisch bedenklich, eine Flüchtlingsfamilie gezwungenermaßen umziehen zu lassen?

Bahnemann möchte das nicht gelten lassen. „Es ist kein Verlust einer Wohnung, sondern ein Umzug“, sagt er – und darin hätten die Ehrenamtlichen Erfahrung. In drei Jahren habe das Netzwerk zwischen 60 und 70 Umzüge gestemmt. „Es fällt der Verbandsgemeinde schwer, einfach mal Ja zu sagen“, findet Bahnemann. Er geht nun noch einmal in die Fraktionen, um Rede und Antwort zu stehen. Es klingt nicht danach, als sei das Thema für ihn bereits vom Tisch.

Das Netzwerk Hilfe eilt derzeit von Erfolg zu Erfolg. Es hat den Brückenpreis des Landes Rheinland-Pfalz gewonnen, überreicht durch Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD). Zu Beginn der Woche erhielt die Initiative für ihre Arbeit den Landespräventionspreis von Innenminister Roger Lewentz (SPD). „Es läuft gut“, sagt Bahnemann zufrieden. Aus all diesen Erfolgen zieht das Netzwerk eine große Portion Selbstvertrauen. Trotzdem sieht er sich nicht in einem Machtkampf mit der Verwaltung um die Deutungshoheit in der Flüchtlingsarbeit. „Es muss der Wunsch der Verbandsgemeinde sein, ein solches Projekt umzusetzen“, sagt Bahnemann, „was wir nicht wollen, ist zum parteipolitischen Thema zu werden.“

Ein anderes Gebäude, das für das Netzwerk vorstellbar wäre, ist das Maxdorfer Jugendhaus in der Industriestraße. Dessen Zukunft ist offen, viel hängt von der Entwicklung beim Albert-Funk-Haus ab. „Wir wären mit jeder Immobilie glücklich, die bestimmte Kriterien erfüllt“, gibt sich Bahnemann zurückhaltend. Ein Gebäude in Fußgönheim, das die Verbandsgemeinde dem Netzwerk anbot, hat er jedoch bereits kategorisch ausgeschlossen. Es liegt an der Hauptstraße und müsste saniert werden.

200.000 Euro schüttet die BASF in ihrem Wettbewerb aus, für jedes siegreiche Projekt sind es mindestens 5000 Euro. „Angefragt sind 20.000 Euro“, sagt Bahnemann und schränkt sogleich ein: „Unter den ersten drei Plätzen sind wir sicher nicht.“ Trotzdem: Dem Vernehmen nach rechnet das Netzwerk Hilfe mit einem gut fünfstelligen Betrag. Am Freitag werden die Fördergelder im Ludwigshafener Gesellschaftshaus des Chemie-Konzerns verteilt. Die BASF spricht dabei von einer „zweckgebundenen Spende“. Sie ist laut Unternehmen nicht an weitere Kriterien gekoppelt. Es gibt auch keine Frist, zu der das Projekt umgesetzt sein muss. Dennoch gibt es in Maxdorf eine Befürchtung: Kann sich das Netzwerk Hilfe mit der Verbandsgemeinde nicht auf einen Rückzugsort einigen, droht die wohl stattliche Summe zu verfallen.

Ludwigshafen-Ticker