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Ludwigshafen: Kultur Regional

Michael Patrick Kelly: „Ich habe die Kurve gekriegt“

„Ruhm ist trügerisch, im Ruhm besteht definitiv nicht der Sinn des Lebens“: Michael Patrick Kelly.

„Ruhm ist trügerisch, im Ruhm besteht definitiv nicht der Sinn des Lebens“: Michael Patrick Kelly. ( Foto: Andreas Nowak)

Er war Kopf der Kelly Family, dann Klosterbruder, nun macht er Solokarriere. Ein Gespräch mit Michael Patrick Kelly über Gott und die Welt.

Straßenmusiker, Teenieschwarm, Popstar, Bettelmönch – Michael Patrick Kelly war schon vieles. Als kreativer Kopf der Kelly Family verkaufte er 20 Millionen Tonträger, bis er sich für sechs Jahre aus der Öffentlichkeit in ein französisches Kloster flüchtete. Heute veröffentlicht er seine Musik als Solokünstler, ist mehr als ein Familienmitglied.

Als Teeniestar waren Sie Paddy Kelly, im Kloster Bruder John Paul Mary und jetzt Michael Patrick Kelly. Wie kam das?

Das sind die drei Kapitel meines Lebens und jedes hat seinen eigenen Namen. Paddy ist und bleibt mein Spitzname, die dritte Phase als Solokünstler wollte ich mit meinem eigentlichen Namen markieren. Vielleicht kommt ja irgendwann noch ein viertes Kapitel dazu.

 

Vielleicht eine Heavy-Metal-Karriere? Sie stehen privat doch auf härteren Rock. Wie würde Ihre Metal-Identität heißen?

(Lacht) Wie wäre es mit „Kickass“ Kelly? Ich höre nach wie vor gerne solche Musik, aber eigentlich bin ich kein Hardrocker.

 

Im Titelsong des neuen Albums „iD“ fragen Sie sich „Who am I?“. Wer sind Sie?

„iD“ steht für Identität aber auch für „in development“ (in der Entwicklung). Viele Menschen meinen, dass man erst durch bestimmte Situationen und Erfahrungen entdeckt, wer man eigentlich ist. Kurz gefasst, kann man über mich sagen: Musiker, Ehemann, Mystiker und – das ist ein großes Wort, aber ich bin auch Christ.

 

Wie haben Sie Ihre Identität gefunden?

Das war ein Prozess, ich habe keine so klar definierten Wurzeln wie Menschen, die an einem festen Ort aufgewachsen sind. Wenn Du im Rheinland, in Irland oder in Spanien groß wirst, hast Du dieses Heimatgefühl. Deshalb habe ich mir auch die Frage gestellt, wer ich bin. Nach der Wurzellosigkeit und der Zeit des suchenden Künstlers kam mit dem Kloster die dritte Ebene. Dort habe ich die tiefste Antwort auf meine Frage gefunden. Aber das wird jetzt vielleicht zu philosophisch.

 

Nur zu!

Wenn Du vor einem Gemälde stehst, schaust Du Dir es vielleicht genau an und analysierst es. Voll und ganz begreifen kannst du es aber erst, wenn du mit dem Maler sprichst. So sehe ich das auch mit uns Menschen. Richtig verstehen können wir uns erst, wenn wir unsere Herkunft, unseren Schöpfer fragen: Was hast Du Dir dabei gedacht, mich zu erschaffen? Wir sind mehr als das Materielle, mehr als chemische Prozesse, auch wenn die natürlich eine Rolle spielen. Ich glaube an die Seele. Wo die herkommt und hingeht, kann man nicht auf empirischem Wege erklären.

 

Sie sind als Superstar ins Kloster gegangen, von der Rampensau zum schweigenden Bettelmönch – wie geht das zusammen?

Früher war ich ein extrovertierter Mensch, der ein extrovertiertes Leben führte. Ich bin quasi auf der Bühne groß geworden, sie war mein Spielzimmer. Das Kloster war das absolute Gegenteil. Ich brauchte ein Reset.

 

Warum war das nötig?

Der Grund war eine Überdosis von Aufmerksamkeit und zu viel Druck – vor allem mit der Musik verbunden. Statt Leidenschaft und Freude waren da irgendwann nur noch Zwänge. Ich war der musikalische Leiter und Hauptproduzent der Band. Unsere Platte „Over the Hump“ verkaufte sich 4,5 Millionen Mal und dann sollte ich – mit 18 – den Nachfolger produzieren. Die Platte landete dann auf Platz 1 und ab da hieß es nur noch: „Okay, der Junge kann’s. Bitte mehr davon!“ Auch in der Familie war das nicht immer einfach.

 

Bei „stern TV“ haben Sie vor einigen Jahren einmal über ganz konkrete Suizidgedanken gesprochen. Was wäre passiert, wenn Sie später nicht ins Kloster gegangen wären?

Ich wäre nicht glücklich geworden. Ich habe mein Glück im Glauben gefunden. Ich bin heute oft allein unterwegs, bin aber nie einsam. Den Song „Requiem“ habe ich für die zu früh verstorbenen Künstler geschrieben. Künstler sind sensible Seelen und können nicht immer mit Druck und der enormen Aufmerksamkeit umgehen. Manche gehen daran kaputt.

 

Und wie war das bei Ihnen?

Ich habe die Kurve gekriegt. Heute fühle ich eine Stärke in mir, durch die ich das alles – Erfolg hin oder her – relativieren kann. In all meinen Verträgen steht, dass ich als Künstler das letzte Entscheidungsrecht habe. Mein Vater hat immer gesagt „Keep your spirit free“ („Halte deinen Geist frei“). Das ist eine Art Leitmotiv für mich. Das war früher in der Familie nicht immer möglich.

 

Wie wichtig ist Familie?

Ich glaube, dass Familie die wichtigste Zelle der Gesellschaft ist. Dort lernst Du leben, lieben, teilen. Sie kann dich aber auch zerstören. Zum Beispiel, wenn Kinder in einer schwierigen Familie groß werden. Ich glaube, dass die meisten Verhaltensstörungen aus Mangel an Liebe oder durch Gewalt und Missbrauch entstehen. Ich hätte mir gewünscht, dass meine Mutter länger gelebt hätte. Meine älteren Schwestern haben ihr Bestes gegeben, und ich bin ihnen sehr dankbar dafür. Aber es war hart. Für die gesunde Entwicklung eines Kindes ist die väterliche und mütterliche Liebe wichtig. Wenn etwas fehlt, merkt man das meist später.

 

Können Sie sich vorstellen, eine eigene Großfamilie zu gründen?

Eine Großfamilie muss es nicht sein. Aber Vater zu sein, ist sicher etwas Tolles. Auch wenn es anstrengend ist und Schlaf raubt.

 

Würden Sie Ihre Kinder so großziehen, wie Sie selbst aufgewachsen sind?

Wenn ich Kinder hätte, die Superstar werden wollen, sähe ich das kritisch. Wenn sie Musik machen möchten, würde ich sie voll und ganz unterstützen. Heute verbindet man mit Glück ja oft Statussymbole, Geld, Ruhm oder Macht. Ich habe ein bisschen davon erfahren und weiß, dass man Glück nicht kaufen kann. Freundschaft, Liebe, den Sauerstoff, den wir einatmen – kriegst Du alles nicht im Supermarkt. Ruhm ist trügerisch, und in ihm besteht definitiv nicht der Sinn des Lebens.

 

Stimmt es, dass Sie im Kloster neben der eigenen Sinnsuche die Mülltrennung eingeführt haben?

Das stimmt. In so einem Kloster leben 70 bis 80 Mönche aus über 25 Nationen. Und in vielen Ländern gibt es keine Mülltrennung. Ich habe zuerst in der Töpferei gearbeitet, dann habe ich Sandalen und Gurte aus Leder gefertigt und danach kam ich in die Wäscherei – 80 Kutten reinigen, Socken, Unterhosen. Als nächstes habe ich mich eben um den Abfall gekümmert und festgestellt: Da geht noch was. Mülltrennung – total deutsch (lacht).

 

Was war das Erste, was sie machten, als Sie wieder „draußen“ waren?

Ich habe mir eine EC-Karte angeschafft. Ich war ja Bettelmönch und musste in der Zeit tatsächlich dreimal betteln, weil ich unterwegs nicht genug Geld dabei hatte. In Lyon fehlten mir einmal zehn Euro. Als ich dort aus der U-Bahn stieg, kam eine ältere Dame auf mich zu und sagte: „Mein Bruder, mein Bruder! Hier, für Dich.“ Dabei drückte sie mir zehn Euro in die Hand. Kein Scherz! Ein kleines Augenzwinkern von oben.

 

 

Termin

Konzert mit Michael Patrick Kelly am Montag, 15. Januar, 20 Uhr, im Mannheimer Rosengarten. |

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