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Ludwigshafen

Martin Schulz in Ludwigshafen: "Merkel ist retro"

Von Steffen Gierescher

Vor 1000 Zuhörern im Pfalzbau hat SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz gestern Abend für seine Politik geworben. „Helfen Sie mir“, sagt er am Ende seiner einstündigen Rede. Elf Tage vor der Bundestagswahl nimmt er vor allem die Regierungschefin ins Visier: Angela Merkel drücke sich vor einem zweiten TV-Duell.

Ja, Wahlkampf ist anstrengend. Am Dienstagabend im Rampenlicht der ZDF-Wahlarena. Gestern Abend der Auftritt im Ludwigshafener Pfalzbau-Foyer, wohin die auf dem Theaterplatz geplante Kundgebung wegen des stürmischen Wetters kurzfristig verlegt worden war. Martin Schulz ist zunächst anzumerken, dass sein Akku ziemlich leer ist. Er leistet sich zwei verbale Ausrutscher. Erst verortet er die Bundestagskandidatin für Neustadt und Speyer, Isabel Mackensen, nach Kaiserslautern („Dat is mir jetzt richtig peinlich“). Später datiert er den nahenden Wahltermin im Eifer des Gefechts auf den „24. Dezember“.

Genossen feiern ihren Hoffnungsträger

Die vielen Genossen im Publikum nehmen es mit Humor. Sie feiern ihren Hoffnungsträger, schwenken Fahnen und tragen Buttons mit dessen Konterfei am Revers, auf denen „Zeit für Martin“ steht. Auf Pappschildern ist in Anspielung auf Schulz’ Heimatstadt zu lesen: „London, New York, Paris, Würselen.“

Laut und emotional wird’s immer dann, wenn der 61-Jährige in den Angriffsmodus schaltet. Im Kreuzfeuer seiner Kritik: Angela Merkel, die Frau, die hier vor zwei Wochen zu Gast war. „Die sacht ja nix“, wirft Schulz ihr vor. Die Kanzlerin verwalte die Vergangenheit, statt die Zukunft zu gestalten. Sie sei eine Weltmeisterin des Ungefähren, arrogant und zu feige, um Trump, Putin oder Erdogan in die Schranken zu weisen. Nun drücke sie sich auch noch vor einem zweiten TV-Duell. „Merkel ist retro. Lasst uns Schluss machen mit dieser Schlaftablettenpolitik“, sagt Schulz. Die CDU nennt er eine „Partei der sozialen Kälte“. Auch die AfD knöpft er sich vor: „Diese Organisation der Hetzer ist eine Schande für unsere Nation.“ Jubel im Saal.

 

"Wohnen ist ein Grundrecht"

„Zeit für mehr Gerechtigkeit“ – der Slogan auf dem großen Plakat hinter dem Rednerpult ist der rote Faden für Schulz, der stets dann starke Momente hat, wenn er seine Kraft gebündelt in kernige Botschaften packt. „Wohnen ist ein Grundrecht und darf nicht zum Luxus degenerieren.“ „Die medizinische Versorgung darf nicht nach Prestigefragen entschieden werden.“ „Familie und Beruf darf nicht zur doppelten Last werden, sondern muss ein Grund für doppelte Freude sein.“

Dass er bei einigen Kommentatoren auf „Glatze, Bart, Anzüge von der Stange und kein Abitur“ reduziert werde, fuchst den langjährigen Präsidenten des EU-Parlaments. „Die Verachtung gegenüber normalen Menschen, die aus dieser Haltung spricht, geht mir auf die Nerven. Ich möchte eine Gesellschaft, in der Respekt im Mittelpunkt steht.“

Vier Versprechen an die Wähler

Den Wählern macht Schulz vier Versprechen. Die Rentengrenze von 67 Jahren, die die CDU auf 70 anheben wolle, sei mit seiner Partei nicht verhandelbar. Er werde eine „nationale Bildungsallianz“ für bessere Schulen schmieden. Den Rechtsanspruch für eine Rückkehr von Teilzeit- in Vollzeitjobs werde er durchboxen und „Europa wieder stark machen.“ Die Frage, wie er das alles bezahlen wolle, beantwortet er an CDU und CSU adressiert so: „Mit den 25 bis 30 Milliarden Euro, die ihr in die Aufrüstung stecken wollt.“

Aussagen, die bei Roman Schmidt ankommen. „Ich fand’s super, ich wähle ihn“, sagt der 47-jährige Lokführer. Zentral ist für den parteilosen Mundenheimer, dass Schulz das Thema Tarifbindung ganz oben auf seiner Agenda gelistet habe.

Dreyer und Schulz werben für Steinruck

„Bald wird sie die Chefin dieser Stadt sein“, sagt Schulz zuvor mit Blick auf die Europaabgeordnete Jutta Steinruck, die „als nächste Oberbürgermeisterin von Ludwigshafen“ angekündigt wird. „Jutta ist die Richtige – kompetent, engagiert, mutig. Und sie liebt Ludwigshafen“, wirbt auch Ministerpräsidentin Malu Dreyer für die 55-Jährige. Die Resonanz auf ihr Arbeitsprogramm sei „umwerfend“, weshalb sie zuversichtlich in den Endspurt des OB-Wahlkampfs gehe. Über Schulz sagt Steinruck: „Er ist glaubwürdig und steht für Gerechtigkeit.“

Mehr bezahlbare Wohnungen für Ludwigshafen fordert Bundestagskandidatin Doris Barnett, die im Wahlkreis Ludwigshafen-Frankenthal antritt. Und: „Wir brauchen mehr Tariflöhne in diesem Land.“

Den letzten Beweis dafür, dass ihre Parteikollegin Mackensen dem Kanzlerkandidaten den Fauxpas zu Beginn verziehen hat, liefert diese beim Finale. Schulz überreicht sie ein rotes Dubbeglas. Verbunden mit den Worten: „Die Pfalz im Herzen, die Menschen im Blick.“

 

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