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Donnerstag, 04. Juli 2019 Drucken

Ludwigshafen

Ludwigshafen: Was ist die „Wissensfabrik“?

Von Claudia Heck

Besprechen, was sie als nächstes ausprobieren wollen: Viertklässerlinnen der Goetheschule Nord. Foto: cam

Besprechen, was sie als nächstes ausprobieren wollen: Viertklässerlinnen der Goetheschule Nord. Foto: cam

Warum stürzt ein hoher Turm nicht um? Wie baut man eine Brücke, damit sie nicht einbricht? Diese Fragen werden bei „KiTec – Kinder entdecken Technik“ altersgerecht beantwortet. „Wissensfabrik“-Projekte wie dieses setzen mehr als 20 Kitas und Schulen in Ludwigshafen um – so wie gerade die Goetheschule Nord. Nur – was wiederum ist die „Wissensfabrik“?

Die „Wissensfabrik – Unternehmen für Deutschland“ , so der vollständige Name des Vereins, ist 2005 auf Initiative von Jürgen Hambrecht, dem damaligen Vorstandsvorsitzenden der BASF, und Franz Fehrenbach, dem damaligen Vorsitzenden der Geschäftsführung der Robert Bosch GmbH, als Reaktion auf eine McKinsey-Studie zur Bildung in Deutschland gegründet worden. Die Manager sind überzeugt, dass gute Bildung in den Mint-Fächern – Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik – eine „entscheidende Auswirkung auf die Zukunftsfähigkeit des Standorts“ hat, weil „Innovation der Motor der deutschen Wirtschaft“ ist. Zu den Gründungsmitgliedern zählen – neben BASF und Bosch – Fischerwerke, Follmann Chemie, KSB, Trumpf und Voith.

Geschäftsstelle in Ludwigshafen koordiniert Aktivitäten in ganz Deutschland

Ziel des Vereins ist es, wie Simone Tietz, für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit zuständig, erläutert, „den Standort zukunftsfähig und die junge Generation fit für die Herausforderungen der Wissensgesellschaft zu machen“. Dabei gehe es um Wissenstransfer und Kompetenzentwicklung in den Mint-Fächern, der ökonomischen Bildung und dem Unternehmertum. Das Engagement ruhe auf zwei Säulen: der Förderung innovativer technologieorientierter Start-ups und – eben – der Umsetzung von Bildungsprojekten in Kitas und Schulen.

Heute ist die „Wissensfabrik“ ein bundesweites Netzwerk aus 140 Unternehmen und unternehmensnahen Stiftungen aller Branchen und Größen – darunter Fasihi und Softwarekontor (Ludwigshafen) sowie SAP, Bilfinger und Freudenberg aus der Region. Kooperationspartner sind Hochschulen, Forschungseinrichtungen und andere Initiativen im Bereich der Mint-Förderung, so Tietz. Der Lenkungskreisvorsitzende ist der BASF-Vorstand und Arbeitsdirektor Michael Heinz, den Vorstandsvorsitz hat Lilian Knobel inne. Die Geschäftsstelle in Ludwigshafen – seit 1. Juli in neuen Räumen in der Ruthenstraße 23 – koordiniert die Aktivitäten in ganz Deutschland.

In Ludwigshafen setzen mehr als 20 Kitas und Schulen die Projekte um

Die Mitmachprojekte im Bildungsbereich richten sich an Kitas und Schulen. Sie werden in sogenannten Bildungspartnerschaften umgesetzt: Ein Unternehmen finanziert und unterstützt Projekte, die von Erziehern und Lehrern nach einer Fortbildung im Unterricht eingesetzt werden, wie Tietz erklärt. Seit der Gründung sind mehr als 3000 Bildungspartnerschaften geschlossen worden; in Ludwigshafen setzen mehr als 20 Kitas und Schulen die Projekte um.

Alle Projekte sind in Kooperation mit Hochschulen konzipiert und entwickelt worden. Sie orientieren sich an den Lehrplänen der Länder und sind „ready to use“, wie Tietz es formuliert. Das bedeutet, dass die Umsetzer – neben umfangreichen didaktischen Unterlagen – die komplette Ausstattung im Klassensatz erhalten.

Weitere Regionen sollen folgen

Zusätzlich hat die „Wissensfabrik“ Anfang Juni gemeinsam mit dem rheinland-pfälzischen Bildungsministerium und der BASF den sogenannten Mint-Hub gestartet, um einen flächendeckenden Einsatz der Projekte in Schulen zu ermöglichen: „KiTec – Kinder entdecken Technik“ in Grundschulen und „IT2School – Gemeinsam IT entdecken“ in weiterführenden Schulen. In der ersten Welle werden Schulen aus dem pfälzischen Teil der Metropolregion angesprochen; weitere Regionen sollen folgen, so Tietz. „Eine Ausweitung dieses flächendeckenden Konzepts ist auch für andere Bundesländer geplant, jedoch noch nicht spruchreif.“

Im Netz

www.wissensfabrik.de

Zur Sache: Grundschüler in Nord entdecken Technik

„Jede Gruppe nimmt sich ein Blatt und kommt in die Werkstatt“, so lautete der Aufruf Tobias Nietsches an seine Viertklässler. Der Lehrer an der Goetheschule Nord im gleichnamigen Stadtteil engagiert sich eigenverantwortlich in dem Projekt der Wissensfabrik: Kinder, ob Mädchen oder Jungen, planen und bauen selbständig ihre Projekte. Sie erarbeiten in kleinen Gruppen das benötigte Material und die notwendigen Handgriffe.

Kurz vor den Sommerferien war die Aufgabe, eine Brücke zu bauen. Ob Zug-, Balken- oder Hängebrücke, es hörte sich jedenfalls recht anspruchsvoll an, was die Kinder da gestalten sollten. Für schwierige Objekte gab es immerhin ein Handbuch, in dem die Holzmodelle dargestellt waren, damit jeder wusste, welche Schraube an welchen Platz eingedreht werden musste. Suleika und Rronja gingen zuerst in den Grünbereich des Schulhofs. Sie suchten Zweige und Äste, um mit Hilfe einer Säge und einer Kordelrolle eine Balkenbrücke zu bauen. Eine halben Stunde später waren bereits mehrere verknotete Brückenstege entstanden. Eine andere Gruppe versuchte sich an der Zugbrücke.

Vergangenes Jahr Nistkästen und Insektenhotels gezimmert

„Wir machen immer abwechselnd ein aufwendiges und ein schnelles Projekt, bei dem man bereits nach einer Doppelstunde das Ergebnis sieht“, sagte Nietsche. „Im vergangenen Schuljahr haben wir Nistkästen und Insektenhotels hergestellt“, berichtete er. „Da lautete das Thema: Was summt und brummt in unserer Stadt?“ Direkt neben seinem Klassensaal steht ihm dafür eine komplett eingerichtete Werkstatt zur Verfügung, die die Wissensfabrik für ihn eingerichtet hat.

Außer Werkzeug sind in der Werkstatt Batterien, Magnete und Räder, ordentlich in Kisten sortiert, zu finden. Materialnachschub von Rohstoffen wird bei der Maudacher Werkstatt, einer Einrichtung für behinderte Menschen, bestellt. Auch die Rohstoffe finanziert die „Wissensfabrik“.

Auch bei der Bildung: Vorbeugen ist besser als Nachsorgen

„Unser Leitspruch lautet: ,Lieber früh investieren als spät reparieren’“, so Simone Tietz, Pressesprecherin des Vereins. Ein Wunsch der „Wissensfabrik“ wäre es, dass sich noch viel mehr Einrichtungen beteiligen. Die Hürde dabei scheint jedoch fehlender Platz in den Schulen zu sein. Die Goetheschule Nord hat das so geregelt, dass große Gruppen ins Lehrerzimmer dürfen. Dort seien die Tische alt, sagte Schulleiterin Claudia Neubauer mit einem Lächeln. „Wir haben zusätzlich hochbegabte Kinder aus anderen Schulen hier, die an drei verschiedenen Projekten arbeiten“, teilte sie mit.

Nietsche hat beobachtet, dass das handwerkliche Interesse der Mädchen sehr groß sei. Jungs glaubten, sie wüssten schon das meiste, dabei seien es die Mädchen, die ordentlicher arbeiteten. Ziel sei es, auch Mädchen frühzeitig die Möglichkeit zu eröffnen, später in handwerkliche Berufe zu gehen. Damit könne man nicht früh genug anfangen. Beim Bedienen der Schraubstöcke und Handsägen standen sie den Jungs jedenfalls in nichts nach. Verletzungen habe es bisher noch keine gegeben, erzählte der Lehrer nicht ohne Stolz.cam

|ndi,tbg

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