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Donnerstag, 14. März 2019 Drucken

Ludwigshafen

„Ich bin glücklich“

Zeige mir Deine Welt (3): Jürgen Stahl malt, feiert, reist und geht sogar gern arbeiten. Aber am liebsten lacht er. Jürgen Stahl hat Trisomie 21 – und er ist zufrieden mit seinem Leben. Wie er seinen Alltag meistert, das zeigt und erzählt er bei einem Besuch an seiner Arbeitsstätte in der Wäscherei in Schifferstadt der Ludwigshafener Werkstätten.

Von Doreen Reber

«Schifferstadt.» Es zischt und dampft in der Wäscherei der Schifferstadter Werkstätten, ein frischer, sauberer Duft hängt in der Luft und es ist mollig warm. Männer und Frauen in weißen Kitteln sortieren, richten, zählen Handtücher, Bettwäsche und Decken, sitzen an großen Maschinen, schieben Boxen hin und her. „Hallo Jürgen“, tönt es aus vielen Ecken, Jürgen Stahl hebt die Hand und lacht. Der 43-Jährige ist in seinem Metier. „Hier werden die Handtücher gezählt, dann verschweißt …“, erklärt er. Den Ablauf in der Wäscherei kennt er in- und auswendig, seit 20 Jahren arbeitet er in dem Bereich.

„Jürgen hat Trisomie 21“, erläutert Beate Kiefer, Bereichsleiterin für Soziales in der Werkstatt. Aber er nutze all seine Möglichkeiten und hadert nicht mit seinen Einschränkungen. Im Gegenteil: „Er ist lebensfroh und vielem aufgeschlossen gegenüber.“ Ursprünglich stammt er aus Rödersheim-Gronau, dort leben auch noch seine Eltern. In Bad Dürkheim besuchte er die Sonderschule: „Mathe? Na ja!“, sagt er und lacht über das ganze Gesicht, als er von seiner Schulzeit erzählt. „Aber meine Lehrerin, Frau Hess, die war nett.“ Zwölf Jahre lang besucht er die Schule, so lang bestehe Schulpflicht für Menschen mit Beeinträchtigung. Dann lernte er zwei Jahre lang im Berufsbildungsbereich der Ludwigshafener Werkstätten in Schifferstadt und wechselte schließlich in die Wäscherei. Er habe eine schöne Kindheit und Jugend gehabt. „In Gronau bin ich oft mit dem Hund von meiner Patin spazieren gegangen“, sagt er und strahlt.

Es sind eben diese kleinen Dinge, an denen sich Jürgen erfreut. „Ich mag zum Beispiel den Herbst“, sagt er auf die Frage, was er besonders liebt. Der Grund leuchtet ein: „Da habe ich Geburtstag und es gibt Zwiebelkuchen und neuen Wein“. Den roten mag er lieber, „der ist süßer“. Ein Genussmensch also? „Ah, jo“, sagt er, zeigt auf seinen Bauch und lacht herzlich. Und er feiert gern, ob Geburtstag oder all die vielen Feste in der Region. Überhaupt sei er sehr unternehmungslustig und probiere vieles aus, bestätigt Beate Kiefer. Er mag Kreuzworträtsel, schreibt unheimlich gern auf seiner alten Schreibmaschine, geht als FCK-Fan auf viele Spiel – und liebt Bücher. „Nur Krimis nicht, zu gruselig“, sagt er und grinst, als habe er einen Schalk im Nacken sitzen. Und der springt auch gleich auf sein Gegenüber über.

Heute ist Speyer seine Heimat, dort wohnt Jürgen in einer Wohngruppe der Lebenshilfe mit zwölf Mitbewohnern. „Wir machen viel zusammen“, erzählt er, „aber manchmal gehe ich in mein Zimmer“. Dann greift er zum Pinsel. „Jürgen ist ein richtiger Künstler“, verrät Beate Kiefer, da wird er ein wenig verlegen. Jeden Freitag nach der Arbeit können die Werkstatt-Mitarbeiter kreativ werden. Jürgen malt am liebsten Tiere in den unterschiedlichsten Umgebungen. Er hat sogar schon Bilder verkauft, denn ab und zu laden die Werkstätten zu Ausstellung an unterschiedlichen Orten ein.

Ein paar Tiere hat Jürgen bestimmt auch auf seinen Reisen gesehen. Das ist auch sein Hobby: Früher sei er mit seinen Eltern verreist, doch die sind nicht mehr so gut zu Fuß. Heute verbringt er die Urlaube meist mit dem Bus und mit anderen Bewohnern der Lebenshilfe. Er war schon in den Bergen in Bayern, an Seen, auf Bauernhöfen und einmal am Meer in Holland. „Das war auf einem Segler“, erzählt er stolz. „Nur habe ich da Höhenangst gehabt.“ Höhenangst? „Ja, wenn man die Stufen runter in die Kajüte steigt.“

Sicher hingegen fühlt sich Jürgen in der Wäscherei. Wochentags, jeden Morgen um 7.15 Uhr fährt er mit dem Bus nach Schifferstadt, etwa sechs Stunden täglich arbeitet er hier. „Um halb vier ist Feierabend.“ Er kann an allen Stationen eingesetzt werden. „Schau, hier ist der Schmutzraum“, sagt er und läuft in einen Raum. In dem steht eine riesige Maschine bis unter die hohe Decke. Über einen Computer wird diese mit Schmutzwäsche befüllt. „Hier kontrolliere ich die Nummern der Boxen“, erklärt Jürgen stolz, so bekomme jede Kunde auch wieder seine Wäsche zurück. Etwa zwei Tonnen Schmutzwäsche werden täglich in der Wäscherei gereinigt, informiert Beate Kiefer. 35 Wäscherei-Mitarbeiter sind dafür im Einsatz, etwa 270 arbeiten in den Schifferstadter Werkstätten. Am betriebsamsten ist es an der riesigen Mangel. Hier legen die Mitarbeiter Wäschestücke vor die Walzen, am anderen Ende werden die geglätteten Stücke zusammengelegt und verpackt. Es gibt viele Stationen, „ich bin eigentlich an jeder Station gern“, sagt Jürgen.

Wunschlosglücklich sei er, als er nach seinen Wünschen für die Zukunft gefragt wird. Doch, eines wäre da noch: Vielleicht einmal an den Tegernsee nach Österreich. „Na, das ist doch machbar“, sagt Beate Kiefer zu Jürgen, er nickt. „Es ist für Menschen mit Beeinträchtigung wichtig, das anzunehmen, was sie können, und dass sie sich daran erfreuen, was sie haben.“ Das gelte aber nicht nur mit Menschen mit Beeinträchtigung, das sollte das Lebensmotto für jeden Menschen sein. Und Jürgen sei dafür das beste Beispiel.

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